30.11.2000

Licht am Ende des Tunnels

Die kühl berechnete militärische Allmacht ist tödlich. Die Verbrämung der gewalttätigen Geschichte auch. Doch der Krieg bringt Hoffnung nach Palästina.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Es beginnt mit Schüssen, dann wird es lauter. Schwere Maschinengewehre, Panzer, Helikopter, dann ist alles wieder ruhig. Wir gehen schlafen, und am Morgen schauen wir die Nachrichten an. Beerdigungen, Zusammenstösse, schreiende PalästinenserInnen, und Israels Ministerpräsident Barak lächelt kühl im Fernsehen. Er sieht so selbstsicher aus, denn er tut genau das, was er am besten kann: Schlachten kommandieren. Ich muss zugeben, dass ich von der verwendeten Technologie beeindruckt bin. Die Israelis zeigten den Palästinensern, wie schnell sie sie zerstören können. Das Gebiet ist genau kartographiert. Sie können sich jeden Palästinenser, den sie wollen, holen; aus dem engsten, bevölkertsten Flüchtlingslager heraus, nur mit einem Helikopter oder einem Transporter. Die Israelis bewiesen mit ihrer äussersten Effizienz, dass sie jeden einzelnen Palästinenser treffen können - mit einer Rakete, nicht mit einer Kugel. So mächtig ist dieser Staat. Und er kann es sich leisten. Palästinenser zu bekämpfen scheint eine israelische Wissenschaft geworden zu sein.

Kriegslandschaft

Die israelische physische Präsenz in der West Bank und in Gaza ist ein Abbild der israelischen Intervention in der lokalen Landschaft. Siedlungen, Umgehungsstrassen, Checkpoints und militärische Basen. Diese Einrichtungen besitzen eine magische Note, denn sie können sofort zu einem eigenen Gebiet werden, einem eigenen Raum. Abgesondert, befestigt, kontrolliert, kontrollierend, verbunden mit den grösseren israelischen Städten, abgeschnitten vom Raum der Einheimischen. Diese Bauten bilden eine Kriegslandschaft in ihrem Verhältnis zur palästinensischen Umgebung. Der jüngste Aufstand und die schweren Auseinandersetzungen bewiesen genau das. Jede Siedlung, jeder andere israelische Bau verwandelte sich in eine militärische Stellung.

Ein Western

Western-Filme über amerikanische UreinwohnerInnen bieten eine famose Analogie zu dem, was hier passiert. Im typischen Szenario eines Westerns greifen ein oder mehrere Indianer das Haus eines Weissen an, töten eine schöne, junge, weisse Frau und brennen das Haus nieder. Der Ehemann, oder der Held, kehrt zurück zur Ruine. Und geht los, um die Quelle des Teuflischen zu vernichten. Siedler kommen, um den Ort zu reinigen, mit ihrer Bibel, ihren Kirchen und ihrem Glauben. Der Ureinwohner ist ein Wilder ohne Familie. Am Ende steht meistens die Wiedervereinigung des weissen Mannes mit einem geliebten Objekt, nachdem er gezwungen war, loszuziehen, zu kämpfen und den teuflischen Indianer zu vernichten.

Die AmerikanerInnen brauchten einige Jahrzehnte, doch dann begriffen sie, dass sie mit ihren Filmen etwas Mörderisches taten. Sie begriffen, dass dies die Fantasien weisser Siedler waren, die die Geschichte umschreiben wollten. Die stellten sich die Geschichte so vor, wie sie es gerne gehabt hätten. Ohne begangene Verbrechen. Alles nur Reinigungen. Jeder israelische Siedler wird seine Friedfertigkeit beweisen und in aller Unschuld erklären, dass er die lokale Bevölkerung in Ruhe lässt, solange ihn niemand stört. Er wird erklären, dass «ein Araber, nur wegen einiger Geissen in den Hügeln, noch lange kein Anrecht auf das Land hat». Jeder Siedler führt seine Anwesenheit in diesem Land auf archaische Ereignisse zurück; er oder sie sei von Gott gesandt, um das Land zu retten. Doch das ist kein Westernfilm. Das ist der Lauf der Dinge hier in der West Bank und in Gaza.

Keine praktische Lösung

Ohne dass die Israelis ihre Schuld und ihre Verantwortung für das, was sie den PalästinenserInnen antaten, ausdrücklich anerkennen, wird es keinen Frieden geben. Die Wunden werden nicht verheilen. Es kann keine praktische Lösung gefunden werden, ohne dass zuerst eine moralische Lösung gefunden wird.

Der allererste mutige Schritt im «Frieden der Mutigen» wäre, die moralische Verantwortung anzuerkennen, ohne Rücksicht auf die materiellen Folgen. Die moralische Verantwortung, die den Flüchtlingen erst die Möglichkeit gibt, ihre Verluste zu betrauern und sie zu verhandeln. Diese Wunde muss geheilt werden, selbst wenn das nicht vollständig geschieht. Wie könnten die Menschen sonst vergeben und vergessen.

Ist dieser Krieg nicht ein Glück für uns?

Auf den Strassen, in den Kaffeehäusern und in den Nachrichten erfahre ich, dass die Mehrheit der PalästinenserInnen glücklich über diesen Krieg sei. So zynisch es tönt: Das ist die Wahrheit. Ich fühle das Gleiche. Dieser Krieg hat uns neue Möglichkeiten für Veränderungen gegeben. Sieben Jahre nach «Oslo» war die palästinensische Luft erfüllt von Stagnation, Korruption und schalen Versprechungen. Einige wenige profitierten von den Friedensabkommen. Die Mehrheit der Menschen spürte keine Besserung. Es gibt weniger Arbeitsplätze, die Einkommen sind gesunken, und die Bewegungs- und Reisemöglichkeiten sind genau so eingeschränkt wie vorher. Die israelische Besatzung ist überall. Sie gingen zur Tür hinaus, um durch das Fenster wieder hereinzukommen.

Wie viele andere verlor ich die Hoffnung. Ich glaubte nicht mehr an die Möglichkeit von Veränderungen. Die Leute an der Macht würden immer an der Macht bleiben. Keine Wahlen, keine Redefreiheit. Und jede Form von Widerstand mit viel Gewalt von den israelischen und palästinensischen Sicherheitsapparaten unterdrückt. Die Palästinenser an der Macht scheinen das links und rechts zu ihrem eigenen Vorteil auszunützen. Viele Exrevolutionäre mutierten zu Millionären. Die haben kein Interesse, den Status quo zu verändern.

Die Absenz von demokratischen Strukturen, die den Menschen Veränderungen ermöglichen würden, und die Absenz einer visionären und effektiven politischen Opposition liessen die Lage Furcht einflössend erscheinen.

Als ich vor einem Jahr mit der Arbeit an meinem Film «Light at the End of the Tunnel» über die Lage der palästinensischen politischen Gefangenen begann, interviewte ich einige lokale Anführer der Fatah-Bewegung. Alle waren von ihrer eigenen Führung enttäuscht. Und ich hörte immer mit der gleichen Frage auf: «Warum erneuert ihr die Bewegung nicht, warum macht ihr sie nicht wieder lebendig?» Denn Fatah ist die älteste und stärkste palästinensische revolutionäre Bewegung. Aber sie waren pessimistisch. «Die Führung will keine Änderung innerhalb der Fatah. Die wollen, dass alles bleibt, wie es ist», antworteten sie frustriert.

Doch nun kam es über uns wie ein Weihnachtsgeschenk. Dank der Israelis, die alte, kleine, leere Räume bombardierten, an denen noch ein Fatah-Zeichen prangte. Diese Büros in den Flüchtlingslagern und den Dörfern hatten längst jede nationale oder revolutionäre Bedeutung verloren. Niemand kümmerte sich um sie, und niemand erwartete etwas von ihnen. Doch durch diese Beschiessungen verwandelten sie sich mit der Geschwindigkeit einer Gewehrkugel in etwas Machtvolles. Fatah erwachte wieder zum Leben. Fatah ist heute die revolutionäre Bewegung, die die Strassen kontrolliert. Bewaffnete der Fatah, die nachts losgehen und die Siedlungen beschiessen, müssen nicht fürchten, von den Behörden verhaftet zu werden. Denn sie sind Teil dieser Behörden. Sie sind in jedem Büro, in jedem Sicherheitsapparat und in jedem Gefängnis. Die palästinensische Verwaltung, und besonders Arafat, kann es sich nicht leisten, Fatah zu verlieren oder ihre Mitglieder zu vergraulen.

Wir PalästinenserInnen haben wieder eine politische Bewegung, die uns repräsentiert. In den Strassen, in den Flüchtlingslagern, in den israelischen Gefängnissen. Wir haben wieder ein Potenzial für eine politische Opposition, die der Korruption und den schlechten Abkommen mit den Israelis etwas entgegensetzen kann. Natürlich ist das erst ein Potenzial. Aber ein Potenzial, das wir brauchen. Doch wird dieses Potenzial seine Macht entfalten? Das ist schwer zu sagen.

Aber ich träume davon, neue Gesichter in der palästinensischen Führung zu sehen. Ich träume davon, einige alte Figuren jetzt loszuwerden. Ich träume davon, dass die PalästinenserInnen über Abkommen abstimmen können und zu ihrer eigenen Zukunft etwas zu sagen haben.