19.12.2002

Der Vorrat an Hoffnung ist aufgebraucht

Im siebten Jahr nach dem Krieg tobt immer noch der Nachkrieg. Er zeigt, wie viel unwiederbringlich zerstört wurde.

Von Marina Achenbach

Welche Saite anschlagen für einen Sarajevo-Text im Winter 2002? Noch einmal die düstere des anhaltenden Grauens? Ist es besser, sich mit den Lügen zu befassen, mit den wechselnden Bündnissen, unterschiedlichen Interessen von Gruppen und Grossmächten und deren propagandistischer Vernebelung? Oder soll es der aufmunternde Ton der internationalen Helfer und Macherinnen sein, die meinen, man müsse dort einfach die Ärmel hochkrempeln und nicht zurückschauen? Denn der Krieg ist schliessich seit sieben Jahren vorbei.

Der Krieg ist vorbei, und jetzt wird in vollem Ausmass erkennbar, wie viel in ihm unwiederbringlich zerstört wurde.

Bosnien ist verwundet. Es ist ein verletztes Wesen, atmet schwer, kann seine Kraft nicht zurückgewinnen, es blickt unruhig umher und sieht, wie sich die Grenzen um das Land immer enger ziehen. Bosnien ist schlimmer getroffen, als es 1995, beim Friedensschluss von Dayton, selbst wahrnahm. Noch vier Jahre später, bei meinem letzten Besuch, war mehr Hoffnung und Erwartung da als jetzt. Man glaubte mehr als heute, dass die zerstörten Städte und die sozialen Beziehungen wieder repariert werden können. Dass alles letztlich wieder gut wird.

Der Krieg wartet noch

So gehe ich dieses Mal durch die Stadt und habe den ständigen fernen Geschützdonner von damals, dieses Grollen, im Ohr und das plötzliche nahe Schiessen, das längst aus meinem Gedächtnis verschwunden schien. Jetzt erinnere ich mich auf Kreuzungen an das Rennen und die Angst, die ich bei den Besuchen in der belagerten Stadt 1993 und 1994 fühlte.

Mehrfach höre ich: «Es riecht nach Krieg. Er kann jederzeit zurückkommen.» Andere wehren den Satz gereizt ab: «Das sagen jene, die es wünschen.» Aber es stimmt nicht, ich höre es von den Perspektivlosen, Zermürbten. Sie fühlen, dass der Krieg noch wartet, bevor er sich ganz zurückzieht. Auch der Nachkrieg gehört ihm noch, und er drückt auf die Kehle.

In den Ruinen der ehemaligen Kaserne wuchern Bäume und Büsche. Eine französische Sfor-Einheit hat ein Gebäude so weit hergerichtet, dass es als Quartier taugt. Jeeps kreuzen über geborstenen Beton. Die landwirtschaftliche Fakultät nutzt ein Gebäude in diesem morbiden Abseits. Zurück auf die Ausfallstrasse Zmaja od Bosne, die durchs «neue Sarajevo» mit seinen Hochhäusern führt und im Krieg in den internationalen Medien den Namen «Sniper's Alley» bekam. Links die Ruine eines Gebäudekomplexes, den Roma in Besitz genommen haben. Ein kleines Dorf fast. In allen Etagen, denen die Aussenwände fehlen, sind Erwachsene und Kinder zu sehen vor mit Decken verhangenen Unterschlupfen. Es war früher ein Altersheim, gerade vor dem Krieg gebaut.

Nur wenig davon entfernt glänzt eine der zahlreichen neuen Moscheen: Sie steht auf einer Wiese zwischen Wohnhäusern, mit Marmor verschalt, kantig. Ein Kulturzentrum ist angegliedert, hinter dem Zaun ein grosser Springbrunnen, breite Freitreppen. Dicht daneben ragen Hochhäuser auf mit ihren grob zugemauerten Einschusslöchern. Die Moschee trägt den Namen des Stifters König Fahd Bin Abdul Aziz as-Saud.

Mit diesen Moscheen dringt ein neuer Baustil nach Bosnien, den einheimische ArchitektInnen sehr kritisch sehen. Die eigene Tradition wird überdeckt. Der helle Kalkstein aus der Gegend ist abgemeldet, der den Frösten über Jahrhunderte standhielt, was dem Marmor kaum gelingen dürfte. Unzählige alte Moscheen sind im Krieg zerstört worden. Jetzt wird ein fremder protziger Stil importiert. Bosnien steht mit neuen Sakralbauten derzeit an der Weltspitze – Moscheen, aber auch katholische und orthodoxe Kirchen.

Das neue Leben am Nullpunkt

Manche BesucherInnen erschrecken in Sarajevo über die vielen noch sichtbaren Zerstörungen, anderen mangelt es an Ruinen als Beweisen des vergangenen Krieges. Manche entdecken überall die neuen Reichen, Kriegsgewinnler und Mafiosi, ihre Autos und ihre Treffs, andere sehen vor allem die hastenden, erschöpften Menschenströme. Manche fühlen sich zu den vitalen, gesprächsbereiten Leuten hingezogen, andere werden schwermütig angesichts der weissen Gräberfelder. Die einen staunen über die erstklassig modisch gekleideten jungen Leute, die anderen über das starke bäuerliche Element in der Stadt. Alles gibt es, und man fügt es unwillkürlich zu den Bildern, die man schon in sich herumträgt. Es müssen viele sein, wenn auch undeutliche, zusammenhanglose Fetzen von Bildern, die unverstanden bleiben.

In der Wohnung war ich schon einmal, 1994. Ein grosses Loch war in der Wand, in der siebten Etage eines Hochhauses in Sarajevos Neubaugebieten. Durch das Loch war die bewaldete Bergwand von gegenüber zu sehen, nicht nah, aber für Granattreffer dieser Art nah genug. In der ausgebrannten Wohnung standen Milan und Velka Ninjkovic, ein LehrerInnenpaar, das die Flucht aus Sarajevo vorbereitete. Als SerbInnen wurden sie verdächtigt, den Belagerern auf dem Berg Lichtzeichen gegeben zu haben. Die Granate in ihrer Wohnung wurde als Vertuschungsmanöver abgetan. Sie erlebten den entfesselten Nationalismus in ihrem Alltag und waren dem nicht gewachsen. Sie waren zermürbt und geduckt, sie bestachen und überredeten, sie überschrieben die noch intakte Wohnung der alten Mutter, bei der sie untergekommen waren, gegen falsche Dokumente.

Auf der serbischen Seite, in Blickweite ihrer verlassenen Wohnung, fanden sie ein Zimmer in einem Massenquartier. Matratze, Kisten, zwei Gartenstühle, eine Wäscheleine quer durch den Raum. Sie arbeiteten wieder als LehrerInnen in einem beschädigten Gebäude der Sarajevoer Technischen Universität. Ich holte Milan dort ein Jahr später ab. Seine Klasse mit rund vierzig SchülerInnen war in einem Saal untergebracht, der durch eine Ziehharmonikatür geteilt war. Dahinter war die andere Klasse, jedes Wort war von dort zu vernehmen. Milan und Velka wirkten glücklich. Sechs Jahre blieben sie in diesem Raum, lebten wie StudentInnen, wie sie es nannten, waren stolz auf ihre Fähigkeit, sich mit dem Minimum zu arrangieren.

Doch irgendwann nach dem Krieg prozessierten sie um ihre Wohnung. Denn nach dem Gesetz von Dayton dürfen Flüchtlinge in ganz Bosnien-Herzegowina in ihre Orte zurückkehren. Sie erhalten ihre Häuser und Wohnungen wieder, wenn sie ihr Eigentum waren. Die neuen BewohnerInnen lassen sich meist nur vom Gericht hinaussetzen, das dauert einige Jahre. Oft nehmen sie Türen, Wasserhähne, Fussböden mit, ohne Beachtung der ethnischen Zugehörigkeit. Im Nachkrieg zerfällt die Gesellschaft in winzigste Einheiten, die um die Existenz kämpfen. Die RückkehrerInnen, die ich traf, begannen ihr neues Leben in Sarajevo fast immer am Nullpunkt.

Milan und Velka haben ihre Wohnung hergerichtet, noch karg. Er hat seine Stelle als Lehrer jenseits der unsichtbaren Grenze, in der Republika Srpska, behalten. Sie ist ohne Arbeit, will ein Angebot nutzen, in Frührente zu gehen. Die Tochter, eine Medizinstudentin, ist nach Kanada ausgewandert. Diese Welt der Selbstzerstörung zu verlassen, war ihr ganzes Streben. Milan spielt wieder in einer Gruppe Gitarre. Alles scheint gut. Und doch wissen die beiden nicht zu sagen, ob sie sich in der Stadt halten werden. Sie räumen die Möglichkeit ein, dass auch sie eines Tages dem allgemeinen Trend folgen, die Wohnung verkaufen und weggehen. Am besten wäre, meinen sie, irgendwohin in den Wald, allein.

Keine Lust auf genaue Erklärungen

Wie getrieben laufe ich von früh bis spät durch die Strassen, aber an Türen von Bekannten gehe ich meist vorbei. Einmal suche ich lange ein Haus im Gewirr der auf- und absteigenden Gassen und stehe endlich vor dem Hof. Ich müsste den Hof nur überqueren, zwischen den Fussball spielenden Kindern hindurch, bei Ferida klopfen, und wenn sie öffnete, wäre die Freude ungeheuer. Die allein stehende Bankangestellte lebte im Krieg mit ihrer kranken Mutter, ohne Hilfe von aussen. Wir haben drei Nächte beim flackernden Licht ihrer selbst gebauten Ölfunzel, ihrem Wasservorrat in einer grünen Plastiktonne und bei Gebäck verbracht.

Doch plötzlich wende ich mich ab. Als hätte ich keine Kraft mehr, Geschichten von der alltäglichen Mühsal zu hören, von Arbeitslosigkeit, nicht ausgezahlten Löhnen, die sowieso nicht reichen, vom Wunsch, die Stadt zu verlassen, von der neuen Kälte, den Enttäuschungen der letzten Jahre. Ein Wolkenbruch ohne Vorzeichen scheucht mich unter den Schirm eines Cafés. Der Regen endet wieder abrupt, schon blitzen Sonnenstrahlen. Ein alter Mann, der allein unter dem Schirm sitzt, schüttelt den Kopf: «Was ist denn das? So ein Regen und gleich wieder Sonne? Seit achtzig Jahren lebe ich hier, aber das habe ich noch nie gesehen. Gott hat sich von Bosnien abgewandt.»

Im Basar, Bascarsija genannt, treffe ich die Mutter von Amra und Asida, den schönen Musikstudentinnen, die inzwischen nach Australien ausgewandert sind. Alte Moscheen, Höfe mit Restaurants und Cafés, eine restaurierte alte steinerne Karawanserei und die hölzernen Verkaufshäuschen mit Ziegeldächern bilden das Viertel. Hier liesse sich sagen: aus Ruinen auferstanden, perfekter als zuvor. In den Menschenströmen schwimmen wie Inseln Soldatengruppen in Tarnuniformen mit, Gestalten aus einer anderen Zivilisation, ihre nationalen Zeichen am Ärmel, beladen mit Paketen.

Warum herrscht in Sarajevo vor allem Enttäuschung? Was läuft schief? Den Leuten ist die Lust vergangen, etwas genau zu erklären. Nur zynische Bemerkungen sind noch zu haben. Ein Protektorat wie Bosnien, das am Tropf grosser Mächte hängt, kann offenbar nicht Kraft gewinnen. Nur Cliquen profitieren. Wahrscheinlich wirkt hier ein ökonomisches Gesetz, das sich in einer Formel ausdrücken liesse. Im Fall Bosniens setzt sich das «Falsche» des Krieges – die Vortäuschung und Vertuschung der Absichten – im Nachkrieg als Falsches fort. Aus dem verlogenen Beziehungsgeflecht zwischen bosnischen Profiteuren und interessierten Aussenmächten kann nichts Produktives hervorgehen.

In den Balkan ist viel Geld geflossen, nicht immer in kontrollierte Kanäle, aber doch hierher. Humanitäre Verbände haben Dächer repariert, bauen neue Siedlungen, versorgen Kranke, betreuen Waisenkinder. Keine geringe Zahl an BürgerInnen der Stadt verdient seit Jahren ihr Geld bei internationalen Organisationen. Sie renovieren ihre Wohnungen, kaufen, regen so einen gewissen ökonomischen Kreislauf an. Es herrscht kein Stillstand.

Aber den Menschen, die schliesslich gewisse Erinnerungen an den Aufbau Jugoslawiens nach dem Zweiten Weltkrieg gespeichert haben, bleibt nicht verborgen, dass der grösste Teil der Gesellschaft lahm gelegt ist. Im Grunde sind nur wenige Gruppen voller Energie und verfolgen ihre Ziele: kriminelle Kreise und jene, die mit dem so genannten «internationalen Faktor» zusammenarbeiten. Muslimische Gemeinden sind auf stille Weise aktiv. Andere soziale Schichten und Berufsgruppen aber sind von den wichtigsten Prozessen ausgeschlossen und in engen Raum gesperrt. Die Teilung Jugoslawiens in Kleinstaaten ist nun als Absurdität deutlich.

Die Hoffnung auf die «eigenen Leute», die sich uneigennützig für «ihr Volk» einsetzen, ist längst zerstoben. Schon während des Krieges liess sich lernen, dass soziale Zugehörigkeit meist schwerer wiegt als ethnische oder religiöse Gemeinschaft. Vor allem Stadt- und Landbevölkerung blieben einander fremd und nicht wohl gesinnt. SerbInnen kehren jetzt kaum noch aus patriotischen Impulsen Sarajevo den Rücken, sondern mangels Arbeit und aus Resignation. Allerdings ist die verstärkte islamische Prägung Sarajevos nicht zu übersehen. Sakrale Bauten und Kopftücher der Frauen führen sie vor. Gestritten wird noch darum, ob in Kindergärten religiöse Erziehung zur Pflicht gehören solle.

Es ist die Mutter von Amra und Asida – eine Muslimin –, die mir erklärt, dass hier zwei islamische Richtungen gegeneinander stehen: die türkische und die arabische. Die türkische Tradition, die mit dem Osmanischen Reich kam und sechshundert Jahre lang neben den anderen beiden Religionen in Bosnien anwesend war, sei ungleich toleranter und weltoffener, meint sie, als dieser Islam, der nun unter saudischem und kuweitischem Einfluss einziehe.

Sie spricht als Einzige mit Optimismus von Sarajevo: Sarajevo habe noch seine Seele, sagt die Angestellte der Stadtverwaltung. Als sie merkt, wie ich aufschaue, betont sie: «Doch, doch, Sarajevo hat seine Seele nicht verloren, nur versteckt, aber sie kommt wieder zum Vorschein, ich spüre sie, die Menschen fangen wieder an, aufeinander zu achten. Du wirst sehen, Sarajevo wird wieder eine Stadt mit Atmosphäre und einem guten Geist.»

Stille Abwanderung in die Republika

Keine Pfosten, keine Pfähle an der Grenze zur Republika Srpska. Diese ist nicht an amtlichen Zeichen auszumachen, sondern an Verkaufsständen und Kiosken. «Drüben» sind Lebensmittel billiger. Wer einmal wieder Schweinefleisch essen möchte, fährt hierher, in Sarajevo ist es nicht mehr zu bekommen. Bald beginnen die schönen bewaldeten Berge, die 1984 bei den olympischen Winterspielen die Welt begeisterten. Die Wege führen durch immer neue Täler mit breit schwingenden Wiesen, Bächen am Grund, einzelnen Bauernhäusern am Weg. Wenn Rauch aufsteigt, sie also nicht verlassen sind, scheint diese Welt für Momente im Einklang.

Für Djordje Slavnic ist alles eine Provokation. «Sieh diese Ziegel, sie sind ungebrannt, aber halten zweihundert Jahre. Damit bauen sie, aber alle zwanzig Jahre schiessen sie ihre Häuser zusammen.» In seiner Rede gibt es diese undefinierten «sie», die alle Absurdität, Egoismus und Gewalt bis hin zur Selbstzerstörung verkörpern. Aus einer serbischen Familie in Sarajevo stammend, wo er auch während des Krieges geblieben ist, hat er es sich abgewöhnt, in dieses Umland der Stadt zu fahren. Die Idiotie der Republika Srpska versetzt ihn in Weissglut, dieses «Nichts, aus dem nichts werden kann». Statt sich mit der Federacija (der muslimisch-kroatischen Föderation) zu verbinden, sich innerhalb der neuen staatlichen Strukturen zu entwickeln, so abstrus sie auch angelegt sind, statt wie die kroatische Bevölkerung in den gemeinsamen Staatsgremien die eigenen Interessen zu vertreten, kapseln sich die bosnischen SerbInnen ab, verkaufen billig ihren Boden in der Federacija, um sich in der Republika unter den eigenen Leuten zu sammeln.

Vielleicht fühlt er sich einfach im Stich gelassen? Sarajevo entleert sich in einem stetigen, stillen Prozess von SerbInnen. Die Abwanderung wird geleugnet, denn Idee und Anspruch eines multiethnischen Sarajevo werden nach aussen hin noch behauptet. Auch das gehört zu den Sarajevoer Lügen, die dort alle kennen. Djordje selbst muss registrieren, wie er ohne Rückendeckung, ohne Lobby bleibt. In den vergangenen zehn Jahren hat er, der promovierte Theaterwissenschaftler, sein Geld als Dolmetscher bei verschiedenen Uno-Gremien verdient, die sich jetzt auflösen und der EU die Geschäfte übergeben. Es wird weniger Stellen geben. Seine letzte Arbeitswoche liegt vor ihm, dann völlige Ungewissheit.

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