15.03.2001

Ramallah. Verlassen.

Der Plan «Bronze» der israelischen Armee will die palästinensischen Gebiete in 64 jederzeit absperrbare Stücke zerteilen. Gedanken bei der Suche nach einem Weg aus solchem Arrest.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Es war wie immer zu Beginn von muslimischen Feiertagen. Am Morgen des ersten Festtages mache ich mich jeweils auf, das Grab meiner Mutter zu besuchen. Sie liegt im Flüchtlingslager, wo wir einst zusammen lebten, begraben. Am frühen Morgen des 4. März [2001] fuhr ich in meinem Auto von Ramallah in Richtung Flüchtlingslager. Die Fahrt dauert normalerweise etwa zehn Minuten. Ich wusste schon, dass die Hauptstrasse zum Lager für alle palästinensischen Autos gesperrt ist, denn sie führt direkt an der jüdischen Siedlung Beit El vorbei. Ich versuchte also nicht einmal, diese Strasse zu benützen. Stattdessen fuhr ich über einen Holperweg, den sich die Autos nach und nach selbst geschaffen haben. Der Holperweg ist steinig, und seine Benützung ist teuer, denn man muss das Auto nachher praktisch jedesmal in die Werkstatt bringen.

Doch seltsam: Ich entdeckte, dass jedes einzelne kleine Strässchen, jeder staubige Weg, über den ich Ramallah hätte verlassen können, mit Bergen von Steinen und Schutt gesperrt war. Ich traute meinen Augen nicht. Eine Armee, und der Staat hinter dieser Armee, investierte Geld und beschäftigte sich tatsächlich ganz ernsthaft damit, jeden Feldweg zu blockieren. Beim Betrachten dieser Blockaden erkannte ich eine Art endgültige Übersetzung eines umfassenden Kontrollsystems. Die israelische schöpferische Kraft zeichnete eine moderne Karte der «verachteten anderen». In diesem Moment sah ich all die verschiedenfarbenen, separierenden Identitätskarten, die verschiedenfarbenen und separierenden Autonummern, die Checkpoints, die ständig notwendigen Bewilligungen, all die Nummern und Zahlen, die mich ständig unter Kontrolle halten.

Dennoch schockierten mich diese Blockaden, sie schüttelten mich und versetzten mich in eine ursprüngliche Landschaft. Es liegt etwas dermassen Primitives in dieser Abriegelung und etwas dermassen Dramatisches. In gewisser Weise haben sie die Landschaft und den natürlichen Lebensfluss ermordet. Ich erlebte das nicht als Mord an einer Person, sondern als Mord am Prinzip des Lebens an sich. Denn für uns eingeborene Menschen sind diese Strassen wie Adern, durch die unser Leben strömt. Darauf bringen wir unsere Kranken in die Spitäler, und die Frauen gehen hin, um ihre Kinder zur Welt zu bringen. Die Bauern bringen ihre Ernte zum Markt, LehrerInnen und SchülerInnen gehen zur Schule. In diesem Moment, gestrandet zwischen Bergen von Schutt beim Versuch, das Grab meiner Mutter zu besuchen, kam ich mir vor wie in einer schwarzen Komödie.

Wir sind die Ersatzopfer im neuen jüdischen Drama, das dieses Mal, als grossartige biblische Inszenierung, in Palästina spielt. Nur wenn ich es derart dramatisch drehe und wende, bin ich fähig, solch göttliche Zerstörungen zu begreifen. Ich versuchte einen Feldweg nach dem anderen, doch es gab keinen Weg aus der Stadt hinaus. Es wurde zur Herausforderung, und ich wurde zunehmend besessen vom Willen, einen Ausweg zu finden. Ich wollte es nicht erleben müssen, an einem solchen Tag das Grab meiner Mutter nicht besuchen zu können. Das hätte ich mir nicht verziehen. In mir selbst ging es also um Leben und Tod.

Neben den Gefühlen für meine Mutter ging es mir darum, mich meiner selbst zu versichern, einer Art von existenzieller Freiheit. Ich beschloss, nicht wieder in die Stadt zurückzugehen, bevor ich mein Ziel erreicht hatte. Mein ganzes Leben, meine Persönlichkeit reduzierten sich darauf, durch diese Hügel, wo ich aufgewachsen war, hindurchzufahren. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass es auf der Welt eine Macht gibt, deren Aufgabe es ist, mich und andere von diesem schlichten Ritual abzuhalten. Diese Situation zu akzeptieren, wäre Wahnsinn. So monologisierte ich, denn ich war alleine im Auto, und diese Monologe führten mich schliesslich (ohne mein Auto) zum Grab meiner Mutter.