20.01.2000

Nach dem Todeskuss für Arkan

Von Snezana Bogavac

Jugoslawiens Präsident Slobodan Milosevic wird nicht mehr ruhig schlafen können. Seitdem der vor dem Haager Tribunal als Kriegsverbrecher angeklagte Zeljko Razznatovic-Arkan in Belgrad erschossen wurde, kann sich in der serbischen Hauptstadt niemand mehr wirklich sicher fühlen. Fast zwanzig Geschäftsleute, Polizisten, Politiker, Kriminelle, aber auch Journalisten wurden seit 1991 in Belgrad umgebracht. Kein einziger Täter wurde je gefasst.
Arkan avancierte Anfang der neunziger Jahre vom gewöhnlichen Kriminellen zum Kriegsverbrecher – aber auch zu einem der reichsten und mächtigsten Männer Serbiens. Seine paramilitärische Einheiten, die «Tiger», werden für verschiedene Gräueltaten in Kroatien und Bosnien verantwortlich gemacht. Das Haager Tribunal hatte nach Beginn der Nato-Intervention eine seit 1997 geheim gehaltene Anklage gegen Arkan veröffentlicht: eine deutliche Warnung an ihn, sich nicht auch noch im Kosovo einzumischen. In den Monaten der Bombardierung Belgrads zeigte sich Arkan dann fast trotzig täglich in der Öffentlichkeit und stellte sich CNN und BBC als (hochintelligenter) Interviewpartner zur Verfügung.
Dennoch kann über politische Motive des Mordes nur spekuliert werden. Liess Milosevic Arkan beseitigen, weil er zu viel wusste? Ist es also ein Akt des «Staatsterrorismus», wie einige oppositionelle Politiker meinten? Agiert die serbische Polizei auf eigene Faust? Oder war es doch nur einfach eine Abrechnung unter verfeindeten Kollegen? Die regimetreue Tageszeitung «Politika», für die Arkan in den letzten Jahren kaum ein Thema war, berichtet, dass dem 47-Jährigen von hinten in den Kopf geschossen wurde. Die Mörder seien Arkan bekannt gewesen, er habe sie vor dem Attentat mit einem Bruderkuss begrüsst. Offiziell schweigt die Polizei, inoffiziell tritt sie Gerüchten über einen politischen Hintergrund entgegen.
Nur, wer im Einzelnen die Mörder Arkans waren, ist letztlich unwichtig. Arkan war fast schon Repräsentant eines Systems, das auf Mafia-Prinzipien beruht; eines Systems, in dem krankhafter Wille zu Macht und Bereicherung mit Staatsterror, Korruption, Clanwirtschaft und organisierter Kriminalität fest verflochten sind. Dieses seit mittlerweile zwölf Jahren bestehende «System Milosevic» war noch nie so wackelig wie heute. Auch der Boss weiss, dass die dank staatlicher Medien und Polizeigewalt aufgespannte Scheinrealität nicht ewig aufrechterhalten werden kann. Auf dem Weg zum unvermeidlichen Krach entledigt man sich logischerweise unangenehmer Zeitgenossen. Die einzig wichtige Frage ist also nicht, wie Arkan endete, sondern wie der Boss selbst enden wird.

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