10.06.1999

Neu-alte Drehbücher für die Balkan-Story

Von Risto Lazarov, Skopje

Am Ende jedes Krieges auf dem Balkan treten Menschen «mit einer Vision» auf den Plan, die sich für die «Erbauer einer besseren Zukunft» halten. Die Auseinandersetzung mit der Zukunft ist allerdings keine populäre Beschäftigung auf dem Balkan. Die Vergangenheit zählt mehr, sie heizt die Emotionen an, und wegen der Vergangenheit werden die Kriege auch zumeist geführt. Das macht jeden Blick in die Zukunft zu einer grossen Herausforderung.
Vor dem Hintergrund der Kosovo-Krise wurden unzählige «Drehbücher» für die Region entwickelt. Besonderes Interesse fand ein Versuch des «Centre for Liberal Studies» in Sofia, den Balkan im Jahr 2010 zu beschreiben. Die MitarbeiterInnen dieses Zentrums haben drei mögliche Szenarien skizziert, die alle auf den historischen Erfahrung der Region basieren.

Variante 1:
Dayton

Dieses Szenario geht davon aus, dass das Ende des gegenwärtigen Krieges das Problem der kosovo-albanischen Flüchtlinge nicht löst und dass Präsident Slobodan Milosevic in Jugoslawien an der Macht bleibt. Jugoslawien behält seine internationalen Grenzen unverändert, und der Kosovo ist ein Protektorat der Uno. Es gibt eine internationale Militärpräsenz im Kosovo, bei der die USA und Russland die Hauptrolle spielen. Auch zehn Jahre nach Kriegsende sind erst ein Viertel der Flüchtlinge in ihre Häuser zurückgekehrt.
Dieses Szenario heisst nicht grundlos «Dayton». Es basiert auf den Erfahrungen von Bosnien: Da haben sich alle Kriegsparteien als Sieger bezeichnet, nur wenige Flüchtlinge kehrten zurück.
Natürlich wird die UCK eine solche Lösung nicht akzeptieren und ihren bewaffneten Unabhängigkeitskampf fortsetzen. Da die internationale Präsenz im Kosovo dessen Unabhängigkeit behindert, ist es gut möglich, dass innerhalb der UCK auch radikale islamistische Strömungen auftauchen.
UCKWachsende Instabilität in Albanien und Mazedonien sind ebenfalls Teil dieses Szenarios. Die Gefahr für Albanien rührt daher, dass das Land zur wichtigsten Basis der UCK wird, was in Albanien selbst die politische Gewalt anwachsen lässt und zudem die Beziehungen zu den Nachbarstaaten und der internationalen Gemeinschaft verschlechtert. Dies macht eine internationale Militärpräsenz auch hier erforderlich, wodurch Albanien zu einer Art Halbprotektorat wird. In Mazedonien wiederum bringen die Flüchtlingsströme das Gleichgewicht der Ethnien durcheinander. Ob es gelingt, die ethnische Loyalität durch eine staatsbürgerliche zu ersetzen, wird zur entscheidenden Frage für das Überleben dieses Staates.
Wie entwickelt sich die Region wirtschaftlich, sollte Milosevic im Amt bleiben? Die internationale Hilfe, zumindest jene aus den USA und der Europäischen Union, wird Jugoslawien meiden, um Belgrad zu schwächen. In diesem Fall kann sich Südosteuropa nicht als Region gemeinsam entwickeln, worunter vor allem Bulgarien und Rumänien leiden. Bulgarien braucht für seine Exporte nach Europa die Verkehrswege in Jugoslawien. Die Destabilisierung von Mazedonien und ein Exodus von WirtschaftsmigrantInnen aus Serbien bergen weitere Risiken, eine verzögerte Demokratisierung in Bulgarien und Rumänien ist die Folge. Das Verbleiben von Milosevic an der Macht bedroht zudem Bosnien-Herzegowina und den Übergang zur Demokratie in Montenegro. Die Balkanstaaten haben damit bis ins Jahr 2010 keine Chance, der EU beizutreten; dadurch vertieft sich der Graben zwischen der EU und Südosteuropa.
Die WissenschaftlerInnen des «Centre for Liberal Studies» bezeichnen dieses Szenario als Scheinlösung. Es würde der Region nicht erlauben, den Kreislauf der Instabilität zu durchbrechen. Es könnte den Krieg beenden, wäre aber noch keine Formel für den Frieden.

Variante 2:
Berliner Kongress

Dieses Szenario geht davon aus, dass die internationale Gemeinschaft die Entstehung von ethnisch einheitlichen Staaten als die einzige mögliche Lösung zur Beendigung der
Kosovo-Krise ansieht. Das bedeutet Grenzverschiebungen und den Austausch von Bevölkerungsgruppen nach Verhandlungen auf einem zweiten Berliner Kongress (nach dem Russisch-Türkischen Krieg 1877/78 teilten die Staatsmänner von Deutschland, Österreich-Ungarn, Frankreich, Britannien, Italien, Russland und der Türkei auf dem Berliner Kongress 1878 den Balkan völlig neu auf). Auf der imaginären politischen Landkarte nach einem solchen Kongress liegt der Kosovo und der Westen Mazedoniens in Albanien, dessen Hauptstadt dann Pristina heisst. Die serbische Republik in Bosnien-Herzegowina und ein Teil des Kosovo gehören zu Serbien. Kroatien erhält ebenfalls ein Stück von Bosnien, den Rest bildet eine muslimische Republik Sarajewo. Im östlichen Teil von Mazedonien entsteht die Republik Skopje. Weitere Teilungen sind denkbar.
MazedonienDieses Szenario mag heute sehr unwahrscheinlich erscheinen, es ist jedoch nicht unmöglich. Vor allem wenn die Bemühungen scheitern, in Bosnien einen multiethnischen Staat zu schaffen, wenn das multiethnische Mazedonien auseinander bricht und wenn im Kosovo keine Lösung gefunden wird. Dieses Szenario entspricht den Vorstellungen der Ultranationalisten auf serbischer und albanischer Seite. Es folgt dem Glauben, dass Stabilität in der Region nur erreicht werden kann, wenn die Ziele des radikalen Nationalismus auf dem Balkan verwirklicht werden. Die Befürworter dieses Szenarios werden es als die einzige realistische Lösung bezeichnen, weil es Nationalstaaten schaffe, die Kriegsparteien trenne und so im Laufe der nächsten zehn bis fünfzehn Jahre die Bedingungen für eine Demokratisierung schaffe. Dabei wird unterstellt, dass die multiethnische Zusammensetzung der Bevölkerung die Chancen einer Demokratisierung behindere.
Diese Lösung könnte dramatische Konsequenzen haben. Auch in anderen Balkanländern werden dann politische Prozesse verstärkt in ethnischen und religiösen Kategorien gedeutet. Die Teilung Mazedoniens wird in alle Nachbarstaaten ausstrahlen und die Spannungen zwischen Griechenland und der Türkei anheizen. Die WissenschaftlerInnen des «Centre for Liberal Studies» glauben, dass ein Verhandlungsergebnis zur Entflechtung der Ethnien kaum zu erreichen sein dürfte. Sollte es gelingen, würden dadurch alle Prinzipien und Grundwerte des Westens untergraben: der Balkan als Ghetto Europas.

Variante 3:
Der Marshallplan

Ausgangspunkt ist die Annahme, dass ein Kosovo-Friedensplan die Grundprobleme der anderen beiden Szenarien gelöst hat: Milosevic ist nicht mehr an der Macht, der grösste Teil der Flüchtlinge ist in den Kosovo zurückgekehrt. Der Kosovo erhält weitgehende Autonomie innerhalb der Bundesrepublik Jugoslawien, und die EU und die USA pumpen Hilfsgelder in die Region.
Dieses Szenario liegt derzeit noch in weiter Ferne. Erstens ist die Opposition in Jugo-slawien nicht stark genug, um Milosevic loszuwerden. Zweitens müsste die EU noch einmal über die Bücher und Südosteuropa zu einem Schwerpunkt ihrer Integrationsbemühungen machen. Es scheint jedoch nicht allzu viele Befürworter einer Integration und Europäisierung des Balkans zu geben. Angesichts der Korruption in der Region droht Wirtschaftshilfe wirkungslos zu versickern.
Die AutorInnen der Studie bevorzugen ein solches Szenario, betonen aber, dass Wirtschaftshilfe und Integration noch keinen Aufschwung der Demokratie und der zivilen Gesellschaft in den Balkanländern garantieren.

Das sind nur drei Varianten einer möglichen Entwicklung auf dem Balkan. Drei «Remakes» von Filmen, die wir bereits gesehen haben. Die Drehbücher sind also geschrieben und warten nur noch auf die Regisseure. Aber vielleicht sind die Regisseure ja bereits am Werk.

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