23.09.2004

Trost und Rat

Mit «Am Hang» hat sich Markus Werner ins Herz einer restaurativen Gesellschaft geschrieben.

Von Urs Bruderer

Klaus Heer, 60, ist Fachmann für ein Thema, das langfristig fast überall leider keines mehr ist: für Sex in der Ehe. Das eheliche Zölibat sei epidemisch, sagt der Berner Paartherapeut am Telefon. Überhaupt misstraut er den Glücksverheissungen, die man einer Kraft namens Liebe nachsagt: Nichts bringe hierzulande so viel Leiden über die Menschen wie Zweierbeziehung und Ehe, sagt Heer. Für sein nächstes Buch führt er derzeit Gespräche mit Leuten in langjährigen Partnerschaften. Der Wurm sei in allen Beziehungen drin, die Frage sei nur, ob im Kerngehäuse oder in einem äusseren Bereich.

Ich habe Klaus Heer angerufen, um zu erfahren, wie ein Kenner des real existierenden helvetischen Paarlebens sich den Erfolg von «Am Hang» erklärt, Markus Werners neuem Roman, in dem wenig mehr passiert, als dass zwei Männer über Gott und die Welt und die Liebe reden. Der eine, Loos, ein geheimnisvoller Typ zwischen fünfzig und sechzig Jahren, hat für den Zeitgeist ätzenden Spott und für sich einen guten Schuss Selbstironie übrig. Er verehrt die ihm vor einem Jahr weggestorbene Gattin, beschreibt seine Ehe, die fünfzehn Jahre dauerte, als Heimat und schwärmt von «natürlicher Treue» als einem «stillen Naturtrieb». Der andere, Clarin, ist Scheidungsanwalt, um eine Generation jünger, zahmer und offener. Sein Berufsalltag liefert ihm reichlich Anekdoten, um die Unmöglichkeit der Ehe zu rechtfertigen und natürlich auch die Kette von Kurzbeziehungen, als die er sein Liebesleben gestaltet.

Klaus Heer hat «Am Hang» verschlungen. Er schätzte die einnehmende dialogische Form; die intellektuelle Brillanz, eingepackt in einfache, gut laufende Sätze und Geschichten; die genauen Beobachtungen, die neuen Bilder für sattsam bekannte Liebesnöte.

Keine Frage, Markus Werner schreibt einen tollen Stil. Auch die Feuilletons gaben sich begeistert: Meisterhaft die unaufdringlich-klugen literarischen Anspielungen, hiess es, raffiniert die Erzählanlage (ohne zu merken, wie ihm geschieht, schildert der Ich-Erzähler Clarin den allmählichen Zerfall seiner liberalen Pseudogewissheiten in Liebes- und Gesellschaftsfragen).

Doch die Meisterschaft des Buchs reicht nicht als Erklärung, warum es zum Bestseller werden konnte. Heer sagt, das Buch hole uns ab, weil es brennende Fragen behandle. Und weil es zeige, was es in der so genannten Liebe alles gebe.

WOZ: Gibt es denn die Treue als stillen Naturtrieb, Herr Heer?
Klaus Heer: Ja, die ist mir schon begegnet, wenn auch selten.

Im Buch schwärmt Loos von dieser Treue, ein Typ, der seine Ehe als gelebtes Ideal beschreibt. Schalten Sie da nicht automatisch auf Misstrauen um?
Früher schon, heute misstraue ich auch meinem Misstrauen.

Und fröhliche Singles, gibt es die?
Das ist eine Masche. Ein Typ wie dieser Scheidungsanwalt heiratet gewöhnlich noch vor vierzig – ich war auch einer von denen. Früher oder später holen die biografischen Überlegungen jeden ein. Man denkt an Geborgenheit, Sicherheit.

Würden Sie «Am Hang» als psychologischen Ratgeber empfehlen?Auf jeden Fall eher als ein Sachbuch.

Warum?
Weil die männliche Hälfte der Menschheit kaum psychologische Sachbücher liest, womit sie übrigens Recht hat, die sind nämlich meistens langweilig und langfädig. Und weil ein Roman keine definitiven Antworten gibt, sondern das Denken und die Fantasie anregt.

Eine Anregung kann man in «Am Hang» allerdings vermissen: Keine Figur plädiert für eine feste Beziehung mit gelegentlichen Seitensprüngen.
Untreue hat in einer Beziehung enorme innenpolitische Auswirkungen. Das kann belebend wirken. Nur eben: Das Risiko ist sehr gross und im Voraus nicht abzuschätzen.

Wäre für Sie auch ein Roman über ein glückliches Paar mit Aussenbeziehungen denkbar?
Sie meinen à la Nena und George O’Neill, «Die offene Ehe», 1972? Ein schönes Märchen. In der Wirklichkeit scheitert das Modell zuverlässig an der Überforderung der wohlmeinenden Experimentatoren. Untreue ist wohl mindestens so schwer auszuhalten wie Treue.

Ist «Am Hang» trotz seines zeitlosen Themas ein aktuelles Buch?
Es trägt die Züge unserer restaurativen Zeit. In den von 1968 geprägten siebziger und achtziger Jahren wäre es wohl anders erzählt worden.

Hat Markus Werner, der seine genaue Kritik an der Gesellschaft in der Abgeschiedenheit entwickelt, gar ein reaktionäres Buch geschrieben?
In wirtschaftlich unsicheren Zeiten suchen die Menschen nach Sicherheit im Nahbereich. Es ist kein Zufall, dass der Paartherapeut Jürg Willi derzeit im «Blick» und am Fernsehen mit seiner vierzigjährigen Partnerschaft prahlen darf. Wenn ein feines Stück Literatur wie «Am Hang» heute zum Bestseller wird, dann auch, weil dieser Loos, die überzeugendere Romanfigur, wortreich das Lob der Treue singt. So etwas liest man gern, wenn man sich ans selbe Ziel klammert, auch wenn man dabei längst in Schräglage geraten ist. Doch wer in der Literatur den einfachen Trost sucht, wird von Markus Werner enttäuscht: Auf der Erkundung ihrer eigenen Biografie geraten beide Helden ins Rutschen.

Clarin und Loos sind zwei sehr verschiedene Erben der 68er-Generation. Clarin, der Jüngere, verteidigt die sexuelle Revolution, die einigermassen stattgefunden hat, und weint der weitgehend wirkungslos gebliebenen Kritik am eindimensionalen Menschen keine Träne nach. Diesen Clarin stürzt Loos mit seiner Eloquenz, seiner Präsenz und seiner gründlichen Art in einen Taumel, wie der ihn zuletzt erlebt hat, als ihn mit zwanzig Jahren eine Freundin «wie einen Schirm hat stehen lassen».

Loos, vom Jahrgang her ein Original-68er, hält es genau umgekehrt mit dem Gedankengut seiner Generation: Er kritisiert «das Gezücht der Anschmiegsamen» und hält «eine Revolution der Schnecken und der zu Schnecken Gemachten» für nötiger denn je; dem Freiheitsgewinn in Liebesdingen traut er hingegen nicht mehr. Nach 68, so möchte man aus Loos’ Triumph folgern, ist alles verkehrt gelaufen.

Doch dann nimmt die Geschichte, vielleicht etwas spät, nochmals eine überraschende Wende. Loos, so stellt sich heraus, hat Clarin ein Lügenmärchen aufgetischt: Die von ihm wie eine Heilige verehrte Ehefrau ist nicht gestorben. Wahrscheinlich hat sie ihn, nachdem sie sich auf einen anderen Mann eingelassen hatte, einfach sitzen lassen. Der andere war, man ahnt es, Clarin. So platzt nicht nur das Ideal der Treue, so wird die Geschichte erst wirklich gut: Was bleibt, ist Verunsicherung, das Glücksgefühl nach einem Leserausch und der Trost, dass man mit seinen Problemen nicht allein ist.

Klaus Heer ist Autor von «Ehe, Sex und Liebesmüh» (Steidl Taschenbuch, Göttingen 1995), einer Sammlung «eindeutiger Dokumente aus dem Innersten der Zweisamkeit».

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