22.07.2004

Kampf der kleinen Könige in Gasa

Spektakuläre Entführungen und handfeste Proteste im Gasastreifen zwingen Jassir Arafat zu schnellem Nachgeben.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Gasa hat Charme. Trotz der Armut und den Verwüstungen, die über die Stadt gekommen sind. Gasa ist charmant, weil die Menschen, die dort leben, immer wieder beweisen, dass sie handeln können. Und aus eigener Erfahrung weiss ich, dass die Arbeit mit der Gemeinschaft bessere Resultate bringt als anderswo. Die Menschen aus Gasa haben einen stärkeren Sinn für die Gemeinschaft, und mit aller Bescheidenheit sind die meisten bereit, für andere etwas zu tun. Man merkt immer einen Unterschied, wenn man, aus der Westbank kommend, mit Menschen aus Gasa arbeitet. In Gasa funktioniert alles kooperativer. Aber Gasa besitzt auch landschaftlichen Charme: In einer Stunde kann man vom Sandstrand in die Wüste fahren. Üppig bewachsene Flecken wechseln sich mit Sand und Staub ab. Die besten Erdbeeren kommen aus Gasa, und ganz sicher die besten Krabben. Zuerst wird Gemüse gegrillt, dann folgen Tomaten und grüne Pfefferschoten. Man presst das Ganze in ein Tongefäss, gibt die Krabben dazu, deckt es ab und schiebt es für einige Minuten in den Ofen. «Da isst du die Finger gleich mit», sagt man auf Arabisch, um zu betonen, wie gut das schmeckt.

In den frühen siebziger Jahren, kurz nach der Gründung der ersten palästinensischen Guerilla-Gruppen, war Gasa der Schauplatz der ersten bewaffneten Auseinandersetzungen mit den israelischen Besatzungstruppen. Im Gasastreifen begann die erste Intifada 1987, die sich über die ganzen besetzten Gebiete ausbreitete. Und die zweite Intifada von 2000 galt erst als «richtiger» Volksaufstand, nachdem auch die Menschen aus Gasa auf die Strassen gegangen waren. In Gasa registriert man die kleinsten Verbesserungen, und selbst geringe Hoffnungen sind den Menschen wichtig. Anfang der neunziger Jahre filmte ich einmal ein landwirtschaftliches Projekt in einem Dorf im Süden. Man produzierte biologisch und baute lokale und aus aller Welt importierte Pflanzen an. Die Farm wurde zu einem üppigen, grünen, sauberen und appetitlichen Ort. Die DörflerInnen trafen sich dort, wie in einem Garten. Ich filmte, als gerade eine Erweiterung gefeiert wurde. Das war wie an einer Hochzeit – der Enthusiasmus war bei allen gleich gross, die Menschen wurden richtig euphorisch. Gasa ist anders und offen: Nur dort waren missbrauchte Frauen bereit, vor der Kamera über ihr Schicksal zu reden. Und ich erinnere mich an meine Studienzeit in den frühen achtziger Jahren, als wir zum Feiern von der Bir-Seit-Universität zu den Clubs am Strand in Gasa fuhren.

Anhaltender Goldrausch

Schon seit Jahren, seit Beginn der Intifada, kann ich nicht mehr dorthin fahren. Mir fehlt Gasa. Das tönt romantisch, aber es ist wahr. Von diesem Gasa schreibe ich aber auch, um dem gängigen Bild vom kaputten, zerstörten Gasa etwas entgegenzuhalten, das Israel systematisch in einen Marktplatz für billige Arbeitsplätze, zu einem Exilort und in ein Gefängnis verwandelt hat. Israel hat den ganzen Gasastreifen mit elektrisch geladenem Stacheldraht und Mauern eingezäunt. Es gibt nur einen Eingang im Süden an der Grenze zu Ägypten, und einen nach Israel im Norden – seltsam genug, dass die Leute immer noch von Eingang reden und nicht von Ausgang. Beide Eingänge kontrolliert die israelische Armee. Heute hat in Gasa mehr als die Hälfte der Bevölkerung keine Erwerbsarbeit, und drei Viertel leben mit weniger als zwei US-Dollar pro Tag.

Die Jahre seit der Gründung der Autonomiebehörden 1993 brachten zwar einige Änderungen, aber längst nicht das, was sich die Leute erhofft hatten. Politisches und wirtschaftliches Missmanagement entfremdete die Menschen von den Behörden. Die islamistische Hamas-Bewegung wurde immer populärer, denn viele fühlten sich von ihrer eigenen Revolution betrogen. Sie warteten auf Revolutionäre, die im Zuge der Oslo-Abkommen aus dem Exil zurückkehren konnten und Gerechtigkeit und Frieden bringen würden – und sie bekamen Geld- und Machtsüchtige. Es war ein Goldrausch. Alles, was Geld einbringt, haben die Männer der Behörden an sich gerissen.

Die Menschen aus Gasa hatten nichts zu sagen. Es entstanden auch keine Institutionen, die ihnen ermöglicht hätten, eingreifen und verändern zu können. Ein einziges Mal wurde das Parlament gewählt, das war alles. Und selbst diese gesetzgebende Versammlung erwies sich als unfähig, Einfluss zu nehmen. Die einzige neue politische Kraft, die im Laufe der letzten drei Jahrzehnte ins Leben der PalästinenserInnen trat, ist Hamas. Jede andere Partei ist immer noch wie früher: die gleiche Führung, die gleichen Dogmas, der gleiche Stil, die gleichen Parolen. Nur die Zahl ihrer Mitglieder nimmt ab. Bloss Hamas und die Fatah-Bewegung von Jassir Arafat wurden grösser. Alle, die dazwischenstanden, die ganze Linke also, liegt im Koma oder ist bereits gestorben. Fatah wuchs, weil sie die herrschende Partei ist, und die Menschen von etwas leben müssen. Und Hamas wuchs, weil sie die einzige erreichbare Möglichkeit bot, all den Ungerechtigkeiten entgegenzuwirken, die die meisten Leute erleben müssen. Diese beiden Parteien harmonierten nie, aber die Umstände zwangen ihnen einen anhaltenden Waffenstillstand auf.

Zuerst verprügelt ...

Die letzten drei Jahre der Intifada veränderten viel. Wobei die palästinensische Intifada zu einem umfassenden israelischen Krieg gegen alles wurde, was die Autonomiebehörden unternommen hatten. Mit jedem Schlag gegen die palästinensischen Behörden und ihren Sicherheitsapparat wurde ihre Macht geschwächt. Hamas gewann an Stärke. Aber auch die neu gegründeten Milizen innerhalb der Fatah legten zu. Einige dieser Milizen wurden von mächtigen Figuren, die ihre Gier absichern wollten, geschaffen und am Leben gehalten – als Instrumente in ihren Machtspielen. So setzte etwa der frühere Sicherheitschef von Gasa, Mohammed Dahlan, vor ein paar Monaten eine bewaffnete Gruppe ein, um den Sicherheitschef Ghasi al-Gabali anzugreifen. Sie schlugen und demütigten ihn, um Arafat ihre Macht zu zeigen. Dahlan handelt dabei nicht alleine; seine entsprechenden Dementis sind unglaubwürdig. Er ist ein Instrument wichtigerer Mächte. Und Dahlan ist auch nicht der Einzige, fast jeder Chef einer Sicherheitsabteilung machte sich zum König einer bewaffneten Gruppe, die seine Interessen verteidigt. Jeder dieser Männer hat mehr zu sagen als der höchste Richter in Palästina. Und Arafat hat dieses Chaos zu verantworten.

Doch es gibt auch andere Milizen, die Al-Aksa-Brigaden beispielsweise. Sie entstanden aus der zunehmenden Frustration innerhalb der Fatah und der Behörden. Die Mehrheit der Fatah ist offensichtlich unzufrieden mit der bestehenden Machtverteilung. Diese Gruppen konnten Arafat zwingen, die Ernennung von einem der bestgehassten Männer in Palästina – seinem Cousin Mussa Arafat – zum neuen Sicherheitschef zurückzunehmen. Al-Gabali und Mussa Arafat gehören beide zu den korrupten Figuren. Obwohl alle palästinensischen Offiziellen über die Korruption reden, gab es noch kein einziges Verfahren, keinen einzigen Rücktritt, noch nicht einmal eine Untersuchung. Am dramatischsten in Gasa war die Ermordung des Chefs des palästinensischen Rundfunks, Hischam Makki, vor gut drei Jahren. Dieser Mann stank nach Korruption und sexuellem Missbrauch seiner weiblichen Angestellten. Doch er wurde nicht verhaftet, weil er achtzehn Millionen US-Dollar gestohlen hatte – nein, er wurde erschossen, und man hörte nie wieder etwas von dem Fall. Keine Untersuchung des Mordes, keine Verhaftungen, keine Erklärungen.

... und später entführt

Die Militanten der Al-Aksa-Brigaden kommen aus Flüchtlingslagern und armen Dörfern. Sie schlossen sich als Nationalisten der Fatah an. Einige verbrachten lange Jahre in israelischen Gefängnissen, und fast alle sind verwandt mit – mindestens – einem Schahid, einem «Märtyrer». Sie haben gewaltige Erwartungen, und ihr Gespür für Korruption und Gier ist hoch entwickelt. Sie beobachten, wer reich wird, wer in lusche Geschäfte verwickelt ist, und wer dafür verkauft wird. Sie kennen jene, die ihre Macht missbrauchen. Doch all die Jahre konnten sie nichts dagegen tun.

Die Entführung von Ghasi al-Gabali letzte Woche, die darauf folgenden Verhandlungen, schliesslich seine Befreiung und Entlassung als Sicherheitschef sind ein Akt in einem längeren Drama. Dieser Akt wird keine Probleme lösen, er hat einige Verbindungslinien aufgezeigt. Das Ende ist in Gasa nie vorhersehbar. Doch dies war ein wichtiger Akt. Noch keine Revolution, auch kein Aufstand gegen die Korruption, aber er bot zumindest eine Ahnung davon. Es zeigt, was passieren könnte, wenn all jene, die diese Gefühle teilen, auf die Strasse gehen könnten.

Arafat soll weg

Doch die israelischen Panzer, Helikopter und Bulldozer sind viel zu präsent und einschüchternd. Sie stehen auch einer Volksbewegung für politische Veränderung im Weg. Die israelische Politik will – aus vermeintlichen Sicherheitsgründen – jeden Wechsel in Palästina berechenbar halten und nimmt entsprechend Einfluss. Kein politischer Prozess kann in Palästina ungestört vor sich gehen.

Viel ändern wird sich auch nach der spektakulären Entführung al-Gabalis und dem erfolgreichen Protest gegen Mussa Arafat nicht. Was bewirkt denn der Wechsel an der Spitze des Sicherheitsapparates schon in einer Gesellschaft, in der die Regierung noch nicht einmal Verkehrspolizisten in die Städte schicken kann? Die aufgebrachten Menschen fordern vor allem eine Geste. Sie wollen eine Person, die mehr der Öffentlichkeit verpflichtet ist als dem Präsidenten und dessen Entourage. Ich glaube, dass eine beträchtliche Zahl von PalästinenserInnen Arafat weghaben will. Nicht weil sie seine Person hassen – aber das System, das er geschaffen hat.

Zu befürchten ist, dass es zu weiteren solchen Aktionen von Milizen kommt. Entführungen und Morde könnten zu einem Mittel für Veränderungen werden. Für Israel wäre das wohl eine günstige Entwicklung. Denn es ist viel einfacher, einen mit solchen Mitteln errungenen Wechsel im Griff zu haben als Veränderungen in einer demokratischen und aktiven Gesellschaft. Selbst die revolutionärste Miliz mit den ehrlichsten Absichten wird in Palästina keinen sozialen Wandel bringen.

Nur das Ende der israelischen Besetzung würde verschiedene Wege eröffnen. Die Wahl anderer Behörden etwa, oder den Kampf gegen Korruption und Unfähigkeit innerhalb der Behörden. Jassir Arafat, der seit Jahren in Ramallah faktisch unter Hausarrest steht, kann sich unter den heutigen Bedingungen nur auf Leute verlassen, die er kennt und denen er traut. Und das gilt auch für jenen Klüngel der Mächtigen, die auf Arafat folgen werden.

Subhi Al-Zobaidi ist palästinensischer Filmemacher und lebt in Ramallah.

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