14.10.2004

Ein Fall für die menschliche Neugier

Mit «Hunkeler macht Sachen» erschien Hansjörg Schneiders dritter Band um den sperrigen Basler Kommissar.

Von Veronika Rall

«Sehen Sie, erzählen, einfach erzählen, ein Bilderbuch schreiben, in dem der Zug, das Haus, die Strasse vorkommen, die Dinge, die der Mann jeden Tag sieht und die er gar nicht mehr sieht, weil sie ihm zu geläufig sind.» Nur ein einziges Mal hat Hansjörg Schneider einem Kriminalroman ein Zitat vorausgestellt, und es stammt nicht zufällig von Friedrich Glauser. Es könnte als Motto der Hunkeler-Reihe dienen und beschreibt den Auftrag: da weiterzuschreiben, wo andere aufgehört haben. Und so ist Schneiders Held, Kommissar Peter Hunkeler vom Kriminalkommissariat Basel-Stadt, «gewesener Familienvater, jetzt geschieden», dem Wachtmeister Studer aus Bern nicht ganz unähnlich: ein massiger Typ mit einem dicken Bierbauch und einem Querschädel. Nur ein wenig langsamer und bedächtiger, deshalb sind auch Schneiders Sätze langsamer und bedächtiger als die von Glauser. Sie springen nicht, sie haben keine Ausrufezeichen und keine drei Fortsetzungspunkte – Hunkeler denkt seine Sätze fertig, wenn er schon mal beim Denken ist, er fragt eher, als dass ihm Antworten einfallen.

Und er denkt und fragt gern. Im Sommer, im Rheinbad St. Johann, an einen Fischreiher: «Was tat denn dieser schöne Vogel dort, jeden Morgen, wenn Hunkeler auftauchte? Wusch er sich etwa im von der Chemie vergifteten Wasser den Schnabel? Nein, er fing Fische.» Und im Spätherbst, beim Pinkeln auf der Missionsstrasse, an seine Altersgebrechen: «Verdammte Prostata, dachte er, mittlerweile konnte er sein Wasser nicht einmal mehr die wenigen hundert Meter bis zu seiner Wohnung halten.» Seit dem Erscheinen des ersten Hunkeler-Krimis, «Silberkiesel» (1993), verwurzelt Schneider seinen Helden, sein Alter Ego, in der Stadt Basel, die der Kommissar kaum je verlässt – ausser um abends in sein Haus im Elsass zu fahren, am Holzofen zu sitzen, Nüsse zu sammeln und sich in das breite Bett seiner Freundin Hedwig zu legen. Vorzugsweise treibt er sich dabei im Quartier um den Burgfelder Platz herum, im St.-Johann-Quartier, und Schneider dokumentiert hellsichtig Veränderungen: Beizen, die schliessen müssen, Imbisse, die aufgehen, Jahreszeiten, die seinen Orten neue Gesichter geben. Und er hat Einblick in viele Szenen: junge Drögeler (wie in «Tod einer Ärztin», 2001), alte Seebären («Flattermann», 1995), Immigranten («Das Paar im Kahn», 1999), und er greift vielfältige soziale Missstände auf: die Zwangssozialisierung der Jenischen («Hunkeler macht Sachen», 2004), Drogenhandel und -fahndung, das blanke Funktionieren seiner Kollegen im Kommissariat und bei der Staatsanwaltschaft.

Der «Who-done-it», die eigentliche Kriminalgeschichte, scheint dabei wie ein Vorwand, in den verschiedensten sozialen Schichten zu schnüffeln, sich erzählend durch sie hindurchzubewegen. Es sind keine Fälle «für Spurensicherung und Informatik». Sondern solche für die «menschliche Neugier». Schneiders vielleicht radikalster Hunkeler ist «Flattermann», der das Verbrechen ohnehin nur am Rande streift: Ein alter Mann begeht Selbstmord, ein junger Mann ist mit einem Koffer voll Heroin erwischt worden. Vielleicht ist er juristisch zu belangen, Schuld ist eine ganz andere Sache: «Wer helfen will, macht sich schuldig», hat der alte Mann in sein Tagebuch geschrieben, und der Satz lässt Hunkeler nicht mehr los. Also schaut er auch nur verwundert zu, als Passagiere im Zug nach Paris einen Flüchtigen decken, und dort, in der Stadt von Georges Simenons Maigret und Léo Malets Arrondissement-Krimis, findet er seine eigene Antwort: «Gnade ist die einzige Gerechtigkeit, die wirklich hilft.»

Eine andere Gerechtigkeit scheint das Erzählen selbst, eine Wiedergabe, ja eine Rettung der äusseren Wirklichkeit, die insbesondere die Medien häufig genug verpassen. Sie kriegen alle ihr Fett ab: das Zürcher Boulevardblatt, das seine Frontseite gerne mit Leichen pflastert, die «Basler Zeitung», die sowieso nur noch druckt, was die da oben sagen, und die WOZ, «das einzige linke Blatt von einigem Format hierzulande. (…) Er las mehrere Artikel an, stets war es das Gleiche. Nichts als linke Enttäuschung und Rechthaberei.» Aber auch das Fernsehen bleibt nicht ungeschoren, Hunkeler schaut sich einen «Derrick» an: «Der Film war wie immer bei dieser Serie gut gemacht, handfeste, professionelle Konfektion. Nur war das Drehbuch wieder einmal hanebüchen. Eine Mädchenleiche im Schilf, mit zwei Litern Ketchup auf dem nackten Bauch. Später eine Villa mit spärlich möblierten Zimmerfluchten. (…) Verärgert schaltete er den Apparat ab, bevor der Mörder gefasst war.»

Nun hat man einen Hunkeler-Krimi verfilmt, «Das Paar im Kahn». Dass man die Herkunft des Kommissars nach Schaffhausen verlegt hat – damit Matthias Gnädinger die Hauptrolle übernehmen kann –, kann man noch wohlwollend durchgehen lassen. Doch schnell stossen die Veränderungen gegenüber der Romanvorlage auf: Statt mitten in der Stadt, an einem Hinterhof, wohnt Hunkeler nun mit Blick auf den Rhein (pittoresk bitte!), statt dass ein Verdächtiger sich gleich zu Beginn der Geschichte im Gefängnis das Leben nimmt, überlebt er (sentimental bitte!). Und wenn sich auch der Mörder am Ende nicht etwa als Mensch, sondern als rechter Schleimer entpuppt (klare Aussagen bitte!), dann scheint die – doch recht filmisch – Vorlage nicht etwa verdichtet, sondern fernsehgerecht verwässert. Professionelle Konfektion eben. Dagegen hilft nur eines: abschalten und Hunkeler lesen!

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