03.10.2002

Pralle Euter machen Ärger

Milchseen, Käseberge und das Ende von Swiss Dairy Food. Die Schweizer Landwirtschaft sorgt mit Hiobsbotschaften für negative Schlagzeilen. Warum? Sechs Thesen.

Von Johannes Wartenweiler

1. Die Schweiz ist ein Grasland

Die Schweiz ist für die Produktion von landwirtschaftlichen Massenprodukten wie Getreide einfach zu teuer. Diese Erfahrung machten die Bauern bereits im 19. Jahrhundert. Unter dem Einfluss von Dampfschiff und Eisenbahn verwandelte sich die einst gelbe Landwirtschaft (Ackerbau) in eine grüne Landwirtschaft (Milchwirtschaft und Viehzucht). Die Bauern setzten auf den Export verarbeiteter Milchprodukte, vor allem Käse.

Diese Entwicklung wurde mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges unterbrochen. Übergeordnete nationale Interessen verlangten nach einer höheren Selbstversorgung. Der Staat sagte den Bauern, was sie produzieren sollten – und subventionierte sie dafür. Seit Ende des Kalten Krieges wird die Landwirtschaft wieder vermehrt dem Markt ausgesetzt. Für die Schweiz bedeutet dies: Die Bauern konzentrieren sich erneut auf Milchwirtschaft und Viehzucht.

Der entscheidende Rohstoff ist Raufutter, also Gras und Heu. Zwei Konzepte stehen sich bei der Milchproduktion gegenüber: Die Kuh geht zum Futter – oder das Futter geht zur Kuh. Die biologische Landwirtschaft arbeitet nach dem ersten Prinzip: Das Futter soll auf dem Betrieb wachsen, auf dem die Kuh lebt. Die moderne Massenproduktion funktioniert nach dem zweiten Prinzip: Die Hochleistungskühe fressen billiges, importiertes Kraftfutter und geben immense Mengen Milch. Diese industriellen Betriebe sind nicht auf die natürlichen Ressourcen des Graslandes Schweiz angewiesen.

2. Milch ist kein sicherer Wert mehr

Ein englischer Supermarkt rühmt sich, dass bei ihm die Milch billiger sei als Wasser. So weit ist es in der Schweiz noch nicht, aber der Milchpreis steht massiv unter Druck.

Im Jahr 2001 produzierten 700 000 Kühe 3,9 Millionen Tonnen Milch (die Milchmenge wird immer in Kilo resp. Tonnen angegeben). Davon gelangten etwa 3,2 Millionen Tonnen auf den Markt. 15 Prozent wurden zu Konsummilch verarbeitet, der Rest zu Milchprodukten (Käse, Butter, Rahm etc.).

Die Milch sicherte in der Nachkriegszeit das Einkommen der Bauern. Das ist vorbei. Zurzeit verfügt ein durchschnittlicher Bauernhof im Mittelland über ein Milchkontingent von 70 000 bis 80 000 Kilo, was etwa 15 Kühen entspricht. Wenn es nach den Strategen der ETH geht, wird diese Menge in wenigen Jahren auf 150 000 bis 300 000 Kilo gesteigert. Die Höfe werden grösser, die Hälfte der heute knapp 40 000 Milchbauern dürfte – da die Milchmenge nicht entsprechend wachsen kann – gleichzeitig verschwinden.

Mit der Liberalisierung fiel der feste Milchpreis weg. Bald sollen auch die Milchkontingente abgeschafft werden. Was dann passiert, ist umstritten. Während die ETH mit oder ohne Kontingent eine Stabilisierung des Milchpreises bei 65 Rappen pro Kilo prognostiziert (heute liegt er bei knapp 80 Rappen), weisen Verbandsvertreter der Landwirtschaft darauf hin, dass gemäss Untersuchungen in der EU die Preise ohne Kontingente um bis zu einem Drittel einbrechen können.

Gibt es nun zu viel oder zu wenig Milch? Vor einem Jahr war die Nachfrage nach Milch noch grösser als das Angebot. Die Milchverarbeiter verlangten vom Bundesrat ultimativ, er solle die Milchmenge um 8 Prozent erhöhen. Der Bundesrat bewilligte 4,5 Prozent. Diese Erhöhung sowie der schwache Euro und der Einbruch des Käseexportes sind nun für die aktuelle Milchkrise verantwortlich.

3. Milch ist nicht exporttauglich

Die Milch verarbeitende Industrie befindet sich weltweit in einem Konzentrationsprozess. Für die europäischen Unternehmen spielt dabei auch der hohe Milchpreis eine wichtige Rolle. Der hohe Schweizer Milchpreis trifft die hiesigen Unternehmen besonders. Milch ist nämlich bis zu 20 Rappen pro Kilo teurer als in der EU. 60 Prozent der anfallenden Milch werden industriell verarbeitet. Ohne Exportsubventionen wären die Unternehmen gar nicht konkurrenzfähig. Bei der Verarbeitung kommen noch die hohen Produktionskosten hinzu. Wegen dieser hohen Preise kann die Milchindustrie kaum auf den internationalen Märkten mithalten.

Der Grossteil der Milch verarbeitenden Betriebe – wie die konkursite Swiss Dairy Food (SDF) oder die Innerschweizer Emmi – befindet sich indirekt im Besitz der Bauern. Zu den wichtigsten privaten Unternehmen gehört der Nestlé-Konzern.

Um die eigenen Produktionskapazitäten auszulasten, haben sich die Konkurrenten bis vor nicht allzu langer Zeit einen heftigen Kampf um die Milch geliefert. Damit ist es nun vorbei, wegen der schlechten Marktsituation (und weil sein Betrieb in eine monopolartige Position rückt?) fordert Emmi-Chef Fritz Wyss einen um 5 Rappen tieferen Milchpreis für die ProduzentInnen.

Käse ist, laut Emmi-Chef Fritz Wyss, das wichtigste Gut der schweizerischen Lebensmittelindustrie. 30 Prozent der Milch (rund 1,4 Millionen Tonnen) werden zu 170 000 Tonnen Käse verarbeitet. Rund 50 000 Tonnen wurden im Jahr 2000 ins Ausland exportiert. Die Überschussverwertung hängt also direkt vom Käseexport ab.

Um den KäseproduzentInnen den Export zu ermöglichen, verbilligt der Bund die verkäste Milch um bis zu 20 Rappen. Wenn nun aber im Ausland die Lust auf Schweizer Käse sinkt, wie dies im Augenblick der Fall ist, stapeln sich in den Lagern die Käselaiber. Schuld daran ist im Moment vor allem der hohe Frankenkurs. Zudem wurde die Produktionsmenge in der Euphorie des guten Käsejahres 2001 in die Höhe geschraubt. Emmentaler, der Exportkäse par excellence, wurde im Überfluss produziert und füllt jetzt die Lager von grossen und kleinen KäsehändlerInnen, was enorme Kosten verursacht.

4. Höfe verschwinden oder stellen um

Die neue Landwirtschaftspolitik sichert den Bauern via Direktzahlungen ein gewisses Einkommen. Mit den Unberechenbarkeiten des Marktes müssen sie aber selber zurechtkommen. Viele schaffen es nicht und geben auf. Zurzeit gibt es in der Schweiz noch 73 000 Höfe, jährlich verschwinden etwa 2000 Betriebe. Das Einkommen der mittleren und kleineren Bauern ist jämmerlich und sinkt von Jahr zu Jahr. Mehr als 50 Prozent verdienen gemäss Bauernvertretern weniger als die von den Gewerkschaften geforderten 3000 Franken pro Monat.

Ausserdem haben die SchweizerInnen noch nie so wenig fürs Essen ausgegeben wie heute: 1960 waren es 27 Prozent der gesamten Haushaltsausgaben, 1999 nur noch 7 Prozent.

Das Essen wird zwar immer billiger, dafür häufen sich Skandale über Antibiotika im Fleisch oder Nitrate im Salat. Viele KonsumentInnen sehnen sich nach gesunden Lebensmitteln und sind bereit, dafür einen höheren Preis zu bezahlen. Rund 10 Prozent aller Bauern und Bäuerinnen haben inzwischen auf biologischen Landbau umgestellt. Biomilch wird mit über 90 Rappen pro Kilo vergütet, rund 10 Rappen über dem Preis für konventionelle Milch. Dieser Markt hat Zukunft.

5. Der Bund setzt aufs Mittelland

Nicht erst seit der Agrarpolitik 2000 übernimmt der Bund die Kosten für die Verwertung der Überschüsse. Früher waren dafür parastaatliche Organisationen wie die Käseunion zuständig. Heute dienen die staatlichen Beihilfen dazu, die Bauern an den Markt heranzuführen – und durch Extensivierung (Verminderung der landwirtschaftlichen Produktion) beziehungsweise Flächenstilllegungen die Überschussproduktion zu drosseln. Allein im Milchbereich gab der Bund 2001 mehr als 700 Millionen Franken aus. 517 Millionen Franken davon waren für die Käseproduktion bestimmt.

Gestützt auf die Bundesverfassung hat die Landwirtschaft heute nicht nur einen Versorgungsauftrag. Sie soll auch zur Erhaltung des Landschaftsbildes und zur Sicherstellung der dezentralen Besiedelung des Landes dienen. Viele Bauern werden auf diese Weise zu Landschaftsgärtnern im Dienste des Tourismus. In den Berggebieten hat dadurch zwar eine gewisse Ökologisierung stattgefunden. Im Mittelland setzt der Bund aber weiterhin auf konventionelle Grossbetriebe, die «produktiv» wirtschaften und die Industrie mit Rohstoffen bedienen sollen.

6. Mehr Markt hilft nicht

Die Landwirtschaft versucht, die von der Politik vorgegebenen Bedingungen einzuhalten. Das Motto «Mehr Markt» hat sich inzwischen in den Köpfen der Bauernvertreter festgesetzt. Das hat Vorteile, wenn sie gewillt sind, ihre Höfe biologisch zu bearbeiten. Das hat aber auch grosse Nachteile, wie etwa der Druck zu industrieller Massenproduktion im Mittelland – insbesondere in der Milchwirtschaft. Mit dem «High-Input»-Ansatz (weniger Kühe geben noch mehr Milch und brauchen immer mehr zugekauftes Kraftfutter) bleiben die Mittellandbauern in der Logik der industriellen Produktion gefangen. Sie werden immer abhängiger von Industrie und Grossverteilern. Von freiem Markt kann da keine Rede sein.

Die Tatsache, dass ständig landwirtschaftliche Flächen stillgelegt werden, damit die Bauern nicht noch mehr produzieren, ist nur auf den ersten Blick sinnvoll. Eine wirklich ökologische, dezentrale und im engsten Sinn des Wortes nachhaltige Produktion ist so nämlich gar nicht möglich. Die bereits heute angeblich ökologische Produktion funktioniert nur, weil immer mehr fossile Energieträger (Erdöl) eingesetzt werden. Müsste die Biolandwirtschaft ausschliesslich mit nachwachsenden Ressourcen auskommen, könnte man es sich gar nicht leisten, Flächen stillzulegen.

Die Landwirtschaft hat in diesem Land nur eine Zukunft, wenn sie sich echt ökologisch ausrichtet, kleinräumige Strukturen berücksichtigt und dezentrale Vertriebskanäle stärkt. Eine derartige Lebensmittelproduktion – die den Interessen der KonsumentInnen entspricht – ist langfristig von öffentlichen Mitteln abhängig. Die Landwirtschaft würde zu einem Teil des Service public – wie der öffentliche Verkehr oder die Bildung.

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