23.09.2004

Es brodelt unter der Kruste

Mit «Im Schaufenster im Frühling» ist der jungen Autorin und Musikerin ein fulminantes Debüt gelungen. Sie beschreibt in einer reduzierten Sprache eine Welt voller Verletzung und Schmerz.

Von Andreas Heusser

So schillernd, wie ihr Name klingt, ist Melinda Nadj Abonji auch als Person. Dank ihren zahlreichen Auftritten auf Bühnen im In- und Ausland kennt man sie seit Jahren als charismatische Musikerin, Textperformerin und Bühnenpartnerin des Beatboxers Jurczok 1001: Virtuos lassen die beiden Wort und Rhythmus, Komposition und Improvisation, Gesang und Instrumentalklang miteinander verschmelzen. Der Erfolg beim Publikum ist gross, sodass sie mittlerweile von ihrer Bühnenkunst leben können. Jetzt hat die vielseitige Künstlerin auch noch einen Roman geschrieben, der aufhorchen lässt.

Melinda Nadj Abonji stammt aus der Vojvodina, dem ungarischen Teil von Serbien. Im Primarschulalter kam sie in die Schweiz, nach Küsnacht, einem Dorf mit marginalem Ausländeranteil. Sie wohnte zuerst bei einer Pflegefamilie, sie verstand die Leute und die Welt nicht mehr. Plötzlich war da dieser Bruch in ihrer Kindheit, ein Bruch «zwischen Kulturen und zwei Sprachen, die überhaupt nichts miteinander zu tun hatten». Ihre Eltern arbeiteten Tag und Nacht, sie hatten eine Wäscherei, später ein Café, und darin spielte sich das ganze Familienleben ab. Früh haben die enormen sozialen Unterschiede im Dorf Nadj Abonjis Weltbild geprägt.

Zur Kunst hat Nadj Abonji erst spät gefunden, wobei es zuerst die Musik war, die sie als ihre besondere Begabung und Berufung entdeckt hat: Sie war bereits dreiundzwanzig Jahre alt, als sie ihre Violine aus der Mottenkiste befreite und täglich zu spielen begann. Mit der Musik bekam ihr Leben einen Angelpunkt, und dank der Musik fand sie den Weg aus einer Sinnkrise, die sie während des Germanistikstudiums erfasst hatte. Erst Jahre später hat sie ihre literarischen Fähigkeiten entdeckt. Bis heute aber ist die Musik ihr Antrieb und Kern geblieben, die Inspirationsquelle, aus der sich ihr künstlerisches Schaffen und Schreiben speist.

In ihrem Buch «Im Schaufenster im Frühling» erzählt Nadj Abonji die Geschichte von Luisa, die als Kind am eigenen Leib verschiedene Formen von Gewalt und deren traumatisierende Wirkung erfährt. Seither schreitet Luisa schlafwandlerisch durchs Leben: Sie nimmt zwar alles auf, was um sie herum passiert, aber sie steht dem Geschehen passiv und oft ohnmächtig gegenüber. Als junge Frau verstrickt sie sich in Liebesbeziehungen mit den beiden Zufallsbekanntschaften Valérie und Frank, die fortan die Eckpunkte ihres Daseins bilden. Als sie eines Tages erfährt, dass die beiden sich kennen und sie unter Franks Bett eine Waffe entdeckt, gerät die Erzählung zunehmend zu einem kriminalistischen Kammerspiel, das durch die Momente des Verdachts, der Nachforschung und der Befragung aufrechterhalten wird.

Obwohl diese Dreieckskonstellation eine spannende Liebesgeschichte beinhaltet, erfährt der Leser vom Innenleben der Figuren so gut wie nichts. Stattdessen hält sich die Autorin fast ausschliesslich an die äusserlich beobachtbaren Vorgänge – dies dafür mit gestochen scharfem Blick. Verblüffend ist, dass einem die Figuren trotz dieser vermeintlichen Distanz unter die Haut gehen, näher jedenfalls, als dies in so manchen Werken der Empfindungsliteratur der Fall ist.

Dank einer raffinierten Dramaturgie, die wie bei einer klassischen Kriminalgeschichte mit den Mitteln der Verschlüsselung, Andeutung und Auslassung arbeitet, gelingt es Nadj Abonji, ein beklemmendes Klima des Misstrauens und der permanenten Gefährdung zu erzeugen. Der Leser ahnt bald, dass praktisch alle Figuren Geheimnisse in sich bergen, die sie unter einem schützenden Kokon aus Schweigen und Verdrängung zu verstecken versuchen. Vielleicht kann man die Textur von Nadj Abonjis Roman mit einer Kraterlandschaft vergleichen, unter deren Oberfläche es beständig brodelt, auch wenn sich darüber bereits eine erstarrte Lavakruste gebildet hat: Einerseits versteckt die brüchige Decke das Darunter, andererseits finden sich in ihrer Oberflächenstruktur auch Spuren und Narben, die auf das Darunter verweisen. In Nadj Abonjis Buch sind es die vielen Handlungssplitter, die wiederkehrenden Motive und Gesprächsfetzen, die solche Spuren bilden und die sich im Laufe der Geschichte wie Puzzleteile zu einem Bild zusammenfügen. Einem Bild allerdings, das – anders als bei einer klassischen Kriminalgeschichte – auch am Schluss der Erzählung keine Auflösung erfährt, sondern unvollständig und vieldeutig bleibt.

Mit «Im Schaufenster im Frühling» entwirft die Autorin ein verstörendes Mosaik einer Welt, die in ihrem Innersten vom Tabu, von der Verletzung und vom Schmerz – und vom Schweigen darüber – zusammengehalten wird. Nadj Abonji gelingt das Kunststück, eine sprachliche Form für die Sprachlosigkeit ihrer Figuren zu finden, ohne dabei den Schmerz und die Sprachlosigkeit zu benennen oder direkt zu thematisieren. Sie löst dieses Dilemma, indem sie eigens für diese Erzählung eine Sprache entwickelt, die man sich kaum mehr ökonomischer und reduzierter vorstellen kann: «Im Bahnhof ist viel Luft und das Gegenteil von Bahnhof ist Friedhof. Luisa taumelt. Durchzug. Luisa steht still. Und die Grösse der Stadt in der Kälte ist spürbar am Bahnhof.» Auffallend an Nadj Abonjis Sprache ist, dass die Sätze trotz ihrer sparsamen Setzung ausgesprochen poetisch und verspielt wirken; und dass sie im Lesefluss tatsächlich wie Musik zu «klingen» beginnen. Ihre Art, die Worte zu setzen, ist dabei nicht einfach ein Stilmittel, sondern wird konsequent aus dem Inhalt destilliert, indem die Reduziertheit der Sprache die Rohheit der dargestellten Welt spiegelt. Und unabhängig davon, ob einem eine solche Sprache gefällt oder nicht, muss man anerkennen, dass sie in ihrer Radikalität und Konsequenz eine erstaunlich reife Leistung darstellt – nicht nur, aber gerade für einen Romanerstling.

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