09.11.2000

Nachbarn sind die schlimmsten Feinde

Von Andreas Ermst

«Was ist der Unterschied zwischen Unmik und der Mafia? Die Mafia ist organisiert.» Im Protektorat Kosovo kursieren derzeit viele Witze über die Uno-Übergangsverwaltung (Unmik). Es gibt bessere und schlechtere, aber alle nehmen die Effizienz der Protektoren auf die Schippe. Auch wenn bisher nur ganz wenige die Befreier von damals als Besatzer bezeichnen: Das Prestige der Kfor, der OSZE und vor allem der Unmik hat in weiten Kreisen gelitten. Am schlechtesten weg kommt die zivile Unmik-Polizei. Die unterbesetzte, bunt zusammengewürfelte Truppe aus über einem Dutzend verschiedener Länder hat es nicht geschafft, sich den Respekt der Bevölkerung zu verschaffen. Da traut man der Kfor mit ihren Panzern mehr zu – auch wenn diese für die Verbrechensbekämpfung eher unhandlich sind.

Um sich mit der Bevölkerung zu verständigen, hat die Unmik-Polizei eine grosse Zahl Dolmetscher eingesetzt. Sie fahren mit auf Patrouillen und Einsätzen, sind ortskundig und vertraut mit Sitten und Gebräuchen. Einer von ihnen ist Osman. Der 20-jährige Mittelschulabgänger gehört zu jener Gruppe von sechs Kosovarinnen und Kosovaren, die ich zum dritten Mal in der Region Prizren besuche. Oder besuchen will. Denn es sind nur noch fünf: neben dem türkischstämmigen Osman die albanischen Brüder Bashkim und Selaidin, die eine Schreinerei betreiben, die alte Serbin Stana und der Mönch German. Der sechste, Celaj, ist verschwunden. Dank seiner Beziehungen zur UCK kam er nach dem Krieg schnell und günstig in den Besitz eines Restaurants in Prizren. Aber der Kriegsgewinn war flüchtig. Als ich mich im Lokal nach ihm erkundige, zuckt man die Schultern. «Nie gehört, keine Ahnung.» Ich solle den Chef fragen. Aber der ist nicht da. Celaj hatte im Frühling von einem Familienrestaurant gesprochen, das er aus dem düsteren Lokal machen wolle. Aber es ist immer noch die gleiche Klientel, die im dämmerigen Saal mit den verspiegelten Säulen herumhängt. Junge Männer in schwarzen Lederjacken, die den Besucher unverhohlen und misstrauisch mustern. Die Nachforschungen ergeben, dass Celaj das Lokal aufgegeben hat. Die Übergabe an einen andern Ex-UCK-Mann sei freiwillig erfolgt, das Geschäft habe einfach nicht rentiert. Celaj sei jetzt bei seinem Bruder in Deutschland. Ob er wieder komme? «Alle kommen wieder.»

Vergebliche Hoffnungen

Da warens nur noch fünf. Wenn es nach Osman ginge, nur noch vier. Osman, der junge Polizeidolmetscher, will nämlich auch weg. Das wollte er schon im Frühling. Er hatte von US-Soldaten gehört, dass man ein Visum bekommen könne, wenn man sich für die Armee melde. Eine Fehlinformation. Auch die Stelle beim Haager Tribunal, das Expertenteams im Kosovo unterhält, hat er nicht erhalten. Er sei zu jung, um jeden Tag Tote auszugraben, hiess es. Die US-Polizisten, für die er arbeitet, gehen ihm oft auf die Nerven. Vor allem die permanente Flucherei stört ihn. Und noch mehr, dass er selber auch damit begonnen hat. Jedes zehnte Wort ist «motherfucker». Aber die US-Amerikaner seien wenigstens gut ausgebildet. Von den Ghanesen und Indern hält Osman wenig. Das sei kein Vorurteil, er habe zu Beginn gedacht, die Polizisten aus armen Ländern seien besser motiviert, weil sie stärker am Salär interessiert seien. Aber sie seien schlecht ausgebildet und hätten keine Lust, in brenzligen Situationen den Kopf hinzuhalten. Zurzeit arbeitet Osman an der Grenze zu Albanien im Gebiet um Gjakove/Djakovica. Hier gibt es einen schwungvollen Handel mit gestohlenen Autos, die über die Grenze nach Albanien verschoben werden. Dabei sollen nicht nur albanische Polizisten, sondern auch italienische Kfor-Soldaten die Hände im Spiel haben.

Der Hauptgrund für den Prestigeverlust der Protektoren ist ihre Unfähigkeit, Rechtssicherheit herzustellen. Dafür sind aber nicht nur die ungenügenden Polizeikräfte verantwortlich. In einem detaillierten Bericht hat die OSZE das gesamte Justizsystem der Uno-Administration unter die Lupe genommen. Der Befund ist schlecht: Noch immer existiert keine einheitliche Gesetzessammlung. Die Richter wenden je nach Bedarf älteres jugoslawisches, neueres serbisches oder Uno-Recht an. Vor allem Angeklagte aus der serbischen Minderheit können nicht mit einem fairen Prozess rechnen, denn es fehlen unabhängige internationale Richter, welche die Verfahren überwachen. Daraus resultiert die weit verbreitete Rechtsunsicherheit, die das tägliche Leben vieler Menschen beeinträchtigt. «Ich wünsche mir manchmal, wir wären eine richtige Kolonie», sagt der Publizist Veton Surroi. «Das wäre doch besser als diese anarchische und chaotische Nichtregierungsorganisation an unserer Spitze.» Andere Intellektuelle kritisieren, dass man die Parallelstrukturen aus der Zeit der serbischen Herrschaft zerstört habe, statt sie zu nutzen. So ist die Uno in der Zwickmühle: Die einen wünschen sich eine effizientere internationale Administration, die andern würden lieber selber Ordnung schaffen.

Osman verdient jetzt 1300 DM. Das ist das Vierfache des Durchschnittslohnes. Er wäre fast wohlhabend, müssten davon nicht auch seine Eltern und seine Schwester leben. Vater und Mutter sind arbeitslos. Als «Kollaborateure», die in einem serbischen Betrieb gearbeitet haben, sind ihre Einstellungschancen klein. So ruhen die Hoffnungen auf den Kindern. Osmans Auswanderungspläne werden nach Kräften unterstützt. Es gibt eine Tante in Chicago, bei der Osman vorerst untertauchen könnte. «In den ersten sechs Monaten werde ich mein Englisch perfektionieren. Dann bewerbe ich mich um ein Stipendium bei einer katholischen Stiftung.» Damit möchte er Informatik studieren. Trotz Empfehlungsschreiben eines US-Polizisten und Einladungsbrief der Tante scheiterte ein erster Versuch, ein Touristenvisum zu erhalten. Die Konsulatsangestellte, professionell und freundlich, roch Lunte. Seine berufliche Perspektive im Kosovo sei zu ungünstig, um einen Niederlassungswunsch auszuschliessen. Damit hat sie natürlich Recht. Osman schwankt zwischen Trotz und Verzweiflung. «Motherfuckers», sagt er immer wieder, «ich werde es so lange versuchen, bis es klappt.» Seine Zukunft liegt nicht im Kosovo. «Hier rennt mir die Zeit davon. Vor zwei Jahren war ich mit der Schule fertig, seither habe ich nur gejobbt. Ich will endlich weiterkommen. Ich will nach Amerika.»

Jetzt zählt die Wirtschaft

Auch Bashkim und Selaidin wollen weiterkommen. Aber nicht in Amerika, sondern in Qiflak, einem 1700-Seelen-Dorf nördlich von Prizren. Die beiden Brüder, ehemalige UCK-Kämpfer, haben ihren Schreinereibetrieb mit Hilfe ihrer sechs Brüder und der Caritas nach dem Krieg wieder aufgebaut. Beim letzten Besuch vor einem halben Jahr beschäftigten sie sieben Arbeiter. Jetzt sind es bereits zehn, die hier etwa 500 DM im Monat verdienen. Aber das Geschäft läuft mühsam. Die Zusammenarbeit mit den Hilfswerken sei unbefriedigend. «Entweder bringen sie ihr Material gleich mit, oder dann wollen sie billigste Qualität. Aber wir liefern hier Schweizer Standard», sagt Selaidin. Auch die Nachfrage von Privaten sei eher schwach. Es fehlt den Leuten an Geld. Überhaupt die Hilfswerke: «Sie versprechen gern und viel, und dann hört man meistens nichts mehr.» Eigentlich möchten die Brüder gar nicht mit Hilfswerken zusammenarbeiten. «Wir brauchen Kredite und Investitionen, nicht Hilfsgelder.» Aber das Bankensystem im Kosovo steckt noch immer ganz in den Anfängen – wer Geld will, borgt es sich innerhalb der Familie. Selaidin trauert dem Schweizer Saisonnierstatut nach. «Für uns war das die ideale Möglichkeit, schnell zu Geld zu kommen, um es dann hier zu investieren.» Über Politik reden die beiden nicht gern. «Jetzt, wo wir frei sind, zählt die Wirtschaft.» Zudem würden die wichtigen politischen Fragen ohnehin vom Ausland entschieden. «Das ist besser so, die sind objektiver.» Die Politiker hier seien uninteressant. «Ich weiss mehr über die amerikanischen Präsidentschaftswahlen als über unsere lokalen Kandidaten», sagt Bashkim.

Nach einigem Insistieren erklären beide, sie seien für Ramush Haradinajs Allianz. «Er ist unser ehemaliger Kommandant. Er ist stolz und ehrlich.» So zählen zwar die alten Loyalitäten, an die Vergangenheit wollen die beiden aber nicht erinnert werden. Bashkim hat sogar einen kleinen Skandal produziert, weil er einer Erinnerungsfeier für gefallene Kameraden fernblieb. «Ich denke halt nur noch ans Geld», sagt er selbstironisch. «Man muss vergessen können, wenn man eine Zukunft haben will.» Am wichtigsten dafür sind die Kinder und ihre Ausbildung. Der Bildungseifer auch in traditionell lebenden albanischen Familien ist ausgeprägt. Ein indischer Polizist habe ihm erzählt, wie er unter einer Strassenlampe lesen gelernt habe. «Seither sage ich meinen Kindern, ihr habt Lampen im Haus, geht, lernt. Es gibt keine Ausrede dafür, nichts zu lernen.»

Keine Bewegungsfreiheit

Das malerisch gelegene Kloster Sveti Archangeli schmiegt sich eng an die steilen Felswände. Man würde es in der früh hereinbrechenden Dunkelheit vielleicht übersehen, wenn nicht die Scheinwerfer der deutschen Bewachungstruppen das Vorgelände hell ausleuchteten. Bruder German ist da. «Gott sei Dank», sage ich, erleichtert, dass meine Gruppe nicht noch weiter schrumpft. «Keine Angst, ich bin immer da», schmunzelt er, «und ich habe fast immer Zeit.» Noch vor einem Jahr war der 27-jährige Mönch der einzige übrig gebliebene Bewohner des Klosters. Jetzt lebt er mit fünf Brüdern zusammen. «Ich habe viel Arbeit», sagt German. Er schnitzt winzig kleine, reich verzierte Holzkreuze, die er den Soldaten verkauft. «Wir haben ein gutes Verhältnis zu unseren Bewachern», sagt German. Aber mit dem Kommando in Prizren ist er nicht zufrieden. In den vergangenen sechs Monaten habe sich ihre Lage überhaupt nicht verbessert. Trotz wiederholter Reklamationen sei die Wasserzufuhr noch immer unzuverlässig, und vor allem könnten sie sich nicht bewegen. Wenn die Mönche das Kloster verlassen wollen, müssen sie zwei Tage zuvor militärischen Geleitschutz anfordern. Im Sommer habe er mit einem Priester die von Extremisten zerstörte Kirche in Mutiste bei Suva Reka besucht. Ihr Schützenpanzer wurde auf dem Rückweg von einer wütenden Menschenmenge blockiert. Das Gerücht ging um, ein serbischer Kriegsverbrecher sitze im Panzer. Fast sieben Stunden sei er bei brütender Hitze im glühend heissen Panzer gesessen. Als sich die Menge endlich zerstreut hatte, sei seine Identität von Unmik-Polizisten überprüft worden, inklusive Leibesvisitation. «Und dann will die gleiche Unmik, dass wir Serben uns an den Wahlen beteiligen! Soll ich etwa von einer Kompanie bewacht auf Wahlkampftournee gehen und den Leuten ein besseres Leben versprechen?»

«Nichts ist anders als vor sechs Monaten. Was soll denn anders sein?», sagt die alte Stana, Küsterin der kleinen Kirche Sveti Spas in Prizren. Aber immerhin: Sie sieht besser aus als damals, hat etwas Farbe im Gesicht, und dann und wann blitzt der Schalk in ihren Augen. Sie hat sich an die neue Situation gewöhnt, aber gerade das ist ihr manchmal unheimlich. Sie überlebt dank der Hilfe humanitärer Organisationen und der Bewachung durch die Kfor. Hin und wieder wagt sie sich auf den Markt. Wenn sie beschimpft wird, ist ihr das egal. Ihr Sohn war Offizier im Grenzgebiet. Er habe sich nie etwas zuschulden kommen lassen und sei als einer der letzten Militärs aus Prizren weggegangen. Sie zeigt ein Video, das von einer albanischen Agentur aufgenommen wurde: Unter den Pfiffen und Steinwürfen flieht die serbische Bevölkerung aus Prizren. Sie erkennt viele Leute darauf, Serben wie Albaner. «Nachbarn sind die schlimmsten Feinde», sagt sie. «Einmal wäre ich fast gegangen. Ich hatte einfach genug. Aber dann habe ich gedacht: In Serbien gelte ich ja bloss als Albanerin – hier bin ich wenigstens eine Serbin, wenn ich sterbe.»

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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