03.12.1999

Leben mit der Unschärfe

Die Angst des Emir Kusturica vor Ideologien und die Verflechtung von Politik und Kultur.

Interview: Reto Baumann, Foto: Gertrud Vogler

WoZ: Emir Kusturica, Sie sind mit der No Smoking Band unterwegs. Die Faszination eurer Musik, Unza Unza, liegt nicht zuletzt in ihrem Schmelztiegel-Charakter. Verbirgt sich dahinter auch eine politische Vision?
Emir Kusturica: Unser Mix ist ein Energie-Konzentrat mit therapeutischem Effekt. Zigeuner-Musik und die kubanische Musik sind die letzten Territorien, die in dieser Welt nicht «hollywoodisiert» sind. Man kann mittlerweile ja selbst in der Mongolei in eine Diskothek gehen, und begegnet dort, wo die Stalin-Büste gestanden hat, jener von Schwarzenegger.

Diesem Globalisierungs-Trend setzen Sie in Ihren Filmen gerne Archetypisches, Disziplinlosigkeit und Barockes entgegen.
Das ist eine Art Überlebensstrategie. Zwar fliesst in meinen Adern kein Zigeuner-Blut, ich fühle mich aber auch als Nomade. Die Zigeuner zeigen, dass es andere Wege gibt, an das Leben heranzugehen, ausserhalb nationaler Grenzen. In ihrer Musik kommt das zum Ausdruck: die ist international und wild.

Daneben künden Ihre Filme von einem Bedürfnis nach Werten. Nach Familie, nach Liebe, nach einer Balance mit der Natur.
Ich insistiere auf diesen Dingen, weil dies meine Moral so verlangt. Aber im Grunde sind diese Werte bereits verlorengegangen.

Inwiefern verstehen Sie sich als politischer Filmemacher?
Das Drama der Balkan-Region ist durch historische Bedingungen geschaffen worden. Der Antrieb jedes Protagonisten in einem Balkan-Film muss in der Geschichte liegen. Man kann den Leuten da nicht von einer urbanen Figur, ihren alltäglichen Problemen erzählen. Meine Stärke liegt jedoch nicht im Politischen, vielmehr verstehe ich es, Zuständen und Dingen einen lyrischen Anstrich zu verleihen.

Von der serbischen Opposition sind kaum mehr Zeichen zu vernehmen. Wie interpretieren Sie das Schweigen?
Die Veränderung der politischen Landschaft wird langsam vonstatten gehen. Der Westen hat durch die Bombardierung Milosevic gestärkt. Es sind viele gegen Milosevic. Aber egal wie sehr man ihn hasst, wenn die Bomben durch die eigene Haustür spazieren, wird es persönlich. Milosevic ist ein schlauer Fuchs, der macht sich diese Ambivalenzen zu Nutze. Er ist derzeit daran, Bahnhöfe wieder zu eröffnen, Brücken etc. und steht als Wohltäter da. Das ist eine groteske Situation, aber eine, die die Leute gerne sehen.

Welche politische Position kann man überhaupt einnehmen? In Ihren jüngeren Filmen foutieren Sie sich bewusst um eine explizite Aussage.
Diese Unschärfen sind für mich die einzige mögliche Haltung, es gibt keine Klarheit. Es gibt jedoch Dinge, die liegen offen: eine Agrokultur-Nation wie Jugoslawien hat nicht die Kraft, Dinge zusammenzufügen. Man braucht keinen serbischen Mythos zu bemühen, um dies zu erkennen. Es ist eine Tatsache, dass die serbische Nation kontinuierlich schrumpft. Was der Nazi Pavelic während des 2. Weltkriegs nicht geschafft hat, ist nun vollzogen: es gibt in Kroatien keine Serben mehr. Und der Kosovo ist auch verloren. Der serbische Mythos ist zerstört. Milosevics grosser Fehler ist diesbezüglich, dass er Serbien immer als eine Nation von 250 Millionen darstellt, dabei sind es nur neun. Milosevic verkennt die Tatsachen.

Ihr Film «Underground» wurde 1995 vor allem in Frankreich als proserbische Propaganda bezeichnet. Darauf erklärten Sie Ihren Rückzug vom Filmgeschäft, entschlossen sich aber bald schon zum Comeback.
Ich realisierte bald, dass ich aufhöre zu leben, wenn ich aufhöre, Filme zu machen. Und ich entdeckte, dass ich durch das Einfangen des magischen Realismus der Sinti den Leuten eine Art Parallelwelt zeigen kann. Es ist unheimlich, dass «Underground» als proserbisch bezeichnet wurde. Denn er war gegen Propaganda jeglicher Couleur gerichtet. Die Alt-68er Alain Finkielkraut und Bernard Levy hingegen, diese dümmlichen Fernseh-Philosophen, sind Teil der Propaganda, Aushängeschilder einer Industrie des Humanismus. Die sprechen nicht über Bosnien, weil sie die Leute da lieben. Denen geht es nur um Publizität. Die sind nicht an einer Position zwischen den Fronten interessiert.

In der hiesigen Presse hat die Parteinahme des Schriftstellers Peter Handke für Serbien grosse Wellen geworfen …
Die Frage, ob Handke recht hat oder nicht, ist nicht so wichtig. Recht hat niemand. Aber die Bereitschaft der Masse, den Skalp dessen zu fordern, der eine andere Meinung vertritt, ängstigt mich. Ich habe in einem kommunistischen Land gelebt, ich weiss, was Ideologie bewirkt. Die Welt wird immer ideologischer. Statt des Kommunismus haben wir das Global Village. Wer den Anweisungen des Fernsehens nicht folgt, gilt als politisch unkorrekt.

Gibt es überhaupt noch etwas, woran Sie glauben?
Ich verstehe mein Filmschaffen als architektonisches Gestalten, das von der Unmittelbarkeit lebt. An diese Kraft glaube ich. Es freut mich auch, wenn ich sehe, wie die innere Struktur einer gelungenen Szene Emotion freisetzt. Doch an was soll man gesellschaftlich und politisch glauben? Der mächtigste Teil der Erde ist die westliche Zivilisation. Diese insistiert auf Menschlichkeit, produziert aber gleichzeitig Tonnen von Waffen. Würden jene, die einander mit den diesen Waffen bekämpfen, mit ihren Kriegen plötzlich aufhören, die westliche Zivilisation würde kollabieren und Bono mit U2 keine Liebessongs mehr singen.

In Ihren Filmen gibt es oft Happy Ends ...
Für mich sind Happy Ends notwendig. Hollywood produziert derzeit oft dunkle Enden. Da wird eine Strategie der therapeutischen Funktion der Kunst verfolgt. Dieser düsteren Form muss man etwas entgegen stellen: eine dialektische Lösung.

... können Sie sich auch eines für den Balkan vorstellen?
Unsere Tragödie ist nicht authentisch politisch, unsere Tragödie ist authentisch ethnisch. Der tiefe Stand der Evolution ist ein gewaltiges Problem. Zudem haben die Serben nicht begriffen, dass der Kalte Krieg vorbei ist. Jugoslawien war eine Nation, die vom Kalten Krieg profitiert hat. Nun wollen die Serben nicht verstehen, dass die alte Form der Unabhängigkeit nicht mehr exisitert. Im Gegenteil: In gewissen Aussagen von Milosevic findet man den Titoismus wieder: Wir haben Stalin widerstanden, wir werden auch euch widerstehen, lautet die Botschaft. Diese Art des Widerstands ist heute aber passé, weil es primär um Wirtschaft, nicht um Politik geht. Das ist die Tragödie von Serbien. Absurd, aber wahr.

Wie sieht Ihre konkrete Vision für den Balkan aus?
Ich arbeite an einem neuen Film mit dem Arbeitstitel «Nose». Er handelt davon, dass auf einer New Yorker Bühne Cyrano de Bergerac gezeigt werden soll, der Hauptdarsteller jedoch nicht zur Premiere erscheint. Stattdessen versucht er, in seinem Kostüm seine Freundin aus den Händen der russischen Mafia zu retten. Anstatt den Cyrano auf der Bühne zu spielen, verkörpert er diesen für eine Nacht im richtigen Leben. Er mimt die Liebesgeschichte seines Lebens. Am Ende kommt er verwundet ins Theater und stirbt auf der Bühne. Ich denke, ich werde den Leuten das Leben ein wenig besser machen und ihn nicht sterben lassen.

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