02.09.2004

Ein Kampf aus der Erinnerung

Rund 3000 palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen befinden sich seit Mitte August im Hungerstreik gegen die Haftbedingungen. Löst ihr Protest auch in Palästina etwas aus?

Von Subhi al-Zobaidi

Vor einigen Jahren beauftragte mich das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK), einen Film über Leben und Erfahrungen von palästinensischen Gefangenen in israelischen Gefängnissen zu drehen. Damals waren tausende freigekommen, als Folge der israelisch-palästinensischen Oslo-Abkommen von 1993. Ein neu gegründetes palästinensisches Ministerium für Gefangenenangelegenheiten sollte die Freigelassenen unterstützen. Millionen von US-Dollars wurden in Projekte gepumpt, die die Gefangenen rehabilitieren und wieder in die Gesellschaft eingliedern sollten. Während ich an diesem Film arbeitete, wurde mir klar, wie wenig tatsächlich gegen die eigentlichen Probleme dieser Menschen getan wurde. Die meisten Projekte scheiterten, weil sie die Probleme ehemaliger Gefangener als Schicksale Einzelner angingen – und nicht als Problem der ganzen Gesellschaft.

Laut IKRK-Statistiken waren zwischen 1967 und 2000 über 500 000 PalästinenserInnen in israelischer Gefangenschaft, und zwar für durchschnittlich 333 Tage. Viele befanden sich in «Administrativhaft», ohne Anklage, ohne Vergehen. Anders gesagt: Eine halbe Million Jahre palästinensischer Leben wurden in israelischen Gefängnissen verbracht. Was mag in einer Gesellschaft passieren, aus der Menschen zu hunderttausenden weggesperrt werden? Stellen Sie sich ein Sagenwesen vor, das 500 000 Jahre in Gefangenschaft lebt – was würde wohl aus ihm werden? Oder stellen Sie sich eine Bevölkerung von 500 000 Menschen vor, die alle gleichzeitig zu einem Jahr Gefängnis verurteilt werden. Das sind gruselige Sciencefiction-Szenarien.

Doch diese Tragödie war Realität, und sie wird weiterhin produziert. Der israelische Minister für innere Sicherheit, Tzahi Hanegbi, erklärte zu Beginn des Hungerstreiks der palästinensischen Gefangenen, «sie können streiken, bis sie sterben». Es ist bemerkenswert, wie leicht und en passant ein israelischer Politiker heute einen Palästinenser sterben lassen kann – oder umbringen, wie die in den letzten Monaten als Terroristen bezeichneten Männer. All diese Hinrichtungen werden aussergerichtlich vollstreckt, es gibt keinen Prozess. Die Urteile fallen im Feld, in öffentlichen Äusserungen, in Witzen und Filmen.

Beim Problem der palästinensischen Gefangenen geht es um weit mehr als um die mitternächtlichen Durchsuchungen von nackten Häftlingen. Der Begriff Gefängnis greift in der palästinensischen Gesellschaft zu kurz, denn die Gefangenschaft ist zu vielschichtig: politisch, ethnisch, wirtschaftlich und auch philosophisch.

In der früheren revolutionären Romantik lernten wir PalästinenserInnen gar, die Härte der Gefangenschaft zu mögen. Fast alle kannten das Lied «O beherrschende Dunkelheit des Gefängnisses, wir haben gelernt, dich zu schätzen». Wir sangen es wie ein Liebeslied, denn wir alle ahnten, dass wir wohl früher oder später ins Gefängnis kommen würden. Besser, man kommt gerne dorthin. Das Gefängnis wurde zu einer Auszeichnung, und ein freigelassener Gefangener besass gesellschaftliche Anerkennung. Es gelang den Israeli nie, diese Gedanken zu brechen – dies gelang nur den PalästinenserInnen selber. Genau genommen erreichten es die Autonomiebehörden mit der falschen Art, wie sie mit dem Phänomen Gefängnis umgingen. Ehemalige Gefangene beschreiben die Periode der Oslo-Verhandlungen als die bitterste Zeit. Die Gefangenen wurden zur Verhandlungsmasse, und wer nicht freigelassen wurde, fühlte die Bitterkeit von Verrat und nicht mehr den Trost der Revolutionsromantik.

Mit dem neuen, aus dem Exil gekommenen Establishment der Autonomiebehörden schwand das Gefängnis als Angelpunkt des politischen Lebens.

Vorher, von Mitte der siebziger bis Mitte der neunziger Jahre, agierte die politische Führung in der Westbank und im Gasastreifen aus dem Gefängnis heraus. In den Jahren der ersten Intifada ab 1987 beherrschte das Gefängnis die Strasse. Während das Gefängnis für Israel der Ort war, an dem es die palästinensische Gefahr zu bannen können glaubte, war es in Palästina ein Organ, ohne das ein junger Mann nicht funktionieren konnte.

Der Hungerstreik bringt die Erinnerung an jene Zeit zurück, als die Führung an vorderster Front kämpfte. Heute, mit einer geschlagenen Führung, mit einer an den Rand gedrängten Öffentlichkeit, erinnert der Streik die Menschen – zumindest einige – an die Zeiten, als die PalästinenserInnen stark und fähig waren, ohne Waffen und Geld zu kämpfen. Dem Hungerstreik wird es allerdings kaum gelingen, eine andere Behandlung der palästinensischen Gefangenen durchzusetzen. Einige Erleichterungen werden wohl kommen, doch keine dramatischen Änderungen. Aber schlimmer ist, dass die Gefangenen alleine kämpfen, ohne eine Führung, die sie von aussen unterstützen könnte, und ohne dass sich die Leute für sie die Strassen erkämpfen. Bei allem Respekt für die Solidaritätsaktionen von tausenden: Die Gefangenen kämpfen alleine – oder vielleicht kämpfen sie, weil sie entdeckt haben, dass sie alleine sind.

Viele hoffen, dass der Hungerstreik nicht nur ein Schritt zu einer wiedererstarkten Widerstandsbewegung ist, sondern zu einem anderen Widerstandskonzept. Es war ein Zufall, dass Aron Ghandi, der Enkel des Mahatma Gandhi, gerade jetzt Palästina besuchte, um gegen den Bau der Mauer zu protestieren. In seinen Reden bezog er sich oft auf seinen Grossvater, er sprach von Gewaltlosigkeit und friedlichem Widerstand, von der versteckten Kraft in uns.

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Unterstützen Sie die WOZ als Ganzes mit einer Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr

Drücken Sie ihr Interesse am Text Ein Kampf aus der Erinnerung aus und tätigen Sie eine spezifische Flattr-Spende.

Spenden mit Flattr