15.03.2001

Die innenpolitische Temperatur steigt

Von Andreas Ernst, Skopje

Sind es lediglich gelegentliche Schiessereien oder schon neu aufgeflammte Kämpfe? Die Informationen über die Situation im Grenzgebiet zwischen Mazedonien und dem Kosovo sind widersprüchlich. Die koordinierten Aktionen der internationalen Kosovo-Streitmacht Kfor und mazedonischer Sicherheitskräfte scheinen die Freischärler der «Nationalen Befreiungsarmee» isoliert zu haben. Nachdem der erste Schreck eines drohenden Krieges zu einem kurzen «ethnischen Burgfrieden» führte, sind die politischen Auseinandersetzungen wieder aufgeflammt. Am Sonntag wurde in Mazedonien eine neue, dritte albanische Partei gegründet: Die Nationaldemokraten, an deren Spitze ehemalige politische Gefangene stehen, haben die Föderalisierung des Landes in einen albanischen und einen mazedonischen Teil gefordert. Damit ziehen sie am gleichen Strick wie die «Nationale Befreiungsarmee». Unterstützung erhielten die Freischärler von Anhängern der albanischen «Partei der Demokratischen Prosperität» (PDP), die an einer Demonstration in Tetovo Verhandlungen mit den Freischärlern verlangten und gegen «antialbanischen Staatsterror» demonstrierten.
Die «Demokratische Partei der Albaner» (DPA) hingegen, die an der Regierung beteiligt ist, lehnt den Kurs der Opposition als unseriös und gefährlich ab. Sie demonstriert einerseits Loyalität zu Staat und Verfassung und versucht gleichzeitig ihre Machtposition in Regierung und Administration auszubauen. Am Dienstag organisierte sie einen Friedensmarsch in der mazedonischen Hauptstadt Skopje, der gleichzeitig eine eindrückliche Machtdemonstration war. Etwa 20 000 fast ausschliesslich männliche Albaner marschierten durch die Innenstadt Skopjes, angeführt von DPA-Chef Arben Xhaveri und seinem immer stärker in den Vordergrund drängenden Vize Menduh Thaci. Die albanische Nationalflagge mit dem schwarzen Adler wurde nur vereinzelt mitgetragen – offensichtlich um das mazedonische Strassenpublikum nicht zu provozieren.
Präsident Boris Trajkovski hat Verhandlungen mit der «Befreiungsarmee» kategorisch ausgeschlossen: Wer Waffengewalt anwende, sei kein Gesprächspartner, mit dem Menschenrechte und Verfassungsfragen diskutiert werden könnten. Er bezeichnet Mazedonien als regionales Musterbeispiel ethnischer Koexistenz, das die wesentlichen Minderheitenfragen gelöst habe. Die oppositionellen Sozialisten werfen der Regierung indessen vor, die Gefahr einer albanischen Guerilla vorsätzlich heruntergespielt zu haben, um das gemeinsame mazedonisch-albanische Machtkartell nicht zu gefährden. Generalsekretär Georgi Spasov fordert nun die Bildung einer Regierung der nationalen Einheit, das Land befinde sich in der schwersten Krise seit seiner Unabhängigkeit vor neun Jahren.
Die Intellektuellen des Landes haben bisher recht hilflos auf die Krise reagiert. Ein paar mazedonische Schriftsteller preisen in einem offenen Brief die zivilisatorischen Errungenschaften ihres Volkes und werfen den Westeuropäern vor, das Land im Stich zu lassen. Der Versuch, ein gemeinsames mazedonisch-albanisches «Manifest für den Frieden» zu verabschieden, ist dagegen nicht zustande gekommen. Nach Auskunft des Initianten sind die angefragten Intellektuellen der Meinung, dafür sei es zu spät.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch