31.03.2002

Arafats Auferstehung

Der israelische Druck und die neue palästinensische Einheit machen Arafat wieder stark. Und die Richtung der Gewehrläufe beginnt sich zu ändern.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Die deprimierendste und entfremdetste Phase erreichte Palästina vor zwei Monaten. Denn zusätzlich zur israelischen Belagerung, den nächtlichen Beschiessungen von Wohngebieten, den Morden und den vielen Einschränkungen im Alltag trat ein neuer Konflikt zutage. Die Palästinensische Autonomiebehörde (PNA) hatte den Generalsekretär der Volksfront zur Befreiung Palästinas (PFLP), Ahmed Saadat, verhaften lassen und damit ein deutliches Signal an die PalästinenserInnen gesandt: Nichts ist heilig. Diese Verhaftung machte die politischen Gefangenen zum wichtigsten Thema vieler palästinensischer Parteien. Der Spalt zwischen der PFLP und den Islamisten auf der einen und der Fatah, der dominierenden und grössten Partei, auf der anderen Seite vergrösserte sich. Ich wurde selber Zeuge einer Freitagsdemonstration, bei der Demonstranten mit Fäusten und Knüppeln aufeinander losgingen anstatt auf die israelischen Soldaten hundert Meter weiter. Einige Tage danach stürmten PFLP-Anhänger das Regierungsgebäude, worin sich Jassir Arafats Büro befindet, und das wichtigste Gefängnis. Glücklicherweise eskalierten diese Auseinandersetzungen nicht weiter.

Alle waren frustriert: die politischen Parteien, die gegen die israelische Besetzung kämpften und dafür von den lokalen Polizeikräften verhaftet und bestraft wurden, aber auch die PNA, denn sie erhielt von den Israelis keine Gegenleistungen für ihre Hilfe. Von US-Präsident George Bush und dem israelischen Ministerpräsidenten Ariel Scharon hörten wir nur: «Arafat muss mehr tun.» Dabei ist klar, dass «mehr tun» Bürgerkrieg bedeuten würde. Darauf haben die Israelis sorgfältig hingearbeitet.

Das Bild wird deutlicher, wenn man noch etwas weiter zurückschaut. Immer mehr PalästinenserInnen frustrierte es, dass Selbstmordattentate das einzige Mittel waren, den Israelis zu schaden. Doch in unseren Medien gab es nicht eine Stimme, die die dafür Verantwortlichen aufgefordert hätte, ihre Angriffsziele zu überdenken. Erst vor einigen Monaten publizierten zwei palästinensische AkademikerInnen, Musa Budeiri und Rima Hamami, die beide hier in Palästina unterrichten, gemeinsam einen entsprechenden Artikel in der Zeitung «al-Ayyam». Sie sprachen für jene grossen Teile der Bevölkerung, die mit Selbstmordattentaten nicht einverstanden sind und wünschten, wir hätten andere Mittel für unseren Kampf. Immer mehr Menschen werden sich bewusst, dass Selbstmordattentate den PalästinenserInnen genauso schaden wie den Israelis.

Aus dieser Lage gab es keinen Ausweg, keine politische Lösung. Hier, weit weg von den Medien, aber konfrontiert mit israelischen Helikoptern und Panzern, wussten wir, was geschah. Scharon drosch auf Arafat und sein Establishment ein, während er ihn aufforderte, seine Bevölkerung besser zu kontrollieren. Schritt um Schritt arbeitete Scharon daran, Arafat und die PNA zu eliminieren.

Doch eine Bevölkerung, die aus mehreren Millionen Flüchtlingen und hunderttausenden ehemaligen politischen Gefangenen besteht, mit mehr als fünfzehn politischen Fraktionen und jahrzehntelangem Widerstand gegen die israelische Besetzung, lässt sich nicht so einfach unter Kontrolle halten. Das bewies sie. Genau in diesem Moment der Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit wurde der palästinensische Widerstand wiedergeboren. Mit vier grossen Angriffen – diesmal wieder gegen die israelische Armee – wurde Scharon erwischt. Zwei Angriffe kamen in Gaza zustande (bei einem wurde ein Merkava-Panzer gesprengt) und zwei in der Westbank. Sie galten Checkpoints, und die meisten dort postierten Soldaten kamen um. Einer der Angriffe schuf jenes nationale Symbol, nach dem sich die PalästinenserInnen so lange gesehnt hatten. Ein einzelner Mann griff mit seinem alten Gewehr einen Checkpoint an und tötete sieben Soldaten und drei Siedler. Für ein Volk, das von einer Supermacht links und rechts geschlagen wird, das von der «internationalen Gemeinschaft» verlassen und von der eigenen Führung verwirrt ist, wirkte dieser Angriff magisch. Der Mut kehrte zurück.

Die Verwirrung schwand. Der Feind war wieder deutlich auf der Karte markiert und der Ausweg ebenso. Der lokale Fatah-Führer Marwan Barghuti rief dazu auf, alle Gewehre auf die Checkpoints zu richten. Tatsächlich stand die Fatah hinter einigen der Angriffe, was alle, selbst die Fatah-Führung, überraschte. Fatah gilt hier beinahe als Synonym für die PNA oder zumindest als Regierungspartei. Für die Israelis gehört die Fatah Arafat, sie steht unter seiner Kontrolle – wie kommt sie nun dazu, so etwas zu tun, nach all den Schlägen, die Arafat einstecken musste? Und die alte Garde der Fatah erkannte die neue Kraft der neuen Generation von Kämpfern.

Zu Beginn der Intifada schrieb ich in der WoZ über die vielfältigen Kräfte innerhalb der Fatah, die aus ihrer breiten und pragmatischen Struktur resultieren (siehe WoZ Nr. 48/00). Ich ging davon aus, nur die Fatah könne die PNA beeinflussen, dank ihrer Vielfalt: Flüchtlinge, Intellektuelle, Mittelklasse und Arme gehören ihr an. Gerade weil der Fatah ein ideologisches Rückgrat fehlt, wie es etwa die islamistischen Dschihad und Hamas sowie die linken PFLP und DFLP besitzen, kann es innerhalb der Fatah zu Entwicklungen und Interpretationen kommen, die in anderen Parteien nicht möglich sind.

Die bewaffneten Angriffe der jungen Fatah-Generation und der anderen Fraktionen auf Soldaten und Siedler haben die politische Karte des Widerstands neu gezeichnet. Das Wichtigste dabei ist, dass diese Angriffe hier riesige Zustimmung erhielten, ganz anders als die Selbstmordattentate gegen israelische ZivilistInnen. Jetzt können die Menschen wenigstens die politischen und moralischen Resultate vergleichen. Und das tun sie auch, in den Zeitungen, in Fernseh-Talkshows, auf der Strasse. Das Stadtgespräch geht darum, welche Angriffe heldenhafter sind, und es gilt als heroischer, SoldatInnen anzugreifen als ZivilistInnen. Wesentlich ist auch, dass diese Angriffe eine Art nationaler Einheit an der Basis schufen, die auf Regierungs- und Führungsebene immer noch fehlt. Aus dieser Einheit konnte Arafat jene Stärke zurückgewinnen, die er nach den politischen Verhaftungen und den danach drohenden Unruhen verloren hatte.

Die israelischen Menschenrechtsverletzungen, die heftige Aggression gegen die PalästinenserInnen, fielen auf Scharon und seine Regierung zurück. Die internationale Entwicklung – Uno-Resolution, EU-Deklaration, politische Interventionen von Menschenrechtsgruppen – gibt den PalästinenserInnen eine gewisse Stärke. Und nach den Friedensvorschlägen des saudischen Kronprinzen Abdallah erscheint Arafat plötzlich wieder als mächtigster Beteiligter. Und er scheint fähig, das politisch zu nutzen.