01.02.2001

Selbstbefriedigung mit Genesis

Von Michael Stötzel

Einen wie Jean Ziegler kann man zum Beispiel nach seiner liebsten Frühstücksmarmelade fragen. Und ganz sicher sein, dass er von, sagen wir, Mango-Rhabarber mit der für ihn typischen Eindringlichkeit und Überzeugungskraft in einem Atemzug zum mörderischen Kapitalismus übergeht, zu dessen Anteilseignern, Buchhaltern, Messdienern und zu deren Adressen: zurzeit Davos, Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums (Wef). Umgekehrt wird an ihm immer wieder gerne vorgeführt, worum es bei den Davoser Beschwörungen der «Kultur des Dialogs» geht. Wer das Prinzip dieser Kultur – real, irreal, scheissegal, aber 15 Prozent Ausschüttung müssen schon drinliegen – nicht akzeptiert, der ist: unsachlich, polemisch, für eine «Verbesserung des Zustands der Welt» (das Wef-Motto) einfach nicht zu gebrauchen.

Intellektuell ernst zu nehmen und «hochmoralisch» (Wef-Präsident Klaus Schwab) sind dagegen diejenigen «Repräsentanten der Zivilgesellschaft», die sich am Montag zum – aber selbstverständlich kritischen – Dialog mit der Automobilindustrie aufbieten liessen. Dieses Treffen hatte Schwab schon Wochen vor dem Forum als Beleg für die Bedeutung seiner Veranstaltung propagiert. Über international gültige Umweltnormen wolle man sich einigen, erklärte der Präsident, und die Frage, wer ihn denn dazu ermächtigt habe, hätte man auch auf Kisuaheli stellen können. Im abendlichen «10 vor 10» durfte ein Sprecher der Industriellen dann die Einigung resümieren. Es gebe wohl einen Zusammenhang zwischen ihren Autos, der Vernutzung von Ressourcen und der Veränderung des Klimas. Da staunte das Publikum über die Radikalität der Analyse und dachte vielleicht bei sich, dass die Polizei also zum Schutz dieser brillanten Denker ein bisschen «geputscht» («Sonntagsblick») hat.

Freilich, gemeine Dummheit allein macht den Geist von Davos noch nicht aus. Seine Propagandisten müssen sich auch fortlaufend um die Besetzung zentraler Begriffe im herrschenden Weltbild bemühen. Und geraten dabei in gewaltige Kalamitäten. Ja, im Kampf um «Globalisierung» stehen sie schon mit recht durchgefeuchteten Hosen rum. Dass sie damit im Grunde ihres Herzens so etwas wie «internationale Solidarität» meinen, will eigentlich nur noch Bundespräsident Moritz Leuenberger glauben. Noch ganz ergriffen von seiner Idee, in der Wef-Eröffnungsrede Marx zu zitieren, verstieg er sich gegenüber der «Sonntagszeitung» in einem ziemlich verpfriemelten Gedanken, demzufolge die Damen und Herren «Leaders», denen es doch genau wie seiner SP um die «gerechte globalisierte Welt» gehe, zum Abschluss ihrers Forums eigentlich auch die «sozialistische Internationale» anstimmen könnten. (Der Journalist brach das Gespräch an dieser Stelle nicht unverzüglich ab.)

Mehr oder weniger komisch ist es schon, was Leuenberger und vergleichbaren Persönlichkeiten zur Verteidigung des Treffens der Weltwirtschaftsgrössen so eingefallen ist. Doch fast durchweg klingt es wie Pfeifen im dunklen Wald. Seit den Dezembertagen 1999 in Seattle, seit der unter dem Druck von DemonstrantInnen abgebrochenen Konferenz der Welthandelsorganisation, finden die Herrschaften nämlich kein Plätzchen mehr, an dem sie einigermassen gepflegt ihrem Geschäft nachgehen können. Nach Seattle kam Washington, dann Prag, jetzt Davos – überall Radau und Randale, und immer weniger funktionierte es, die DemonstrantInnen als «Gewalttäter» abzutun. Die «Chaoten» finden Widerhall, Chaos hin, Chaos her, zu viele wollen so nicht weiterleben, weil so unendlich viele so nicht weiterleben können.

Die in ihrem Ausmass dann doch überraschende Konsequenz der Leaders: Sie strampeln sich um ihren guten Ruf ab. Da vertreten sie eine Finanzkraft in gemeinhin nicht mehr vorstellbarer Grössenordnung, sind schon deshalb felsenfest davon überzeugt, dass ihnen die Privatisierung auch der öffentlichen Angelegenheiten zusteht. Und dann wollen sie auch noch, dass man sie gerne hat.

Deshalb warben die Weffeler in den letzten Wochen in Anzeigen und Gastkommentaren für ihre Sache. Doch was da verbreitet wurde, war dann allerdings recht seltsam, diese Mischung aus Anbiederung (tipptopp stehts wirklich nicht um unsere Welt), Albernheit (praktisch kein Konflikt, den sie in Davos nicht gelöst oder zumindest geknackt hätten) und Anmassung (die schon sprachlos macht, wenn Vertreter der Schweizer Wirtschaft, deren Banken bis zum Abwinken die südafrikanischen Rassisten hofierten, einen Anteil am Sturz der Apartheid für sich reklamieren). Das alles sollte belegen, dass sie selbst, ihre Konferen, und nicht die DemonstrantInnen auf der Strasse die Moral auf ihrer Seite haben. Denn nur die Konferenz arbeite wirklich daran, den Zustand der Welt zu verbessern. Viele der Demonstranten, meinen Schwab und sein geschäftsführender Direktor Claude Smadja (in einem Kommentar für die «International Herald Tribune»), mögen ja vielleicht vom Idealismus eines Lech Walesa und eines Martin Luther King erfüllt sein, doch in Davos stürmten sie die falsche Barrikade.

Lech Walesa und Martin Luther King – wer die beiden in einen Topf wirft, verdient allemal die gelbe Karte. Sie muss nicht zwingend in der für jene Kreise angemessenen Ausführung von einem Dutzend brennender Limousinen gezeigt werden. Aber besser so, als gar nicht.
Jenseits aller Albernheiten, aller Anmassung, allen Irrsinns spricht viel dafür, dass Schwab und Co. von vornherein eine verlorene Sache vertraten, weil die Zeit für Veranstaltungen mit dem Anspruch des Wef abläuft. Denn all die elitären Klüngel können sich ihrer Voraussetzung, die gestern noch naturgesetzlich schien, heute nicht mehr sicher sein: einer Politik, die in der gläubigen Befolgung neoliberaler Rezepte ihre eigene Abdankung betrieb, und einer Gesellschaft, die nicht mehr träumte.

Diese Unsicherheit zeigt sich in der wachsenden Bereitschaft der Öffentlichkeit, die lebenszerstörenden Folgen einer Globalisierung zur Kenntnis zu nehmen, zu deren Symbol das Wef geworden ist. In diesem Jahr lief das ganze Unternehmen bereits heftig schnaufend seiner eigenen Bedeutung nach. Ausdruck dessen waren die krampfhaften, überwiegend erfolglosen Bemühungen um die Teilnahme von KritikerInnen; Ausdruck dessen war die deutlich gesunkene Prominenz auf der Teilnehmerliste: Peter Gabriel spielt seine schicksten Partien im Taschenbillard nach – was für ein Kracher.

Und so hatte Bundespräsident Leuenberger mal wieder recht luftig gedacht, als er nach dem bisschen rituellen Krawall vom Samstag erklärte: «Es beelendet mich zu sehen, dass der Inhalt des Weltwirtschaftsforums durch Ereignisse wie diese weggeblasen wird.» Schwer ins Grübeln geraten sollte er, wenn sich ein «Inhalt» so leicht wegblasen lässt. Und gottfroh sein darüber, dass die Vorstellungen des Zirkus Schwab so genau niemanden mehr interessieren.

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