01.04.2004

Wie hilflos wir sind

Kein harmlos gutes Zukunftsszenario.

Von Subhi al-Zobaidi, Ramallah

Kürzlich besuchte ich meinen Freund Dschalal – er ist Rechtsanwalt, ein Palästinenser, Christ, ausgebildet in Syrien und Frankreich, vierzig Jahre alt. Er spricht leise und überlegt und ist das, was wir einen Demokraten nennen. Damit meinen wir hier ein paar grundsätzliche Dinge: Ein Demokrat ist jemand, der weder in einem totalitären Regime noch in einer totalitären Ordnung, sei es im Namen der Nation oder im Namen der Religion, leben will, sondern gleichberechtigt mit allen andern.

Ich besuchte Dschalal, nachdem ich den Bau der Mauer um Jerusalem gefilmt hatte (siehe WOZ Nr. 4/04). Ich war nicht traurig, ich war melancholisch, krank – mein Selbstbewusstsein war derart am Boden, dass ich mich zusammenreissen musste, um Dschalal zu treffen. Ein Grund, warum ich mich trotz allem aufraffte, war die Hoffnung, dass Dschalal sicher einen Witz zum Besten geben würde. Und das tat er denn auch: «Ein Chalili – das ist ein Bewohner von Hebron/Chalil, eine beliebte Witzfigur in Palästina – kam zum Arzt und beklagte sich, dass er kein befriedigendes Sexleben habe, und verlangte einen grösseren Penis in der Hoffnung, so mehr Genuss zu finden. Der Arzt schlug vor, anstelle des Penis einen Elefantenrüssel zu transplantieren. Der Chalili war zufrieden. Doch nach ein paar Tagen kam er zurück zum Arzt. 'Was ist nicht in Ordnung?', fragt der Arzt. So weit sei alles bestens, sagt der Chalili, nur hebe dieses blöde Ding dauernd Zeug vom Boden auf und stecke es ihm in den Arsch.»

Der Witz gefiel mir, weil er ein gutes Bild dafür ist, wie sich die Menschen in Palästina derzeit fühlen: Sogar wenn wir hoffen, nun gehe es besser, geht es schliesslich schlechter. Es gibt kein harmlos gutes Szenario. Es gibt jede Menge Hoffnung – aber es ist die Hoffnung der Frommen, die auf einen Himmel nach einem schlimmen Leben hoffen. Hoffnung ist hier eine Sache des Glaubens und hat nichts mit Berechnung, geschicktem Agieren oder mit Glück zu tun. Die Hoffnungslosigkeit ist das Beängstigendste von allem, was uns hier angetan wird. «Es ist mir einfach nicht möglich, nicht pessimistisch zu sein», sagt Dschalal. «Schau mich an: Ich glaube an Frieden und ein friedliches Zusammenleben und all das – und ich versage völlig. Und dann schau beispielsweise den Hisbollah an, die glauben an die Ideologie von 'Auge um Auge, Zahn um Zahn' – und sie haben Erfolg. Sie haben hunderte von Gefangenen befreit und dafür ein paar Leichen zurückgegeben, was kein Friedensabkommen geschafft hat. Siehst du das?»

Wie eine Filmszene

Unser Gemütszustand lässt sich gut darauf übertragen, wie die Leute in Palästina denken und fühlen. Angst, Unsicherheit und Zweifel sind unser täglich Brot. Stell dir vor, du lebst in einer Stadt, in die jederzeit die Armee des «Nachbar»-Landes eindringen und vier Banken ausrauben und sich wieder zurückziehen kann. Und das geht vorbei wie jede andere Nachricht – wie eine Filmszene, die nur auf der Leinwand andauert. Wie ungeschützt kann man sich fühlen? Wie fühlt sich irgendeinE durchschnittlicheR PalästinenserIn, wenn die Regierung es nicht mal zustande bringt, den Verkehr zu regeln? Unsere Strassen sind chaotisch, nicht weil die Menschen unorganisiert wären, sondern weil sie all ihren Frust auf andere abschieben. Als ob sie den Behörden sagen würden: Organisiert das, wenn ihr dazu imstande seid!

Und mitten in diesem Chaos nähern wir uns einem weiteren fürchterlichen Moment: Was wird geschehen, wenn Arafat uns verlässt? Er ist am Drücker, er ist der wendige Akteur, der alles überlebt hat und bisher alles irgendwie ausgleichen konnte. Er ist der Mann mit Aura, der seinen Sicherheitskommandanten ins Gesicht schlagen und seine Assistenten und Minister anfluchen kann. Er kann jeden Kampf mit einem Telefonanruf stoppen, er konnte sogar die israelische Regierung ändern – und er wird nun seit drei Jahren in seinem Büro belagert. Interne Konflikte innerhalb der Fatah, der Regierungspartei, treten an die Oberfläche, einige Schlüsselfiguren im Sicherheitsapparat und in der Partei spielen ihre Powergames. Wird es zu einem Kampf zwischen Hamas und Autonomiebehörde kommen? Wird es zu Kämpfen zwischen den Fatah-Fraktionen kommen? Werden sich die PalästinenserInnen in einen Bürgerkrieg einlassen und sich selber auffressen?

Die Israelis scheinen derzeit nicht Arafat begraben zu wollen, sondern etwas viel Grösseres und Wichtigeres: die palästinensische Nation. Die PalästinenserInnen zerfleischen sich, und die Israelis versuchen, sie zu stoppen, sie einzusperren – damit sie sich untereinander nicht zu sehr verletzen. Angesichts des Sicherheitsvakuums, das Israel geschaffen hat, ist es ein durchaus plausibles Szenario, dass arabische Streitkräfte eingeladen werden, die vakanten Aufgaben zu übernehmen: Ägypten im Gasastreifen und Jordanien in der Westbank. Einen palästinensischen Staat braucht es dann nicht mehr.

Alles ist möglich

Es gibt viele Szenarien dafür, wie es weitergehen kann – alles ist möglich. Aber eins ist sicher: Es wird eine Weile schlimmer werden. Palästina und die PalästinenserInnen, wie wir sie derzeit kennen, wird es in der Nach-Arafat-Ära nicht mehr geben – es wird etwas Neues entstehen, und wir müssen abwarten, wie es aussehen wird. Tröstlich ist, dass die PalästinenserInnen viele Erfahrungen, ein gutes Gedächtnis und einen starken Gemeinschaftssinn haben. Wenn nötig, können all diese Tugenden abgerufen werden. Und sollte die Palästinensische Autonomiebehörde eines Tages aufgelöst werden – mit der palästinensischen Bevölkerung kann das nicht geschehen. Über die Hälfte der sieben Millionen PalästinenserInnen lebt in der Diaspora. Sie kämpfen nicht für diese Behörden, sie kämpfen für ihr Recht auf eine Rückkehr. Israel und all jene, die glauben, sie seien schon zurückgekehrt, werden mit diesen Menschen konfrontiert werden. Niemand wird über dieses Recht hinweggehen können – weder die Israelis noch die PalästinenserInnen.