11.01.2001

Davoser Attentate

Von Constantin Seibt

Bedeutet die Anti-WEF-Demo vom 27. Januar 2001 den Vollbrand von Davos? Oder brennen da nicht etwa eher die Sicherungen in den Behördenköpfen durch?

Davos hat Tradition: in Tourismus, Schlagzeilen und politischen Attentaten. Im Januar 1936 erschoss hier der jüdische Medizinstudent David Frankfurter den Landesgruppenleiter der NSDAP Schweiz, Wilhelm Gustloff.

Die Tat war europaweit eine Sensation: Es war eines der ersten und seltenen Attentate gegen einen führenden Nazi. Mit keiner Zeile erwähnt wird die Tat hingegen im politischen Kapitel eines aktuellen historischen Standardwerks: «Handbuch der Bündner Geschichte». Der Mord an Gustloff findet sich dort im Kapitel «Der Tourismus» unter dem Untertitel «Krisen 1914–1945».

Politik, Schlagzeilen und Hotellerie sind auch im Januar 2001 ein heikler Mix: «Davos wird brennen», titelte der «Blick» zum World Economic Forum. Mit Davos brennen werden – hat der «Blick» Recht – Joschka Fischer, Abdallah II. von Jordanien, Moritz Leuenberger, Bill Gates, 250 Chefredaktoren und 1200 World Economic Leaders als Repräsentanten eines Aktienkapitals von 6 000 000 000 000 Dollar. Die Bündner Kantonspolizei spricht dezenter von «der grössten Herausforderung seit ihrer Gründung im Jahre 1804», der Polizeidirektor Peter Aliesch warnt vor Seattle, Prag, Nizza, Melbourne, der «schweizerischen Chaotenszene», «ausländischen Kriminaltouristen» und «weltweit vernetzten WEF-Gegnern, die jeden Dialog verweigern». Die Kantonspolizei rät: «Schliessen Sie Eingänge jeder Art. Parkieren Sie Ihre Fahrzeuge möglichst unterirdisch. Schliessen Sie die Fenster.»

Davos ist schon im Vorfeld des World Economic Forum ein Spektakel. Der Kleine Landrat von Davos hat mit seinem Demoverbot (obwohl das Verbot des letzten Jahres post festum vom Bundesgericht aufgehoben wurde) ganze Arbeit geleistet. Trotz der Präzisierung des Regierungsrats Aliesch gegenüber der WoZ, bei der «grössten Herausforderung der Kantonspolizei seit 1804» handle es sich um eine logistische und «natürlich nicht um die grösste Schlacht seit 1804», wird weiter opecmässig Öl ins Feuer gegossen: der gigantischste Polizeieinsatz in der Geschichte der Schweiz! Festungswachtkorps! Polizisten aus praktisch allen Kantonen! Hunderte private Bodyguards! Und dagegen: Anti-WEF-DemonstrantInnen aus der ganzen Welt!! Der Showdown!!!

Mit etwas Distanz betrachtet, wird die Geschichte ein Achtel so heiss gegessen wie gekocht. Klar ist, dass wie im letzten Jahr bereits die Ankündigung der Demonstration ein Erfolg ist: Das Sicherheitsdispositiv ist derart zeitintensiv, teuer und erdrückend, dass sich das Bild von Davos in eine absurde Stadt verwandelt hat: Wer als Tourist durch die Strassen geht, wird alle vierzig Meter angehalten, kontrolliert, überall Leute mit Maschinenpistolen, drei Nummern zu grossen Jacketts mit schusssicherer Weste, ausgebeulter Schulter, Knopf im Ohr, Hunden. Limousinen erhalten grundsätzlich keinen Strafzettel, offizielle Badges zaubern Lächeln auf die Gesichter der Sicherheitsbeamten, Leute ohne Badges werden in besseren Bars kontrolliert – die geballte Machtelite verwandelt den Kurort in ein Ghetto zwischen Abenteuerspielplatz und Hochsicherheitstrakt.

Fraglich ist, ob Regierungsrat, Kleiner Landrat und Kantonspolizei mit ihrer «durchgeknallten Bürgerkriegsrhetorik» (so der Gewerkschafter Klaus Rosza) nicht den grössten Bluff seit 1804 durchziehen: Entweder passiert nichts oder wie letztes Jahr sehr wenig: eine grosse, nur leicht gefährliche, aber schwer amüsante Party.

Denn auch im Januar 2000 existierte im Prinzip das gleiche Szenario: Die Demonstration war auf das Datum hin verboten worden, die Polizei hatte wildeste Warnungen von sich gegeben – und dann verblüffend unorganisiert gehandelt, indem sie den Bahnhof gegen rund 200 Leute abriegelte, aber auf dem Carparkplatz in ihrem Rücken den rund 1000 französischen, italienischen und schweizerischen AktivistInnen nur fünf «Diamant-Bullen» (so eine Augenzeugin) entgegenstellte: worauf sie überrannt wurden. Darauf folgten drei gestaffelte Strassensperren mit sieben bis zehn Leuten zum Verheizen, die ebenfalls überrannt wurden – bis das letzte mit Wasserwerfern gesicherte Bollwerk vor dem WEF standhielt. Es war die seltsame Polizeitaktik zwischen Verbot, Aufstacheln und Gewährenlassen, die zu einer wilden, vierstündigen Party führte. Die Scheiben des McDonald’s gingen zu Bruch, etwas brannte, Schneebälle flogen, WEF-Mitglieder starrten aus den Hotelscheiben und wurden beschimpft, Touristen glotzten, US-Medien schrieben, Clinton habe sich in Lebensgefahr befunden, blendende Stimmung herrschte: halb Davos gehörte für einen halben Tag nicht mehr dem WEF.

Für dieses Jahr ist somit die Ausgangslage klar: 1. Die Polizei hat vor, so ihr Sprecher Alois Hafner, «nicht mehr die gleichen Fehler zu begehen, sondern andere». 2. Nach der gelungenen Party letztes Jahr und dem Demoverbot, «für das man den Kleinen Landrat und Regierungsrat Aliesch entmündigen sollte» (Gewerkschaftspräsident Rosza), dürfte der Besuch zahlreich erscheinen. 3. Der neuralgische Punkt ist wahrscheinlich die Landesgrenze, da etwa zwei Drittel der TeilnehmerInnen aus dem Ausland erwartet werden. (Furchtlose italienische und französische Bauern und GewerkschafterInnen.) 4. Gelingt es den Cars durchzukommen, werden sie entweder im Tal aufgehalten, was zu einem enormen Verkehrschaos führen würde, oder sie kommen nach Davos. 5. Wer immer nach Davos durchkommt, kann ziemlich sicher sein, dass die Polizei nicht alle Drohungen wahr machen wird: Eine Panik können sie sich bei den engen Platzverhältnissen nicht leisten. Ausser sie wollen, dass die Hotels gestürmt werden. 6. Obwohl durch Polizei, «Blick» und Politik die Sache dramatisch, aber unverantwortlich zu einer Prestigefrage hochgestylt wurde, kann es also eine Wiederholung der Party geben. 7. Wer Radikalisierung will, für den lohnt es sich, wildeste Dinge auf Flugblättern oder im Internet zu veröffentlichen. «Wir nehmen nämlich die Stimme des Volkes, des einfachen, vermeintlich Unterdrückten ernst», so Polizeisprecher Hafner – «und damit jedes Flugblatt, jeden Internet-Aufruf.» Polizisten waren schon immer die gläubigste Adresse für Revolutionäre.

Weniger spassig ist das «kriminelle» (Rosza) Verhalten der Bündner Behörden – vom zweifelhaften Demoverbot des Landrates bis zur Denunziation des Davoser Kurvereins, der den eigenen Hoteliers die Polizei auf den Hals schickte, sofern sie etwa den Gästen des WEF-Gegenkongresses in der holländischen Asthmaklinik Zimmer vermieten. (Die Polizisten – als notorisch Revolutionsgläubige – hielten auch die «Erklärung von Bern» für potenzielle RevolutionärInnen.) Ebenso stillos sind die Speichelleckereien der Lokalpresse wie sämtlicher Offizieller bei dem WEF und ihrem seifigen Gründer «Herrn Professor» Schwab sowie ihr Aufruf zum Dialog mit denselben – als wäre ein Dialog mit 6000 Milliarden Dollar Aktienkapital führbar.

Wenn etwas möglich ist, dann nur durch Druck – durch hartnäckige Medien-, Recherche- und Lobbyarbeit, friedlichen Protest und den (für den «Blick», aber nicht das Geschichtsbuch interessanten) Vollbrand eines mit 2000 globalen Chefs gefüllten Davos.

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