23.09.2004

Rütli immerdar

Georg Kreis und Bernhard Stettler werfen zwei unterschiedliche Blicke auf die Legenden und Realitäten einer spätmittelalterlichen Schöpfung: der Eidgenossenschaft.

Von Peter Kissling

Wenn der Eindruck eines Zeitungslesers nicht trügt, dann zeichnet sich in der Deutschschweiz ein unverkrampfterer Umgang mit der Geschichte der Eidgenossenschaft ab. Soeben haben Kulturschaffende den zweihundertsten Geburtstag vom Friedrich Schillers «Wilhem Tell» gefeiert: Damit hat Tell auf dem Rütli Einkehr gehalten, an einem Ort also, an dem er weder in der Legende noch in Schillers Glanzstück auftaucht.

Jenseits der Figur Tell machen zwei Neuerscheinungen die legendären und realen Geschehnisse, die zur Entwicklung der Schweizer Eidgenossenschaft führten, zu ihrem Gegenstand. Georg Kreis, Basler Geschichtsprofessor, hat für sich den «Mythos Rütli» zum Thema gemacht, während Bernhard Stettler, emeritierter Zürcher Professor für die Geschichte des Mittelalters, seine Sicht der Eidgenossenschaft des 15. Jahrhunderts darlegt. Gemeinsamer Nenner der beiden Darstellungen ist der Glarner Geschichtsschreiber und Politiker Aegidius Tschudi, der im 16. Jahrhundert lebte. Dieser hatte in seiner «Schweizerchronik» die Rütligeschichte aus dem «Weissen Buch von Sarnen» übernommen und so an die Nachwelt weitergereicht. In Kreis’ Buch steht er damit an prominenter Stelle. Für Stettler, der erst vor drei Jahren die Bearbeitung der «Schweizerchronik», einer fünfzehnbändigen Monumentaledition, abgeschlossen hat, ist Tschudi gar ein langjähriger Weggefährte.

Rütli – das ist die Geschichte von drei schwörenden Männern. Der zeitliche Bezug ihres Schwurs zum Bundesbrief von 1291 ist keineswegs gesichert – bis zum Ende des 19. Jahrhunderts waren andere Datierungen üblich. Georg Kreis beschreibt in seinem Buch die Geschichte («Mythos» tönt zwar besser, trifft die Sache aber kaum) dieser «Gebrauchswiese», wie die heutige Präsidentin der Rütlikommission, Judith Stamm, den idyllischen Ort am See einmal nannte. Die Kommission wacht darüber, dass von ihr möglichst nur ein korrekter Gebrauch gemacht wird. Spuren wie Denkmale oder Inschriften sollen die Nutzungen nicht hinterlassen.

Fehlende Neugier

Georg Kreis adelt die Wiese zum «Erinnerungsort», zum «Rütli immerdar». Seine Geschichte atmet den Geist der Rütli-Kommission: Er beschreibt die Nutzungen im Laufe der Jahrhunderte, ausgehend von den Kelten bis ins 19. und 20. Jahrhundert, hält akribisch Details fest und organisiert seine Darstellung moderat (64 Bilder sind etwas lieblos am Ende des Bandes versammelt). Kommentieren tut er kaum, und ein lautes Wort fällt schon gar nicht. Er mag damit ganz im Einklang sein mit dem vom französischen Historiker Pierre Nora eingeführten Konzept des «Erinnerungsorts».

Doch mitunter drängt sich der Verdacht auf, seine Zurückhaltung und sein Fleiss, seine Detailversessenheit und Faktenhuberei seien nur der Ersatz für intellektuelle Neugier. Wer es anders mag, halte sich an Stettlers Buch, das eine würdige Summe langer Forschungen ist. Allerdings setzt die Lektüre einen langen Atem voraus. Die nicht nur an die Profession, sondern ans allgemeine Publikum adressierte sympathische Darstellung – ein bunter Bilderreigen aus der chronikalischen Tradition und Quellenstücke lockern den Text auf – ist sprachlich präzis, altmodisch gelehrt und wohltuend leise in ihrem Gestus, doch gleichwohl prägnant in der Aussage.

Stettler schreibt die Geschichte des 15. Jahrhunderts: Dabei stehen ihm die Interpretationsmuster der Geschichtsschreibung einiger Jahrhunderte zu Gebote. «Vertrautes unvertraut» – so hätte nicht nur ein Kapitel heissen können, sondern das ganze Buch. Die überkommenen Deutungen der Schweizer Geschichte wie ihrer Details werden aufgerufen, relativiert oder des Anachronismus überführt. Im Durchgang durch das Gestrüpp der Tradition entsteht eine vielleicht etwas zu begradigte Linie, auf welcher aus dem «lockeren Bündnisgeflecht» des 14. Jahrhunderts ein «Bündnisverbund» wurde. «Bündnisverbund» ist Stettlers Name für ein Gebilde, das bis 1798 währen sollte.

Behutsam und umsichtig

Schweizer Geschichte ist traditionell politische Geschichte - daran ändert sich bei Stettler nichts. Im Zentrum der Darstellung stehen Akteure, die einen Namen haben. Betont werden ihre Beziehungen und die gegenseitigen Abhängigkeiten, die an den wichtigsten Episoden - die Darstellung folgt der Chronologie – immer wieder verdeutlicht werden. So entsteht das Bild einer sich im 15. Jahrhundert herauskristallisierenden, singulären Eidgenossenschaft, die über weite Strecken dem Heiligen Römischen Reich und seinen Kaisern verpflichtet blieb.

Beileibe nicht alle Einsichten sind neu oder dem Autor zu verdanken; Stettler ist, wie man so sagt, auf der Höhe der Forschung, und ihm käme es nie in den Sinn, mit Einsichten zu protzen. Mit einem anderen Temperament und zu einer anderen Zeit hätte er die Beilegung des Konflikts zwischen den Eidgenossen und Zürich (den Alten Zürichkrieg) 1450 anders interpretiert; sogar eine veritable Staatsgründung hätte sich hieraus machen lassen. Doch Stettler ist an einer Geschichtschreibung interessiert, die behutsam und umsichtig deutet. Er hat eine Geschichte der Eidgenossenschaft geschrieben, die von der Gegenwart durch die revolutionären Brüche seit der Französischen Revolution deutlich getrennt erscheint, die es aber allen Legenden zum Trotz doch wirklich gegeben hat.

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