09.06.2011

Neun Milliarden und kein Hunger

Von Daniel Stern

Die Hilfsorganisation Oxfam warnt, dass die Preise für Grundnahrungsmittel in den nächsten zwei Jahrzehnten weiter rasant steigen, wenn nicht gegengesteuert wird. Gemäss ihren Berechnungen könnten die Preise bis 2030 um 120 bis 180 Prozent steigen. Die nichtstaatliche Organisation lanciert deshalb die bisher grösste Kampagne ihrer siebzigjährigen Geschichte und fordert ein «neues Wohlstandsmodell», um den weltweiten Hunger zu reduzieren. 2050 werden neun Milliarden Menschen auf der Erde leben. Oxfam hält es für realistisch, dass alle von ihnen satt werden. Genug Lebensmittel seien vorhanden. So würden heute bis zu fünfzig Prozent der weltweit produzierten Nahrungsmittel nicht konsumiert, sondern im Abfall landen. Ausserdem liesse sich die Produktivität der Landwirtschaft mit ökologisch nachhaltigen Methoden noch wesentlich steigern. Notwendig sei jedoch eine «radikale Kehrtwende».
So fordert Oxfam ein internationales System zur Verhinderung von Nahrungsmittelkrisen: International koordiniert seien Nahrungsmittelreserven zu bilden, um Preisschwankungen ausgleichen zu können. Die Markttransparenz müsse erhöht werden, um Panikkäufe und Hortungen zu vermeiden. Auch sei der Handel auf den Rohstoffmärkten zu reglementieren. Mehr Transparenz sowie Begrenzungen der Handelsvolumen und der Preise könnten exzessive Spekulationen eindämmen. Ein Teil der Preissteigerungen bei Rohwaren wie Weizen und Mais geht klar auf das Konto der Spekulation, wie auch die Uno-Organisation für Handel und Entwicklung in einer nun veröffentlichten Studie schreibt. Die SpekulantInnen würden oft dem «Herdentrieb» folgen, was zu extremen Preisschwankungen führe und nicht mehr viel mit dem realen Verhältnis von Angebot und Nachfrage zu tun habe.
Gemäss Oxfam sind auch die Subventionen an BäuerInnen im Norden zu reduzieren, weil sie den BäuerInnen im Süden Marktchancen verbauten. Auch die staatlichen Beihilfen für die Produktion von Agrosprit müssten eingestellt werden. Die von Politik und Agrobusiness vorangetriebene industrielle Landwirtschaft sei nicht nachhaltig. Oxfam fordert stattdessen staatliche Unterstützung für den Aufbau einer zukunftsfähigen Landwirtschaft: In der kleinbäuerlichen Landwirtschaft stecke «enormes Potenzial». Sie sei als «Rückgrat des Ernährungssystems» zu stärken, da sie auch besonders für klimafreundliche Anbaumethoden geeignet sei. Landwirtschaftsbetriebe, die auf nachhaltige Anbaumethoden umstellten, könnten gemäss diverser Studien mit deutlichen Ertragssteigerungen rechnen.