26.09.2002

Dem Kollaps nahe

Von Armin Köhli

Jetzt liefert die Uno die Daten. Das Büro des Spezialkoordinators in Palästina Unsco veröffentlichte den ersten Bericht für das Jahr 2002. Die Unsco-Berichte über die wirtschaftliche Entwicklung in Palästina erschienen seit 1996 im Prinzip halbjährlich und gelten als genaueste Datenerhebung in den palästinensischen Autonomiegebieten. Im Zentrum des neuesten Berichts stehen die Folgen der fast vollständigen Abriegelung Gazas und der Westbank im Zuge der Operation Defence Shield ab Ende März 2002.

Die harten Fakten der «von Menschen geschaffenen humanitären Krise»: Unterernährung, Anämie und hunderttausende, die direkt von Lebensmittelhilfe abhängen. Schon vor Beginn von Defence Shield hatten als Folge des israelischen Krieges gegen die Intifada über 56 Prozent der Haushalte mehr als die Hälfte ihres Einkommens verloren; etwa 67 Prozent aller Haushalte lebten in Armut. Nach dem 29. März unterstanden zeitweise über 600 000 PalästinenserInnen tagelang – einige Städte für rund drei von sechs Monaten – einer 24-stündigen, vollständigen Ausgangssperre.

Die Ausgangssperren und die militärischen Aktionen, so schreibt das Unsco, beeinträchtigten praktisch jeden Bereich des normalen Lebens. Die ländliche Bevölkerung blieb von der Gesundheitsversorgung abgeschnitten; die Militärs zerstörten gezielt Kommunikationsmittel, sanitäre Einrichtungen, Kühlmöglichkeiten und Heizungen. Da die Zisternenwagen die Häuser kaum mehr oder nur über grosse Umwege erreichen konnten, verdreifachte sich der Wasserpreis. Viele Menschen verschuldeten sich, nur um Wasser kaufen zu können, andere benützen gebrauchtes und verschmutztes Wasser. Ende März lebten 85 Prozent der Menschen in Gaza und 58 Prozent jener in der Westbank in Armut. Zwischen Ende März und Ende Juni erhöhte sich die Arbeitslosenquote von 36 auf 50 Prozent.

Der Unsco-Bericht beschreibt mit Zahlen und Fallbeispielen die Folgen der israelischen Strangulierung für Landwirtschaft, Industrie, Handel, Transport, Produktivität, Einkommen und Konsum. Und er kommt zu einem eindeutigen Schluss: «In einer Gegend, in der zehn Millionen Menschen auf sehr begrenztem Raum leben, kann ein Sicherheitssystem für zwei Drittel der Menschen nicht von Dauer sein, wenn es auf Kosten sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit des anderen Drittels geht.»

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