20.05.1999

Nato-Bomben in der Adria

Von Cyrus Salimi-Asl

Nun ist es offiziell: Die Nato hatte die italienische Regierung nicht darüber informiert, dass ihre Piloten beim Rückflug vom Balkan die Bomben «im Notfall» einfach über der Adria abladen. In den vergangenen Tagen hatten Sprecher der Allianz in Brüssel noch darauf beharrt, dass Rom von dieser Vorgehensweise wüsste. Sehr zum Ärger von Regierungsvertretern, die eigener Erklärung zufolge erst durch die Bombenfunde – italienische Adriafischer hatten wie zuvor schon ihre kroatischen Kollegen (siehe WoZ Nr. 19/99) in den letzten Wochen neben Seezungen und Thunfischen hunderte von fabrikneuen Sprengkörpern aus ihren Fangnetzen gezogen – auf das Problem gestossen sind. Am vergangenen Montag nun gab Nato-Sprecher Jamie Shea indirekt zu, Italien, das als Flugzeugträger in diesem Krieg ja unverzichtbar ist, mit Halbwahrheiten hingehalten zu haben. Auf der anderen Seite liess der italienische Generalstab verlauten, sehr wohl von ausgewiesenen Abwurfzonen in der Adria gewusst zu haben. Warum dieses Wissen der Politik vorenthalten wurde, wird wohl ein militärisches Geheimnis bleiben. Die Nato-Zentrale verteidigte sich ihrerseits mit der Bemerkung, es nicht für nötig befunden zu haben, die Regierung in Rom über den Abwurf «entschärfter Bomben», von denen ja keine Gefahr ausgehe, in Kenntnis zu setzen.
Insgesamt hat die Nato sechs Abwurfzonen ausgewiesen, die sich in internationalen Gewässern auf einer imaginären Mittellinie zwischen der italienischen Halbinsel und dem Balkan befinden. Jede dieser Zonen misst im Durchmesser zehn Seemeilen (18 Kilometer). Die erste Zone liegt vor der Lagune von Venedig, wo am Montag letzter Woche eine explodierende Bombe bereits drei Fischer verletzt hat. Die zweite Zone erstreckt sich weiter südlich vor dem Touristenzentrum Rimini, die dritte vor der Hafenstadt Ancona. Die übrigen liegen vor dem Gargano und im Kanal von Otranto.
Die Abwurfzonen wurden von der Nato bereits 1992 ausgewiesen, als sie in Bosnien zu intervenieren begann. Ihre genaue Position wird jeweils den Flugrouten der Bomber angepasst. Die letzte Veränderung wurde erst vor wenigen Tagen vorgenommen: Die Zone vor Venedig liegt nun zwanzig Seemeilen weiter im Süden.

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