04.11.2004

Gefährliche Angst

In der nördlichen Provinz Vojvodina schüren gewalttätige Banden und nationalistische Demagogen das Misstrauen zwischen den Bevölkerungsgruppen.

Von Jean-Arnault Dérens, Novi Sad

Die flachen Weiten der Vojvodina, die übersät sind mit hübschen kleinen Städten aus der Zeit der österreichisch-ungarischen Doppelmonarchie, erstrecken sich bis an die Grenzen Ungarns. In dem Gebiet leben bis zu dreissig verschiedene Bevölkerungsgruppen: Serben, Ungarn, Rumänen, Kroaten, Slowaken, Ruthenen, Roma und andere. Ihr Zusammenleben war bis anhin problemlos; lediglich 1991, während des Krieges mit Kroatien, kam es zu Spannungen. Die Provinzverwaltung arbeitet mit sechs offiziellen Sprachen. Nirgendwo in ganz Europa, so versichert man den BesucherInnen in Novi Sad mit Überzeugung, geniessen Minderheiten so viele Rechte.

Doch seit einem Jahr häufen sich die Zwischenfälle: Auf Hauswänden, an Kirchen und Geschäften der Minderheiten tauchen rassistische Schmierereien auf, auf katholischen Friedhöfen werden Kreuze und Denkmäler beschädigt. In der vergangenen Neujahrsnacht zogen Banden betrunkener junger Serben durch die Strassen der Provinzhauptstadt Novi Sad und grölten, alle Ungarn niedermetzeln zu wollen. Ungarische Lokalpolitiker erhielten Todesdrohungen; Drohungen gingen auch bei der regionalen kroatischen Wochenzeitung «Hrvatski Glas» ein. Bei zahlreichen Zusammenstössen zwischen serbischen und ungarischen Jugendlichen gab es gemäss Medienberichten Verletzte. Ein Wendepunkt wurde Anfang September erreicht, als eine ungarische Familie aus einem Vorort von Subotica, einer grossen Stadt im Norden der Provinz, in Ungarn um politisches Asyl ersuchte. An der Mauer ihres Hauses hatten Unbekannte über Nacht Graffiti angebracht, die sie mit dem Tod bedrohten.

Die Budapester Behörden schalteten umgehend den Europarat ein. Eine EU-Kommission wurde in sechs Gemeinden der Vojvodina auf Erkundungstour geschickt, und der ungarische Präsident reiste persönlich nach Subotica und nach Belgrad, um hochrangige serbische PolitikerInnen zu treffen. Mit dem schnellen Eingreifen wollte die ungarische Regierung der neuen Rolle gerecht werden, die Ungarn in der Region seit dem EU-Beitritt spielt. Das Land versteht sich als Beschützer aller UngarInnen, die ausserhalb der Grenzen Ungarns leben. Nicht nur in der Vojvodina, sondern auch in Rumänien ist eine grosse ungarische Minderheit ansässig. Rumänien soll bis 2007 der EU beitreten; Budapest hat vor, sein Veto gegen den Beitritt einzulegen, wenn das Land die Rechte der rumänischen UngarInnen nicht genug achtet. Ungarn befindet sich ausserdem in der Rolle eines östlichen «Wachpostens» der EU an der Schwelle zum Balkan, der immer noch nicht zur Ruhe gekommen ist.

Bedeutungsschwere Worte

Die Internationalisierung der Probleme der Ungarn in der Vojvodina vorangetrieben hat Jozef Kasza, der Chef des Bundes der Vojvodina-Ungarn (SVM). Er war Partner der demokratischen serbischen Parteien und wurde nach dem Sturz von Präsident Slobodan Milosevic stellvertretender serbischer Premierminister. Doch bei den Parlamentswahlen am 28. Dezember 2003 schaffte es keiner der politischen VertreterInnen der Minderheiten ins serbische Parlament. Das «Bündnis für Toleranz», ein Zusammenschluss von VertreterInnen der grössten Minderheiten, scheiterte an der Fünf-Prozent-Hürde. Siegerin der Parlamentswahl war die ultranationalistische Serbische Radikale Partei (SRS) des mutmasslichen Kriegsverbrechers Vojislav Seselj. «Unser Ausschluss aus dem politischen Leben birgt die Gefahr einer neuen Radikalisierung», warnte Kasza damals. Nun scheint er sich nach Budapest auszurichten, da er in Belgrad kein Gehör mehr findet.

Senta ist eine kleine Stadt im Norden der Vojvodina. Die 30 000 EinwohnerInnen sind zu 93 Prozent Ungarn. Dule, ein serbischer Wirt aus Belgrad, steckt zurzeit sein Geld in ein touristisches Projekt: einen Hotelkomplex in den Weinbergen, die die Stadt umgeben. «Ich habe meine Wohnung in Belgrad verkauft und alles hier investiert», sagt er. «Ich kenne die Leute hier in der Vojvodina, und ich glaube nicht, dass es zu einem neuen Krieg kommen wird.» Doch die Ereignisse der letzten Wochen und die Stimmung in der Provinz beunruhigen ihn doch sehr. Der Nachbar von Dule, Zoran Kozic, führt einen grossen Bauernhof mit Kühen und Pferden. «Ich bin orthodox und verstehe mich als Serbe», sagt Zoran. «Doch wenn ich meine Herkunft anschaue, so komme ich auf sechzehn verschiedene Bevölkerungsgruppen. Meine Frau ist muslimische Bosnierin. Ich habe schon immer zwei Sprachen gesprochen, Serbisch und Ungarisch. Ich bin stolz darauf, zweisprachig zu sein. Das ist heute, angesichts der europäischen Integration, ein unschätzbarer Reichtum.» Unter Milosevic hatte es Zoran vorgezogen, auf der anderen Seite der Grenze zu leben. Er eröffnete ein Restaurant im ungarischen Szeged. «Mich beunruhigt, dass meine Kinder nicht Ungarisch lernen wollen. Wenn sich die Jugendlichen in ihrer jeweiligen Gruppe abkapseln, dann bereiten sie den Boden für ihr eigenes Unglück.» Zoran Kozic fällt auf, dass die «ethnische» Zugehörigkeit mehr und mehr in den Vordergrund rückt. «Früher kam es auch vor, dass man sich beschimpfte oder prügelte, wenn man zu viel getrunken hatte. Aber das hatte nichts zu bedeuten. Heute wird jedes Wort auf die Waagschale gelegt.»

«1991 lebten in der Vojvodina noch 400 000 Ungarn. Heute sind es noch 290 000 und weitere ziehen weg», sagt Attila Juhàsz, der Bürgermeister von Senta und Mitglied des SVM, der Partei von Jozef Kasza. «Die Ungarn haben das Land wegen Milosevic und der wirtschaftlichen Situation Serbiens verlassen. Heute ist es wahrscheinlich unser Unglück, dass wir zu nahe bei Ungarn sind. Als EU-Staat hat das Land heute eine unwiderstehliche Anziehungskraft.»

Nicht dramatisieren

Stanka Parac Damjanovic, die Sprecherin einer Agentur für lokale Demokratie in Subotica, verwehrt sich gegen jegliche Dramatisierung der Lage. Sie selbst gehört zur grossen kroatischen Minderheit der Stadt. Sie betont, wie sehr die grenznahe Lage der Vojvodina eigentlich ein Trumpf wäre. «Wir sind das natürliche Tor Serbiens und eines grossen Teils des Balkans zu Europa.» Ihre Agentur beteiligt sich an Projekten zur grenzüberschreitenden Zusammenarbeit mit Kroatien, Ungarn und Rumänien. Stanka Parac Damjanovic fügt hinzu: «Wenn man von den Rechten der Ungarn in der Vojvodina spricht, darf man nie die serbische Minderheit in Ungarn vergessen, auch wenn diese zahlenmässig nicht besonders ins Gewicht fällt.»

Ungarn war in den Jahren der Isolation und internationaler Sanktionen das einzige «Fenster» Serbiens zu Europa. Der EU-Beitritt Ungarns hat dazu geführt, dass die Grenzkontrollen zum Nachbarland Serbien massiv verstärkt wurden. Serbische Staatsangehörige brauchen ein Visum, um die EU-Grenze passieren zu können. Für die BewohnerInnen der Grenzregion und die Menschen ungarischer Herkunft ist zwar eine vereinfachte Prozedur vorgesehen: Sie können das Visum relativ einfach beim ungarischen Konsulat in Subotica erhalten. Doch trotzdem ist ein ungarischer Pass bei den Ungarn der Vojvodina ein begehrtes Gut.

Auftrieb für Seselj

Die Versuche, das Problem der Ungarn in der Vojvodina zu internationalisieren, haben dem SVM bei den letzten Wahlen keine zusätzlichen Stimmen eingetragen. Die Partei erlitt bei den Lokalwahlen vom 19. September und 3. Oktober sogar starke Einbussen und erhielt Konkurrenz von neuen politischen Gruppierungen aus der ungarischen Minderheit, die viel radikalere Positionen vertreten. Attila Juhàsz, der Bürgermeister von Senta, wehrt sich gegen den Vorwurf, ein Nationalist zu sein. «Der SVM verteidigt die Rechte der Ungarn in der Vojvodina. Aber anders als andere haben wir nie eine Revision des Trianon-Vertrags und der Grenzen zu Ungarn verlangt», betont Juhàsz. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs war Ungarn im Vertrag von Trianon 1920 gezwungen worden, grosse Gebiete mit ungarischer Bevölkerung an das neu gegründete «Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen» abzutreten.

Auch auf serbischer Seite haben die extremen Nationalisten Auftrieb. Besonders gut abgeschnitten bei den Lokalwahlen haben die Rechtsextremen der Serbischen Radikalen Partei (SRS). Die Partei erhielt über 35 Prozent aller Stimmen und wurde zur wichtigsten politischen Kraft in der Provinz. Sie konnte von der Atmosphäre der Angst profitieren, die auch die serbische Mehrheit (56 Prozent der Gesamtbevölkerung) in der Provinz erfasst hat. In Novi Sad hielt für die SRS die 41-jährige Maja Gojkovic Einzug in das Bürgermeisteramt. Damit ist den serbischen Rechtsextremen ein Durchbruch gelungen. Seit ihrer Gründung im Jahr 1991 war die SRS an mehreren Regierungen unter Milosevic beteiligt und ist heute eine wichtige parlamentarische Kraft. Doch bisher ist es keinem Kandidaten und keiner Kandidatin der Radikalen gelungen, mehr als die Hälfte aller Stimmen auf sich zu vereinen. Gojkovic ist ausserdem Parlamentsabgeordnete auf nationaler Ebene, Vizepräsidentin der Partei und die wichtigste juristische Beraterin von Seselj, dem historischen Chef der Partei, der sich zurzeit vor dem Internationalen Kriegsverbrechertribunal in Den Haag verantworten muss. Die SRS besetzt heute in der Vojvodina in einem Dutzend Gemeinden den Posten des Bürgermeisters, unter anderen in den wichtigen Städten Kikinda, Sid und Temerin. BürgermeisterInnen aus dem demokratischen Lager gibt es nur noch in Gemeinden, wo die SerbInnen in der Minderheit sind.

Verängstigte Flüchtlinge

Die serbischen Radikalen haben viele Stimmen von den hunderttausenden serbischen Flüchtlingen erhalten, die aus Kroatien, Bosnien und dem Kosovo vertrieben worden sind und in der Vojvodina unterkamen. Oft leben sie auch heute noch in Flüchtlingszentren. Gemäss Bojana Janjusevic, einer Journalistin bei der regionalen Tageszeitung «Dnevnik», haben diese Flüchtlinge den Eindruck gewonnen, dass die Geschichte sich wiederholt und die Radikalen mit ihren markigen Sprüchen ihr bester Schutz sind. «Wenn sie sich die Bilder von Gewalttaten und die flammenden Reden am Fernsehen anschauen, fühlen sie sich ins Jahr 1991 in Zagreb oder Sarajevo zurückversetzt», sagt sie.

Alle GesprächsparterInnen, SerbInnen wie UngarInnen, sind sich einig, dass die Polizei zu lange untätig geblieben ist. «Die Polizei hätte effizient durchgreifen müssen, um die Provokationen der Banden überspannter Jugendlicher zu verhindern», sagt der Journalist Alen Maric, der beim Lokalfernsehen in Subotica arbeitet. Stanka Parac Damjanovic, die vor Dramatisierung gewarnt hat, bestätigt, dass sich die Region - vielleicht unwiderruflich - verändert hat. «Das Schlimmste ist, dass die alte multikulturelle Tradition der Vojvodina am Verschwinden ist», sagt sie. «Dafür entsteht ein Gegeneinander von Serben und Ungarn oder, genauer, von Extremisten beider Lager.» Die Serbin Bojana Janjusevic aus Novi Sad ist da gleicher Meinung: «Das Gefährlichste sind nicht die Zwischenfälle selbst. Das Gefährlichste ist die Angst, die sich in der ganzen Vojvodina ausgebreitet hat. Niemand fühlt sich mehr sicher.»

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