22.03.2001

Vor der Quadratur des Kreises

Die albanischen Parteien in Mazedonien lavieren, in der Bevölkerung wachsen Angst und Vorurteile, die Regierung versucht zu beruhigen. Die Lösung des Konflikts scheint fast unmöglich.

Von Andreas Ernst, Skopje

Wir sind friedliebend, gutmütig und wir verteidigen uns nicht. Davon haben früher die türkischen Herren profitiert, davon profitieren heute die Albaner. – Unter dem Eindruck der Gefechte in den Grenzregionen kultiviert Mazedoniens Mehrheitsbevölkerung in diesen Tagen ein gleichermassen gutmenschelndes wie weinerliches Selbstverständnis. In der Tat begegnet einem der mazedonische Nationalismus in seiner alltäglichen Gestalt als Defensivideologie: Die alten Träume von Grossmazedonien sind aufgegeben, man beschränkt sich auf die heutige Republik, auf das so genannte Vardar-Mazedonien. Aber trotz solcher Selbstbescheidung, heisst es bitter, dränge die albanische Minderheit auf Abspaltung «ihrer» Regionen und deren Eingliederung in ein Grossalbanien. Der Westen unterstütze sie dabei, sei es aus Gewohnheit, Dummheit oder Bosheit. Und so viel Gift in solchen Ansichten mitschwingen mag, zu bestreiten ist nicht, dass in den letzten Wochen und Monaten einiges geschehen ist, um die MazedonierInnen in ihren Vorurteilen zu bestätigen.
Tatsächlich bedroht die nationalistische albanische Aggression ernsthaft die Integrität des Landes: Tearce, Tanusevci, Tetovo heissen die Stationen der Eskalation. In Tearce, einem kleinen Dorf bei Tetovo, töteten Ende Januar albanische Angreifer einen Polizisten. In Tanusevci, einem Bergdorf nahe der Grenze zum Kosovo, führen Armee und Polizei seit vier Wochen einen Kleinkrieg gegen albanische Bewaffnete. In den Vororten und Hügeln von Tetovo schliesslich, der zweitgrössten Stadt des Landes im albanisch dominierten Westen, sind seit einer Woche Gefechte im Gang, in denen die mazedonische Polizei, durch Armeeverbände verstärkt, erfolglos versucht, die Hangstellungen der Freischärler von unten sturmreif zu schiessen, um sie dann von den Seiten her einzudrücken.
Bei all dem unternehmen die albanischen Parteipolitiker der Regierungspartei DPA (Demokratische Partei der Albaner) oder der oppositionellen PDP (Partei der demokratischen Prosperität) wenig, um den Konflikt systemkonform erscheinen zu lassen: als aussengesteuerte Aggression, in der nicht Albaner und Mazedonier sich bekämpfen, sondern albanische Terroristen die multiethnische Demokratie angreifen.

Loyalität mit wem?

Die neu gegründeten albanischen Nationaldemokraten verfolgen sogar offen die gleichen Ziele wie die Freischärler: die ethnische Aufteilung des Landes und die Befreiung der Albaner vom «mazedonischen Staatsterror». PDP und DPA als Parlaments- respektive Regierungsparteien des Landes befinden sich auf einer heiklen Gratwanderung zwischen Systemloyalität und ethnischer Loyalität. Je nach Publikum, Zeitpunkt und Person geben sie unterschiedliche Statements ab, die von energischer Verteidigung des Staates bis zu sofortigem Waffenstillstand und Verhandlungen über die «legitimen Ziele der Kämpfer» reichen. Die politische Dynamik geht zurzeit von den Radikalen aus. Die Parteiführer versuchen diese einerseits durch Aufrufe zu bremsen, besetzen anderseits selbst radikale Positionen, um die Kontrolle über die politische Agenda zurückzugewinnen. Dieser Zickzackkurs flösst der mazedonischen Mehrheit kaum Vertrauen ein (wirklich vorhanden war es nie), und die Beziehungen zwischen den Bevölkerungsgruppen sind auf dem Tiefpunkt.
Die Aufrufe aus dem Westen, zurückhaltend auf die Angriffe zu reagieren, passen zur verbreiteten Vorstellung in der mazedonischen Öffentlichkeit, dass die Albaner, wie schon beim KosovoKonflikt, die Rolle der «good guys» spielten, während die Mazedonier ins serbische Kostüm der «bad guys» gezwungen würden. Diese Sicht ist, angesichts der Verurteilung der Angreifer durch alle wichtigen internationalen Kräfte, zwar einseitig. Doch es gibt immer wieder Ereignisse, welche dieses Vorurteil zu bestätigen scheinen: So hat vor einer Woche die britische BBC einen Bericht über eine Militäraktion in Tanusevci gezeigt, die den Eindruck erweckte, die Armee gehe nach dem vormals serbischen Muster der massiven Vergeltung selbst gegen ZivilistInnen vor. Das gezeigte Kriegsgerät besitzt die Armee allerdings gar nicht: Der Film war manipuliert. Seither kann man als ausländischer Journalist öfter die Frage hören, wie viel einem die Terroristen pro Artikel bezahlten. Auch Premierminister Ljubco Georgievski hat die westliche Berichterstattung kritisiert: Der Konflikt habe seine Wurzeln nicht im Land, sondern in Pristina im Kosovo. Wenn die Uno und die internationale Kosovo-Streitmacht Kfor ihre friedenssichernde Aufgabe wirklich erfüllten, dann wäre der Friede nicht bedroht. Aber der Westen habe im Kosovo eine balkanische Version der Taliban gezüchtet, die nun ausser Kontrolle sei.
Staat und Gesellschaft sind schlecht auf diese Herausforderung vorbereitet. Wie sonst könnten einige hundert Bewaffneter das Land innerhalb wenige Wochen an den Rand des Bürgerkriegs drängen? Die mazedonische Armee ist ungenügend ausgebildet, ihre Ausrüstung mangelhaft und veraltet. In der Mannschaft sind Albaner proportional leicht übervertreten, im Offizierskorps aber klar untervertreten. Im Kampf gegen die Guerilla fehlt es vor allem an Mitteln zur Luftaufklärung und zur Luftlandung. Sie wäre notwendig, um die Freischärler, die sich zum Teil zwischen ZivilistInnen in den gebirgigen Dörfern verschanzt haben, genau zu lokalisieren. Wenn die Armee stattdessen mit schwerer Artillerie ein Blutbad unter der Zivilbevölkerung anrichtet, wird sie nicht nur die albanische Bevölkerung, sondern auch die «internationale Gemeinschaft» gegen sich aufbringen. Die Armee hofft deshalb auf Rüstungshilfe: Russland soll die Lieferung von neun Helikoptern zugesagt haben. Die «Verschleppung» des militärischen Konflikts über viele Wochen ist gefährlich. Mit jedem Tag wächst die Gefahr, dass der Funke auf die gemischten Siedlungen und Städte im Landesinnern übergreift.

Enervierende Passivität

Noch schlechter als die Armee ist die mazedonische Gesellschaft für diesen Konflikt gerüstet. Im Alltag leben die mazedonische und die albanische Gemeinschaft fast autonom nebeneinander. Daran haben die grossen Integrationsfortschritte, welche die albanische Minderheit dank der DPA unter der Regierung Georgievski erreicht hat, wenig geändert. Bei der Polizei beträgt der albanische Anteil nur vier Prozent, aber gesamthaft gehören immerhin zehn Prozent der Staatsangestellten der albanischen Minderheit an (1992 waren es zwei Prozent). Von dreissig Ministern und deren Stellvertretern sind acht albanischer Herkunft. Für albanische Studienplätze gibt es privilegierende Quotenregelungen. Die Integration ist aber rein «systemisch». Sie beschränkt sich auf staatliche Institutionen, ohne Entsprechung in der Lebenswelt der Menschen. Wenn das Gespräch darauf kommt, sprechen zwar viele slawische MazedonierInnen von guten albanischen Freunden. Aber man kriegt sie nie zu Gesicht. Umgekehrt ist es genauso. Die enervierende Passivität, mit der die mazedonische Zivilgesellschaft oder eben die beiden Zivilgemeinschaften auf den drohenden Krieg reagieren, hängt damit zusammen. Es gibt keine gemeinsame private oder öffentliche Sphäre, aus der die Friedensfreunde schnell mobilisieren könnten. Anfang dieser Woche hat sich erstmals eine Gruppe von Nichtregierungsorganisationen (NGO) im Internet gemeldet. Das ist erfreulich, aber interethnische Kundgebungen müssten, um ein Zeichen zu setzen, auf der Strasse oder in den Massenmedien stattfinden. Damit ist nicht zu rechnen.
Wenn dieser Staat die Krise überstehen soll, dann muss er die militärische Auseinandersetzung so schnell wie möglich beenden, und zwar als Sieger über die Freischärler. Parallel dazu müssten alle relevanten politischen Kräfte über einen neuen «contrat social» verhandeln, der das Verhältnis zwischen slawisch-mazedonischer Mehrheit und albanisch-mazedonischer Minderheit neu regelt. Doch die Mehrheit scheint nicht zu solchen Verhandungen bereit, solange noch geschossen wird, und die Minderheit scheint nicht bereit, dem Staat eine massive Militäraktion, die die Schiessereien erst beenden könnte, zuzugestehen. So gleicht die Suche nach einem neuen Gesellschaftsvertrag der Quadratur des Kreises.

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