03.07.2003

Radikalkur oder weiter wursteln

Fünfzehn Stunden Arbeit täglich – ohne einen freien Tag. Das Bauernehepaar Bircher kann nicht mehr und getraut sich doch noch nicht, seinen Hof umzukrempeln.

Von Samuel Plattner

Für Hans und Esther Bircher * ist dies ein wichtiger Tag. Auf dem Dorfplatz warten sie auf den Mann, den manche Bauern erst dann rufen, wenn sie schon am Abgrund stehen. Er heisst Eric Meili und kommt vom Forschungsinstitut für biologischen Landbau (Fibl) in Frick. Wenn er mit seinem Laptop einfährt, schlottern die Bauernknie, denn dieser Agrarterminator nimmt kein Blatt vor den Mund.

Meili jongliert mit Begriffen wie «Grossvieh-Einheiten», «Standard-Arbeitskräfte» oder «Silo- und Verkäsungsbeiträge». Mit seinem Agrarjargon klingt er wie ein Bauernfunktionär – aber er will verändern, nicht bewahren.

Am Ende seiner Beratung wird er die Bauersleute gnadenlos fragen: «Ihr müsst euch jetzt entscheiden: Wollt ihr weitermelken oder etwas ganz anderes machen?» Die Entscheidung wird Birchers, die beide Mitte vierzig sind, schwer fallen. Seit sieben Generationen bauern sie auf ihrem Hof. Die sechste Generation, Birchers über siebzigjährige Eltern, wohnt auch noch auf dem Betrieb. Hans Birchers ledige Schwester lebt ebenfalls im selben Haushalt.

In den vergangenen Jahrzehnten haben Erbgänge, Zukäufe und Pachtverträge die Nutzfläche vergrössert und verzettelt. Es läuft eine Güterzusammenlegung, von der die Birchers viel erwarten. «Letztes Jahr wurde es mir fast zu viel», sagt Hans Bircher trocken, «ich fiel fast in ein Burn-out. Ich wollte einen neuen Stall bauen oder alles verkaufen.»

In diesem konkreten Fall ging es um ein neues Stallgebäude. Darin hätte auch eine Wohnung für Birchers Eltern gebaut werden können. Doch das Bauland liegt in der Landwirtschaftszone. Die Vorschriften erlauben auf jener Parzelle nur dann einen Neubau, wenn es sich um einen Agrarbetrieb handelt. Dort hätte mindestens eine Arbeitskraft ständig präsent sein müssen. Birchers hätten also jemanden zusätzlich einstellen müssen, um den Vorschriften zu genügen. Doch eine zusätzliche Arbeitskraft vermögen die Birchers nicht. Die Gespräche mit den Behörden dauern an. Schon lange.

5800 Arbeitsstunden

Im Auto geht es ans andere Ende des weit verstreuten bircherschen Familienbesitzes. Es ist eine Weide in der Bergzone, tausend Meter über dem Dorf. Hans Bircher ruft seinen Kühen. Die Herde tritt majestätisch aus dem offenen Wald und steht bei der mobilen Melkanlage an. Die Fahrt auf die Weide und das Melken kosten Bircher über eine Stunde, und das zweimal täglich, sieben Tage die Woche. 5800 Arbeitsstunden jährlich steckt Hans Bircher pro Jahr in seinen Betrieb, das bedeutet jeden Tag fünfzehn Stunden Arbeit, ohne freie Wochenenden, ohne Ferien. Normalerweise arbeitet ein Landwirt 3000 Stunden pro Jahr. Selbst Meili, der sich allerhand gewohnt ist, findet es «brutal», einen Betrieb mit der Grösse von 25 Hektaren praktisch im Alleingang zu bewirtschaften.

Der Ertrag, den die Birchers in den letzten drei Jahren erwirtschafteten, lässt sich leicht memorieren: einmal 5000 Franken plus, zweimal 5000 Franken minus.

Sie haben 14 Kühe und ein Kontingent von 75 000 Kilo Milch pro Jahr, was etwa dem Schweizer Durchschnitt entspricht. Für seine Biomilch erhält Hans Bircher rund 90 Rappen pro Kilo; für konventionelle erhalten die Bauern 73 Rappen.

Die Birchers gehören damit zu jenem Drittel der Schweizer Bauern, die vom Eigenkapital leben. Was sie erwirtschaften, reicht kaum zum Überleben. Investitionen können sie schon längst keine mehr tätigen.

Unerbittliche Kalkulation

Unerbittlich rechnet Meili an seinem Laptop. Zuerst geht es um Alternativen zur Milch. Einiges gibt es schon auf Birchers Hof, aber in unwirtschaftlich kleinen Mengen. Neben Milch produzieren Birchers etwas Getreide, etwas Kartoffeln, etwas hochstämmiges Obst. An Hühner haben die beiden schon gedacht und an Pilzkulturen in einer leer stehenden Garage. «Blödsinnig arbeitsteilig», murrt Meili über die heutige Organisation des Hofes. «Übermechanisiert», fügt er hinzu – weil drei Traktoren herumstehen. Sein Fazit: Kurzum «auf dem Weg in die Pleite». Birchers müssten sich entscheiden zwischen Weiterwursteln und Radikalkur, sagt er. Ihr ganzes Leben würde umgekrempelt: Esther könnte wieder als Arztgehilfin arbeiten und Hans als Hausmann, falls er sich das nicht nur im Kopf, sondern auch im Bauch vorstellen kann. Statt Milch gemolken würden in Mutterkuhhaltung Kälber oder Bio-Weide-Beef gemästet - biologisch, nachhaltig, natürlich.

Noch zögern Hans und Esther Bircher. Aber sie beginnen sich an den Gedanken zu gewöhnen, dass auf ihrem Hof bald nichts mehr sein wird wie früher.

* Name geändert

Bauernberater Meili über die Zukunft der Landwirtschaft

Das heilige Kulturgut Kuh

Eric Meili ist Berater der unabhängigen Forschungsanstalt für biologischen Landbau (Fibl) in Frick. Gleichzeitig ist er Mitglied einer Interessengemeinschaft für Bio-Weide-Beef, der auch der Grossverteiler Migros angehört.

WoZ: Sie zertifizieren für Grossverteiler Betriebe, die Bio-Weide-Beef produzieren? Laufen Sie nicht Gefahr, bei zu vielen Ihrer Beratungsfälle die Umstellung auf Weidemast zu empfehlen, an der Sie ein persönliches Interesse haben?
Erich Meili: Es gibt ein Problem, wenn man mit so einem Programm so verhängt ist. Wenn ich mich auf einem Betrieb befinde, wo man betriebswirtschaftlich mit der Milchwirtschaft einfach nicht mehr über die Runden kommt, dann empfehle ich die ganz natürlichen Methoden: Mutterkuhhaltung oder Weidemast.

Weshalb geben denn die Bauern die Milchwirtschaft auf?
Jetzt und auch künftig verdienen sie damit kein Geld mehr. Der Ertrag aus der Milch steht in keinem Verhältnis zum Aufwand.

Wenn Sie Bauersleuten sagen, sie müssten ihr ganzes Leben umkrempeln, löst das doch auch starke Emotionen aus. Was geht bei Ihnen dann ab?
Immer häufiger muss man sagen können, dass es nicht nur um Produktionstechniken geht, sondern auch um finanzielle und familiäre Probleme. Das sind komplexe Folgen jahrzehntelanger Misswirtschaft. Das kommt davon, dass die Milchkuh mit dem ganzen Drum und Dran - das Kulturgut Kuh - so heilig ist, dass man bis zuletzt zögert, sie aufzugeben. Oft warten die Bauern zu lange, um den schwierigen Entscheid zu fällen, bis es ihnen psychisch sehr schlecht geht oder die Frau davonläuft. So geht das in der Schweiz schon lange.

Sie haben mit Birchers vor allem über Subventionen geredet, zum Beispiel über Sömmerungsbeiträge.
Ja, die Sömmerung ist ein Problem, aber nicht das dringlichste. Im Vordergrund steht auch hier, die Milchproduktion aufzugeben. In der Gegend, in der Birchers bauern, wird auch in Zukunft gesömmert, aber nicht mehr mit Kühen, sondern vielleicht mit Rinderaufzucht oder Mutterkuhhaltung. Wir haben in der Schweiz eine Million Hektar Sömmerungsweiden. Das ist ein Viertel der ganzen Fläche der Schweiz.

Und diese Weiden werden subventioniert?
Für jede Hektar gibt es Geld. Die Beiträge werden anhand der Tiere berechnet, die auf einer Weide fressen. Denn auf der einen Alp braucht es zehn Hektaren für eine Kuh. Auf anderen Weiden können auf derselben Fläche viel mehr Kühe weiden. Deshalb kommt es gar nicht darauf an, wie gross eine Weide ist, sondern nur, wie viele Kühe während hundert Tagen dort oben leben können. Das ist eine gerechte Sache, denn jede Kuh frisst gleich viel.

Hat die von Ihnen propagierte Landwirtschaft überhaupt eine Überlebenschance?
Die Schweiz kann nur mit qualitativ hoch stehenden Produkten an den Markt gehen. Bio ist eines dieser Qualitätsmerkmale – ein sehr wichtiges, mit sehr guten Argumenten für das Marketing. Dann hat es noch den positiven Nebeneffekt, dass es auch für die Umwelt gut ist. Zudem gibt es einen Markt für Bioprodukte. Es geht zwar nicht mehr alles, es gibt eine gewisse Sättigung, aber weniger als bei konventionellen Produkten. Bio ist auch gut für das Selbstverständnis der Bauern, die sich sagen können: Ich führe eine vernünftige Landwirtschaft, ich brauche kein Gift. Man kann sozusagen nach innen wie nach aussen ein gutes Gefühl haben.

Interview: Samuel Plattner

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