05.09.2002

September-Blues in Ramallah

Die palästinensische Metropole Ramallah wird langsam zum Museum. Ein Gegenwartsmuseum des Schreckens und des Mangels.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Das Haus, das ich filmte, war von israelischen Soldaten geplündert worden. Sie hatten die ganze Familie – Vater, Mutter, Sohn und Tochter – in deren eigenem Haus als Geiseln genommen und sie während beinahe dreier voller Tage als «menschliche Schutzschilder» benützt. Nachdem sie wieder abgezogen waren, ging ich mit hunderten anderen hin, um selber zu sehen, was geschehen war.

Unter den vielen Leuten waren auch drei Freundinnen der 20-jährigen Tochter Abir. Sie standen um uns herum, als ich Abir interviewte. Irgendwie kamen wir auf den 11. September zu sprechen. Eine der jungen Frauen meinte wütend, dass jene, die heute noch an den Folgen litten, die AfghanInnen und die PalästinenserInnen seien. «Das stimmt nicht ganz», sagte eine andere sichtlich geschockt. «Es gibt einen Unterschied. Die Afghanen haben es hinter sich, zumindest kam es zu einem gewissen Ende oder einer Art Neuanfang. Das beruhigt die Menschen. Der Schmerz ist gross, doch etwas passiert, worauf die Menschen hoffen können. Hier ist es anders. Wir sind die Langzeitopfer des 11. September.»

Das Haus sah aus wie die Kulisse eines Kriegsfilms. Die Wände waren von Einschusslöchern durchsiebt, zerfetzte Bücher lagen herum, Bilder und Zierrat waren überall auf dem Boden verstreut. Mit all den BesucherInnen sah es wirklich aus wie im Theater. Ich erinnere mich an eine Frau, die die HausbewohnerInnen anwies, nichts zu verschieben und sich nicht neu zu organisieren. «Ihr müsst alles genau so lassen, wie es jetzt ist», befahl sie allen mit fester Stimme.

Die Frau wollte sicherstellen, dass das Haus – oder jetzt die Stätte – zu einer Ausstellung würde. Die Leute sollten es mit eigenen Augen sehen und auch einen gewissen Schrecken verspüren. Museen bieten so etwas an, aber eher selten in echt; meist gibt es längst Vergangenes zu erleben. Doch im Hier und Jetzt, in Palästina, werden wir mit einer neuen Art von Museum ausgestattet, dessen sämtliche Ausstellungsobjekte eine lebendige Schreckenserfahrung ermöglichen.

Wie dazu bestimmte StudentInnen rennen wir zu jedem einzelnen zerstörten Haus und Büro, gehen zu jeder Beerdigung, wie um uns selber zu versichern, dass wir die Situation «richtig» verstehen. Das wird schon fast zur Sucht. Je mehr Zerstörung man sieht, desto weniger Schmerz fühlt jeder und jede Einzelne.

Die Israelis wollen uns eine Lektion erteilen, indem sie uns ihre Macht demonstrieren. Hightechwaffen, etwa in Mobiltelefonen versteckte Bomben, lasergesteuerte Raketen, «smarte» Bomben, F-16-Kampfflugzeuge, Merkava-Panzer – alles setzen sie ein, um so viel Zerstörung wie möglich anzurichten. Offensichtlich sind die angerichteten Schäden eher von der Art «Jetzt zeig ich dir aber, zu was ich fähig bin», als dass sie aus einem Kampf resultieren. Masslos übertrieben, und, wie ein israelischer Journalist formulierte, es zeigt Angst und Ignoranz, gekoppelt mit Macht.

Abirs Freundin hat Recht. Unsere Erfahrung der Zerstörung unterscheidet sich von jener der AfghanInnen. Trotz der Intensität der US-amerikanischen Angriffe scheinen sie nur kurzzeitig und vorübergehend gewesen zu sein. Zerstörungen sollten nur dem Aufbau von etwas Besserem dienen, lauteten die Versprechungen aus den USA, die den Krieg begleiteten. Und das stimmte auch. Kurz danach fanden sich die AfghanInnen am Anfang einer neuen Ära wieder, mit einer neu gegründeten politischen Führung. Die Männer können sich wieder den Bart abschneiden, Kinos öffneten ihre Tore, und Mädchen dürfen wieder zur Schule gehen.

Bei uns scheint Zerstörung das angestrebte Resultat zu sein – das Ziel des israelischen Krieges. Ausmass und Art der Zerstörung sagen ja so viel aus. Schulen, Ministerien, Einkaufszentren, Strom- und Wasserleitungen, Spitäler, selbst die Landschaft erleiden grosse Schäden. Mindestens 120 000 Olivenbäume wurden von Armee und Siedlern entwurzelt oder niedergebrannt. Ein Olivenbaum ist für einen palästinensischen Bauern nicht irgendein Baum, sondern beinahe ein Heiligtum. Vor allem aber verschafft er Einkommen und Lebensunterhalt. Viele der abgebrannten Bäume waren über 200 Jahre alt.

In dieser Art der Bestrafung liegt etwas Gottgleiches, denn wenn Gott bestraft, dann tut er das für alle Ewigkeit, so haben wir es gelernt. Und so erscheinen die israelischen Strafen; sie sollen von Dauer sein und aus uns ein Beispiel, eine Offenbarung machen. Erleuchtet durch die Nach-11.-September-Sprachregelung von Gut und Böse finden sich die Israelis in der Schlacht auf Gottes Seite wieder, und wir, eine ganze Nation, werden neu kartografiert und auf Territorien und Terror reduziert und entsprechend bestraft.

Und was tun wir mit all diesen neu geschaffenen Ruinen, die zu denen gekommen sind, die wir bereits hatten? Wir lernen, sie zu verehren, wie eine Mutter das Bild ihres verstorbenen Sohnes verehrt. Wir wollen diese Ruinen aufbewahren, wenn nicht in der Realität, dann doch in Dokumenten, in Eindrücken und Erinnerung. Eine Ruine verweist nicht mehr auf das, was wir einst besassen, sondern auf das, was wir nicht besitzen. Wie in einem Museum gehen wir herum und erschaffen Lücken, um uns eines gewissen Fehlens und Mangels zu versichern.

In der Zeit nach dem ersten massiven israelischen Angriff gab es in Ramallah eine einzige kulturelle Aufführung. Die Show bestand vollständig aus ruinierten Gegenständen: aus zerstörten Autos, Computern, Haushaltsgeräten, Fernsehern, Radios. Es war eine seltsame Erfahrung, durch die Strassen von Ramallah zu gehen und all die zerstörten Sachen zu sehen – und dann eine Aufführung zu besuchen und dort die gleichen Trümmer auf der Bühne zu sehen.

Der künstliche und der öffentliche Raum waren kaum mehr zu unterscheiden, man hätte keine Linie ziehen können. Obwohl diese Show schon vor ein paar Monaten aufgeführt wurde, habe ich immer noch nicht das Gefühl, sie sei zu Ende. Wo immer ich hingehe, sehe ich Zerstörung. Die Aufführung geht weiter.

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