01.06.2000

Start der Zwangsausschaffungen

Von Isabel Drews

Momentan kann Sabit Shala das Auto von seinem Chef benützen. Deshalb kann er am Morgen etwas länger schlafen und muss erst um halb sieben Uhr losfahren. Sein Chef ruft ihn auf dem Handy an und gibt ihm durch, wo der Auftraggeber wohnt und was es dort zu tun gibt. Sabit ist Vorarbeiter in einer Dachdeckerfirma im Kanton Baselland. Seit sein Chef beim Gleitschirmfliegen verunfallt ist, führt er das Geschäft alleine. Wenn er viel Arbeit hat, hilft ihm noch ein Handlanger. Für seinen Chef ist Sabit unersetzlich, sonst hätte ihm dieser nicht einen auf fünf Jahre laufenden Arbeitsvertrag ausgestellt.
Sabit Shala gehört zu den 16 500 AlbanerInnen aus Kosovo, die sich nicht für die freiwillige Rückkehr gemeldet haben. Für sie alle gilt die Ausreisefrist vom 31. Mai. Um logistische Probleme zu vermeiden, werden für die darauffolgenden Wochen individuelle Termine festgelegt, bis zu denen sie die Schweiz verlassen müssen, wie der Bund und die Kantone an der gemeinsamen Asylkonferenz vor einigen Wochen mit Nachdruck bekräftigten. «Ich habe die Ausreise noch nicht bekommen», erzählt er, doch das Briefkastenöffnen sei für ihn zur täglichen Zitterpartie geworden.

Inserat im «Schweizer Bauer»

Sabit lebt seit neuneinhalb Jahren in der Schweiz. Er spricht fliessend Berndeutsch. In all den Jahren war er nie mehr im Kosovo. Seine Familie kennt er «nur noch vom Foto». Zwar telefoniert er regelmässig mit den Brüdern, doch mit der Mutter und den Schwestern spricht er nie, «weil sie zu Hause kein Telefon haben», wie er erklärt. Und der Vater ruft seit dem Krieg, der ihn schwer traumatisiert hat, nicht mehr an, «er hat den Kopf verloren und kennt mich kaum mehr». Seit Sabit in der Schweiz ist, lebt die siebenköpfige Familie vor allem von dem Geld, das er in den Kosovo schickt. «Ich behalte nicht viel Geld für mich selber.» Nachdem er zwei Jahre in der Schweiz gelebt hatte, konnte sich seine Familie ein Haus bauen, erzählt er stolz.
Sabit war siebzehn Jahre alt, als er 1990 in die Schweiz einreiste. «Mein Vater verlor die Stelle. Wir hatten kein Geld mehr, und ich war der älteste Sohn. Alle haben von mir erwartet, dass ich nun weggehe.» Ein Cousin, der bereits in der Schweiz arbeitete, nahm ihn mit und gab im «Schweizer Bauer» ein Inserat auf. Sabit fand eine Stelle als Saisonnier auf einem Hof in Habstetten, einem Bauerndorf, das zwar zur Berner Vorortsgemeinde Bolligen gehört, aber noch so verschlafen aussieht wie ein Dorf im Emmental.
Nur wenige Monate nach seiner Ankunft starb der Meister. Der Sohn, der hauptberuflich als Kantonspolizist tätig war, übernahm den Hof. «Er hat mich machen lassen. Er kam nur, wenn er frei hatte, sonst habe ich alles alleine gemacht.»
Kosovo-albanische Kollegen hatte der Saisonnier in diesen Jahren praktisch keine, denn er verliess selten den Hof. In der Stadt Bern beispielsweise, bloss einige Kilometer von Habstetten entfernt, war er kein einziges Mal. «Wenn ich Kleider brauchte, besorgte sie mir der Chef.» Trotzdem meint er rückblickend, er habe in Habstetten «seine besten Jahre verbracht». In der Freizeit war er mit Gleichaltrigen aus der Nachbarschaft zusammen, von Zeit zu Zeit gingen sie in die Disco ins Jugendzentrum, und dreimal die Woche spielte er Fussball beim FC Bolligen.
Insgesamt sechs Jahre arbeitete Sabit als Knecht. «Als Saisonnier hätte ich die Schweiz jährlich für drei Monate verlassen müssen.» Weil aber niemand da war, um den Hof zu führen, bekam er eine ganzjährige Bewilligung. Obwohl der Kosovo-Albaner im Bauerndorf gut integriert war, ihn «alle liebten», wie er selbst sagt, und er die Arbeit mit den Tieren mochte, bleibt ein schaler Nachgeschmack zurück.
Gegen seinen damaligen Chef hegt er bis heute einen gewissen Groll. Mit dem Ausschluss der JugoslawInnen aus dem Saisonnierstatut verlor Sabit Ende 1996 von einem Tag auf den andern seine Aufenthaltsbewilligung. «Damals habe ich gedacht, mein Chef setzt sich für mich ein, damit ich die B-Bewilligung bekomme, zumal er Polizist ist. Stattdessen wollte er mich überreden, dass ich schwarz weiter für ihn arbeite, damit er keine Sozialversicherungen bezahlen muss.»
Nach dem Verlust der Aufenthaltsbewilligung Ende 1996 stellte Sabit ein Asylgesuch. Er wurde dem Kanton Basel-Stadt zugeteilt, wo er niemanden kannte, und landete im Durchgangszentrum in Riehen, einem Basler Einfamilienhäuschen-Quartier. «Das Stadtleben war mir völlig fremd. Ich hatte das Gefühl, ich sei eben erst aus dem Kosovo gekommen.» Zuerst arbeitete er als Temporärarbeiter auf dem Bau, später erhielt er die Festanstellung bei der Dachdeckerfirma. Heute wohnt er in einer Einzimmerwohnung mit Gemeinschaftsküche an der Klybeckstrasse, im hintersten Kleinbasel. Diese bescheidene Wohnmöglichkeit hat er dank der Bürgschaft seiner Rechtsvertreterin bekommen – sonst wäre er immer noch im Durchgangszentrum.

Berndeutsche Träume

Während des Krieges war sein Bruder vorübergehend in der Schweiz. Er hatte sich eine Kriegsverletzung zugezogen und konnte dank Sabits Geld einreisen, um sich in der Schweiz operieren zu lassen. Der Asylbewerber war froh über diesen – einzigen – Besuch eines Familienmitgliedes, «auch weil er sehen konnte, dass ich es hier nicht so einfach habe». Seine Familie habe immer gedacht, er lebe im Paradies.
Das Bundesamt für Flüchtlinge (BFF) lehnte im Mai 1997 Sabits Asylgesuch ab, die Asylrekurskommission (ARK) bestätigte den Entscheid. Auch ein erstes Wiedererwägungsgesuch lehnte das BFF im Mai 1998 ab. Wenige Tage später stoppte der Bundesrat aufgrund der Bürgerkriegssituation die Wegweisung von Asylsuchenden aus dem Kosovo. Sabit gehörte vorübergehend dem Kontingent der kollektiv Aufzunehmenden an. Im Juli 1999 ersuchte sogar die Fremdenpolizei von Basel beim Bundesamt für Ausländerfragen (BfA) aus humanitären Gründen eine Aufenthaltsbewilligung zu erlangen, die ebenfalls abgelehnt wurde. Hätte Sabit das Asylgesuch sieben Monate früher gestellt, so wäre er in die «humanitäre Aktion 2000» gekommen, welche der Bundesrat vor wenigen Monaten mit grosser Geste für so genannte «Härtefälle» verkündet hat. Anfang Mai schliesslich reichte Sabits Rechtsvertreterin ein erneutes Gesuch um Wiedererwägung ein. Diese Ungewissheit seiner Zukunft, das ständige Abwarten, lähme ihn, sagt er: «Hier in Basel habe ich keine Lust mehr, in einen Fussballclub zu gehen, weil ich nie weiss, was in den nächsten Tagen kommt.»
Sabit hat sich von der albanischen Mentalität entfremdet, lebt «zwischen den Kulturen», wie er selbst sagt. Manchmal denkt und träumt er bereits auf Berndeutsch. Kosovo-albanische Zeitungen kauft er sich nur gelegentlich, meistens liest er den «Baslerstab» oder die «BaZ». Albanisches Fernsehen schaut er kaum, dafür regelmässig die «Tagesschau». «Ich verfolge die Schweizer Politik aufmerksam, schaue jedesmal die ‘Arena’, was mich manchmal böse, manchmal traurig macht, manchmal denke ich bloss, wenn der Blocher nicht wäre, wäre es vielleicht besser.»

In Decani ein Fremder

Was Sabit an seinen Kollegen am meisten stört, ist, wie sie mit Frauen umgehen. «Zu Frauen sind wir Kosovo-Albaner fies.» Er selbst sei «in dieser Beziehung bereits schweizerisch», behauptet er und fügt an: «Meine albanischen Kollegen haben mich jeweils schief angeschaut, wenn ich meine Freundin mitgenommen habe oder ebenfalls zu Hause blieb, wenn sie keine Lust hatte, irgendwohin zu gehen.» Im Kosovo erkennt er heute erste Anzeichen dafür, dass sich das Geschlechterverhältnis wandelt.
Warum will er nicht zurück, wo sich doch die Situation in Decani, seinem Herkunftsgebiet, einigermassen beruhigt hat? «Im Kosovo würde ich mich als Ausländer fühlen, nicht als Einheimischer.» Aber auf Besuch würde er gerne in den Kosovo fahren. Dies war in all den Jahren unmöglich. «Zuerst hatte ich keinen Pass, weil meiner abgelaufen war, nachher habe ich keinen mehr bekommen. Als ich hier auf der Botschaft endlich einen erhielt, ist der Krieg mit Kroatien ausgebrochen. Ich konnte nicht mehr zurück, weil ich Gefahr lief, eingezogen zu werden. Und seit ich Asylant bin, darf ich gar nirgends mehr hin.» Manchmal resigniere er und denke: «Wenn ich unbedingt raus muss, dann gehe ich halt.» Lakonisch fügt er bei: «Hoffentlich finde ich mein Dorf noch.»

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