08.04.2004

Emmi gut, alles gut?

Während die Milchbauern immer weniger verdienen, geht es Emmi, dem grössten Schweizer Molkereikonzern, immer besser.

Von Heinz Roland

«Ich staune immer wieder, was sich die Bauern von Emmi alles gefallen lassen», sagt Karl Wägli, Käsermeister in Aeschi (SO). Jahrelang hatte er seinen Emmentaler zuverlässig dem Luzerner Konzern abgeliefert – bis er plötzlich, auf das Ende des Milchjahres 2002/2003, ausgemustert wurde. Insgesamt dreissig Emmentaler-Käsereien erhielten damals keinen neuen Abnahmevertrag und sollten damit zwecks Marktentlastung stillgelegt werden. Aber Wägli und seine Kollegen waren nicht bereit, sich dem Diktat des Käsekonzerns zu beugen: «Die Strategie von Emmi ist klar darauf ausgelegt, früher oder später den Käsemarkt monopolistisch zu kontrollieren.» Emmi besitzt heute einen Marktanteil von über fünfzig Prozent.

Wägli und seine Kollegen wollen dem entgegentreten: Mit minimalem Kapital gründeten sie deshalb vor einem Jahr die Käsehandelsfirma «Producteurs de Fromage Suisse» (PFS), die Nischenmärkte in Frankreich und Italien beliefert. Dass PFS für die Dumpingpreise auf dem Emmentaler-Markt verantwortlich sein soll – wie Emmi behauptet –, hält Wägli angesichts der realen Mengen- und Machtverhältnisse für abwegig. Zwischen 3000 und 4000 Tonnen Emmentaler können die 22 PFS-Käsereien jährlich produzieren. Gemessen am gesamten Marktvolumen (Inlandverbrauch und Exporte) von rund 35 000 Tonnen sei das eine marginale Menge, die das Preisgefüge auf dem Markt wohl kaum zu beeinflussen vermöge.

Preiskrieg

Dennoch tobt ein Preiskrieg auf dem Käsemarkt: «Zurzeit liegt der Preis für ein Kilo Emmentaler höchstens noch bei sechs Franken zehn», rechnet Stephan Wehrle vom Luzerner Milchkonzern Emmi vor. Der Markt leide nach wie vor an einem massiven Überangebot, das den Kilopreis stellenweise schon unter sechs Franken gedrückt habe. «Auf diesem Niveau ist eine kostendeckende Produktion nicht mehr möglich», so Wehrle.

Emmi, die aus einer landwirtschaftlichen Selbsthilfegenossenschaft hervorgegangen ist und deren Aktien zu siebzig Prozent dem Verband der Zentralschweizer Milchproduzenten (ZMP) gehören, fühlte sich deshalb jüngst dazu herausgefordert, «im zunehmend ruinösen Preiskampf einen lösungsorientierten Schritt» zu unternehmen, wie es in einer Medienmitteilung von letzter Woche heisst. Im Sinne eines «Beitrages zur Stützung der gewerblichen Emmentaler-Produktion» werde man künftig den Emmentaler-LieferantInnen mehr für ihren Käse bezahlen, als von der Marktlage her eigentlich angezeigt wäre. Konkret wird das Kilo vom ersten Mai an mit Franken 6.30 vergütet. Bisher hatte die Emmi allerdings Franken 6.40 bezahlt, weshalb die Ankündigung des neuen «Stützpreises» mehr Unmut als Dankbarkeit auslöste: Die LieferantInnen – kleine Dorfkäsereien, die sich meist im Besitz der lokalen Milchgenossenschaften befinden – sind die Hauptleidtragenden des anhaltenden Preiszerfalls. Allein in den letzten vier Jahren sind fast 300 der einstmals 570 Emmentaler-Käsereien in der Schweiz stillgelegt worden, um die vorhandenen Überkapazitäten abzubauen.

Auch Anton Schmutz von Fromarte, dem Interessenverband der gewerblichen KäseproduzentInnen in der Schweiz, hält die neue Preisofferte für zu tief. Angesichts eines relativ stabilen Ladenpreises von durchschnittlich 18 Franken pro Kilo sei ein Ankaufspreis von Franken 6.55 angemessen, so Schmutz. Anders als die Emmi-Direktion vermag der Geschäftsführer von Fromarte kein massives Überangebot auf dem Emmentaler-Markt auszumachen, das die anhaltende Preiserosion erklären könnte: «Es wird in der Schweiz nicht mehr Emmentaler produziert, als der Handel aufnehmen kann.»

Zwar seien in den achtziger Jahren zu Zeiten der staatlichen Käseunion tatsächlich enorme Überkapazitäten aufgebaut worden. Der edle Emmentaler sei damals dazu missbraucht worden, die überschüssige Milch ins Ausland zu entsorgen, was die Emmentaler-Jahresproduktion zeitweise bis auf 45 000 Tonnen hochtrieb – «obwohl man schon damals wusste, dass sich höchstens 35 000 Tonnen zu einem einigermassen vernünftigen Preis absetzen lassen», sagt Schmutz. Damit sei es aber vorbei. Für das zu Ende gehende Milchjahr 2003/2004 – das Milchjahr dauert jeweils vom 1. Mai bis zum 30. April – rechnet die Sortenorganisation «Emmentaler Switzerland» mit einer Produktion zwischen 31 000 bis 32 000 Tonnen, eine Menge, die bisher vom Markt problemlos aufgenommen wurde.

Dass sich die Emmentaler-Preise dennoch nicht stabilisieren, sei vielmehr eine Folge der veränderten Konkurrenzsituation, sagt Schmutz. Anfang der neunziger Jahre seien einige grosse Milchverarbeitungsunternehmen wie Emmi, Toni oder Säntis in den Käsehandel eingestiegen, das habe den Wettbewerb enorm intensiviert. 1999 schlossen sich Toni und Säntis zur «Swiss Dairy Food» (SDF) zusammen, drei Jahre später ging SDF Pleite. Für die Emmi ergab sich dadurch die Gelegenheit, durch den Kauf der noch weitgehend intakten SDF-Hinterlassenschaft nun selbst nach ganz oben durchzustarten. Allein im letzten Jahr gingen neun ehemalige SDF-Gesellschaften mit total 890 Arbeitsplätzen und einem Umsatzvolumen von 500 Millionen Franken in den Besitz der Emmi-Gruppe über und machten die einstige Verbandsmolkerei zur neuen, unbestrittenen Nummer eins im Schweizer Käse- und Milchproduktenhandel.

Geprellte Bauern

Wie weit sich das forsche Wachstum der Emmi auch für seine AktionärInnen ausbezahlt, bleibt allerdings umstritten. Zwar dürfen sich die Zentralschweizer MilchproduzentInnen jetzt im stolzen Bewusstsein wähnen, den grössten Schweizer Milchkonzern mehrheitlich zu besitzen; paradoxerweise fühlen sich aber auch immer mehr Milchbauern von ihrer eigenen Molkerei in ihrer Existenz bedroht. Denn seit Emmi im grossen Stil im Käsehandel mitmischt, geraten die Milch- und Käsepreise immer ärger unter Druck. Schon letzten Herbst hatte der Grosskonzern den Emmentaler- Kilopreis, allein aufgrund des reichlichen Marktangebotes, von Franken 6.60 auf 6.40 gekürzt. Und letzten März schockte er seine MilchlieferantInnen mit einem gestaffelten Milchpreissys-tem: Demnach will Emmi künftig nur noch siebzig Prozent der angelieferten Milch – rund 400 Millionen Kilo – mit dem garantierten Stützpreis von Rappen 70,5 pro Kilo vergüten; für die restlichen dreissig Prozent, aus denen Exportkäse wird, bekommen die Bauern vier Rappen weniger. Laut Emmi ist die Massnahme wegen der anstehenden Liberalisierung im grenzüberschreitenden Käsemarkt notwendig, denn ab 2006 sollen zwischen der EU und der Schweiz beim Käse alle Zölle fallen. Damit der kleingewerblich produzierte Schweizer Käse gegen den Industriekäse aus der EU konkurrenzfähig bleibe, müsse der Milchpreis auch hierzulande auf ein «europakompatibles Niveau» gesenkt werden, forderte jüngst der neue Emmi-Chefmanager, Walter Huber, der im Molkereikonzern seit Anfang Jahr die Fäden zieht. Der Milchpreis müsse noch mindestens um ein Viertel fallen, wolle die Schweizer Käsebranche ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit erhalten. Eine Forderung, die viele LandwirtInnen als Provokation auffass-ten: «Wo bleibt die moralische Verpflichtung, wo die soziale Verantwortung», fragt ein betroffener Milchbauer in einem an die Emmi gerichteten Leserbrief. Immerhin wird die Firma Emmi jedes Jahr mit Millionenbeiträgen aus der Staatskasse dafür entschädigt, dass sie den hiesigen Bauern die Milch abkauft. Für jeden Liter Milch, der zu Exportkäse verarbeitet wird, zahlt der Bund der Emmi eine so genannte «Verkäsungszulage» von zwanzig Rappen. Theoretisch kommt das Geld – letztes Jahr waren es hundert Millionen Franken – zwar den Bauern zugute, faktisch landet es aber in der Kasse der Emmi. Damit ist der Milchkonzern seit Jahren der grösste Subventionsempfänger der schweizerischen Agrarpolitik.

Börsengang geplant

Offiziell wird die aggressive Preispolitik von Emmi auch von ihrer Mehrheitsaktionärin ZMP mitgetragen. Und obwohl es an der Basis unüberhörbar rumort, sieht man beim ZMP bisher keine Veranlassung, von dieser Haltung abzuweichen: «Wenn es um die Festsetzung der Preise geht, sind wir ohnehin nicht frei, da müssen wir uns nach der Entwicklung des Marktes richten», erklärt ZMP-Geschäftsführer und Emmi-Verwaltungsrat Benedikt Felder, «und im Übrigen haben ja auch die Milchproduzenten ein Interesse daran, dass es der Emmi gut geht.»

Trotzdem sehen sich die ZMP-Verantwortlichen nicht selten mit dem Vorwurf konfrontiert, willfährig den Intentionen der Emmi-Manager zu folgen und die Interessen der Bauern ausser Acht zu lassen. Dabei mehren sich unter den Milchbauern die Stimmen, die von der Emmi künftig mehr Shareholdervalue fordern, und zwar nicht in Form einer höheren Dividende, sondern einer gerechteren Preispolitik. Dieser Forderung kann Felder nicht viel abgewinnen: «Wir versuchen immer, Lösungen zu finden, die beiden Seiten dienen.» Gewissenskonflikte in seiner Doppelfunktion als Bauernvertreter und Emmi-Verwaltungsrat sind ihm fremd: «Wenn es zu Konflikten kommt, müssen die eben ausgetragen werden. Und überhaupt: Wenn wir an der Emmi nicht beteiligt wären, hätten wir überhaupt nichts zu sagen!»

2005 will Emmi an die Börse gehen, seit 2002 wurde das Going Public wegen der schlechten Wirtschaftslage ständig verschoben. Bei einem Börsengang, das ist unschwer vorauszusehen, würde die Zweidrittelmehrheit des ZMP schnell zu einer Minderheitsbeteiligung zusammenschmelzen, weshalb sich innerhalb des ZMP allmählich Widerstand gegen das Projekt formiert.

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