Nr. 25/2016 vom 23.06.2016

Zuckerhut am Open Air

Von Stephan Pörtner

Das Gedudel der als Folksensation angepriesenen Festlandkeltenformation ging Zuckerhut zunehmend auf die Nerven. Anstelle der erhofften mystischen Waldszenen und fantastischen Fabelwesen erschienen vor seinem geistigen Auge bloss Bilder unerledigter Hausarbeiten, in Bars liegen gelassener Kopfbedeckungen und längst ausgestorbener Apfelsorten. Dafür war er nun stundenlang durch eine schlammige Wiese gewatet, zwischen Ständen, an denen billiger Altertumskitsch feilgeboten wurde. Hatte sich einen Dreitagespass und ein Wurfzelt erworben in voller Erwartung einer unvergesslichen Alltagsflucht, die erst gelang, als er zum wiederholten Male eine aus in die Rippen gestossenen Kuhhörnern kredenzte, klebrige Flüssigkeit eingeflösst bekam, die ihn in einen Zustand nie gekannter Anspruchslosigkeit versetzte.

Stephan Pörtner ist Krimiautor («Köbi der Held», «Stirb, schöner Engel», «Mordgarten») und lebt in Zürich. Für die WOZ schreibt er Geschichten, die aus exakt 100 Wörtern bestehen. Im Dezember 2014 hat die WOZ eine Auswahl unter dem Titel «100 Mal 100 Wörter» als Buch herausgegeben, das unter www.woz.ch/shop/woz-buecher erhältlich ist. Sein Krimi «Mordgarten» ist unter www.woz.ch/shop/buecher zu haben.