23.09.2004

Coseys edles Haus

Von Lotta Suter

«Liebe», das soeben ins Deutsche übersetzte Buch der afroamerikanischen Autorin, handelt von Begehren und Hass, Macht und Ohnmacht und der Suche nach Menschlichkeit in Zeiten der Bedrängnis.

«Paradies» hiess der letzte Roman von Toni Morrison, und er begann mit der Erschiessung von vier Frauen. «Liebe» nennt sie ihr neues Buch – das englische Original, «Love», ist letztes Jahr bei Alfred A. Knopf erschienen –, und eine der ersten Schlüsselszenen lautet: «Wie sie da standen, die eine rechts und die andere links von Bill Coseys Sarg, sahen ihre Gesichter, die so verschieden waren wie Honig und Russ, vollkommen gleich aus. Es ist der Hass, der das macht. Der alles wegätzt, bis nur er selbst übrig bleibt, so dass dein Gesicht, was immer dein Groll sein mag, schliesslich so aussieht wie das deines Feindes.» Die sanft schimmernden Titel trügen. Morrisons Blick auf die Condition humaine, insbesondere der Schwarzen in den USA, ist hart und präzis.

«Liebe» ist das vielleicht unbarmherzigste Buch der preisgekrönten Autorin. Während die Menschen in «Paradies» sich noch an kollektiven Träumen und Sehnsüchten rieben und scheiterten (kein Paradies ohne Vertreibung), kämpfen und leiden und fallen die Frauen und Männer in «Liebe» weitgehend vereinzelt, allein. Zwar ist die Liebe – die vieldeutige Liebe zwischen Heranwachsenden, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau, Chef und Untergebenen, Lebenden und Toten – nicht bloss die zerstörende, sondern auch die versöhnende Kraft des Romans. Und in Interviews versichert Toni Morrison, dass sie an den Sieg der Liebe über Zorn und Zerstörung glaubt. Trotzdem wirkt das Erlösungsmotiv wie schon in «Paradies» auch in diesem Roman ein wenig aufgesetzt, mehr Beschwörung denn literarische Realität. Trost und Zuversicht sind nicht ganz von dieser Welt, sondern werden von einer weisen alten Frau verkörpert, die – so viel sei hier verraten – diesmal als Schicksalsgöttin direkt ins Geschehen eingreift.

Toni Morrison erzählt in «Liebe» die Geschichte des Unternehmers Bill Cosey, der in den dreissiger Jahren ein nobles Seebad für Schwarze im Süden der USA eröffnet hatte, und die Geschichten der Familien und Nachbarn in Coseyland. Der mächtige vitale Patriarch, «zerrissen wie wir alle von Zorn und Liebe», fasziniert die Männer und vor allem die Frauen, denen er begegnet, und stösst sie gleichzeitig ab: Er prägt seine Umgebung als Porträt beziehungsweise als Bildnis – als Freund, Fremder, Wohltäter, Liebhaber, Ehemann, Behüter, Vater und Phantom, wie die entsprechenden Buchkapitel heissen. Am extremsten trifft es Heed, die als elfjähriges Mädchen von Cosey aus bitterster Armut und Vernachlässigung gehoben und geheiratet wird – und wegen der Liebeslaune eines Greises ihre grosse Kinderliebe, die gleichaltrige Christine, eine Enkelin ihres Gatten, verliert. Der fast lebenslange Zorn von Heed und Christine auf den alten Mann, aufeinander, auf das Leben selbst ist ein Kernstück des Romans.

Aber wir begegnen auch May, der Schwiegertochter, die durch Cosey und die Zeitumstände -–die Bürgerrechtsbewegung bringt den Niedergang des rassengetrennten Luxushotels – in den Wahnsinn getrieben wird. Und da ist Junior, ein Mädchen aus der «Siedlung», einem sozialen Ghetto, das die Lieblosigkeit ihrer Kindheit durch hemmungslose Sexualität zu vertreiben sucht und Brutalität bloss noch mit Brutalität vergelten kann. Oder Romen, ein unsicherer Teenager, der drauf und dran ist, wie seine Altersgenossen zu trinken, zu prahlen und das bisschen Männlichkeit durch die Gruppenvergewaltigung einer Mitschülerin zu beweisen. Doch Romen schert aus in dieser Situation und auch später, als Junior, seine erste und heftige Freundin, ihn mit Leidenschaft zum kalten Zorn verführen will. Romen schert aus und weiss nicht warum, aber Morrison sagt, dass er es aus Liebe tut.

Diese und auch die anderen Figuren in «Liebe», etwa Sandler, Vida, Cecilia und L, sind alle schwarz oder eben von einer Hautfarbe «zwischen Honig und Russ». Die Pulitzerpreisträgerin Morrison besteht trotz Weltruhm darauf, eine afroamerikanische Autorin zu sein und über die Welt der AfroamerikanerInnen zu schreiben, über ihre besonderen historischen Hintergründe, ihre besondere Kultur. Das sei für sie keine Beschränkung, wie ihr die Literaturkritik immer einreden wolle, sondern eine zusätzliche Herausforderung bezüglich Stil, inhaltlicher Struktur und Stimme. Die 1931 im Bundesstaat Ohio geborene Autorin sagt, sie sei erst spät zur afroamerikanischen Literatur gekommen, weil diese an der Universität gar nicht gelehrt worden sei; jetzt lehrt sie diese Dinge selber, unter anderem als Professorin an der Princeton University.

Kürzlich habe ich Toni Morrison zugehört, wie sie mit ihrer vollen, musikalischen Stimme den Beginn des Romans «Love» vortrug und den Rhythmus, die Dynamik ihrer Sprache zum Klingen brachte, die man auch beim stillen Lesen des englischen Originals vernimmt. In der geschwätzigen deutschen Übersetzung von Thomas Piltz ist von dieser Sprachmelodie leider nicht viel übrig geblieben. Schon beim «Paradies» habe ich mich über Piltz’ Umständlichkeit, über seine Begradigung von Morrisons spannungsgeladener Satzstruktur und seine zu gründliche Eindeutschung ihrer Sprache geärgert. Verlag und Autorin sind offenbar anderer Meinung. Doch Ausdrücke wie «’ne scharfe Schnitte» («a foxy thing») oder «wo die Post abgeht» («the hot spot») passen einfach besser in die Schwarzwaldklinik als in Coseys mondänes Haus.

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