16.12.2004

Wo ist zu Hause, Mama?

Ömer Erzeren porträtiert in «Eisbein in Alanya» Eingewanderte und Ausgewanderte, Schwule, Behinderte, Dicke, Alte und Konvertierte aus Deutschland, Kurdistan und der Türkei.

Von Andreas Fanizadeh

In einer Filiale des Lebensmitteldiscounters Lidl in Berlin Kreuzberg steht ein 2,08 Meter grosser uniformierter Wachmann. Der Riese nennt sich Omar und grüsst die KundInnen freundlich auf Arabisch oder Türkisch. Das Erstaunliche: Omar lebte bis vor kurzem im ostdeutschen Guben und hiess Thomas. Im Jahr 1999 wurde dort der Algerier Farid Guendoul in den Tod gehetzt. Auf der Flucht vor Jungnazis sprang er durch eine Glastür und verblutete. Thomas kannte Farid von seiner Arbeit als Wachmann im Gubener Asylwohnheim, die Täter kannte er von seiner wenig glücklichen Schulzeit her.

Thomas, der Wachmann aus der brandenburgischen Provinz, wurde vor drei Jahren ins multinationale (West-) Berlin versetzt. Die Aussicht auf Veränderung hat ihm zunächst gar nicht gefallen. Doch die Furcht wich der Neugier. Thomas konvertierte zum Islam, fand in der Fremde Heimat und ist als Omar heute eine Kreuzberger Institution. Auch Arbeitgeber und seine ostdeutsche Familie haben sich mit dem Konvertiten inzwischen arrangiert.

Ömer Erzeren schildert in «Eisbein in Alanya» Menschen, die sich auffällig durchs Leben bewegen. Die einen gingen aus der Türkei nach Deutschland, die anderen zogen von Deutschland in die Türkei. Die einen sind viel zu dick, behindert oder alt, die anderen geraten als Schwule, Lesben oder wegen ihrer politischen Orientierung in Konflikt mit den sie umgebenden Konventionen.

Nazmiye ist mit 18 Monaten an Kinderlähmung erkrankt, seither ist die heute 46-Jährige gehbehindert. Sie wuchs im türkischen Zeytinburnu auf, wurde auf dem Schulweg mit Steinen beschmissen und nicht einmal von der eigenen Mutter geschützt. Dennoch konnte sie sich von Armut, Scholle und Elternhaus befreien. Sie zog in die Stadt, besuchte die Universität, wurde Ingenieurin - und muss dennoch als Verkäuferin arbeiten. Im «aufgeklärten» Istanbul lässt sich selbst der eigene Sohn nicht gerne mit der Hinkenden in der Öffentlichkeit sehen.

In der türkischen Gesellschaft erlebt man Unglaubliches, berichtet Nazmiye. Eine Behinderung gilt vielen immer noch als Strafe Gottes. «Manchmal weiss man nicht, ob man lachen oder weinen soll. Ich hatte mich mit Freunden in einer Kneipe am Fischmarkt getroffen und machte mich auf den Weg zu meinem Auto. Zwei Besoffene kamen mir entgegen. Einer der Besoffenen drehte sich zu mir um und sagte: 'Ich möchte dich ficken.' Ich machte mir nichts draus und ging meines Weges. Als ich mich ins Auto setzte, kam der andere Besoffene, sichtlich erschüttert: 'Tut uns Leid, Schwester. Mein Kumpel ist betrunken. Er hat nicht gesehen, dass du ein Krüppel bist.'»

«Eisbein in Alanya» ist kein multikulturalisierendes, kollektivierendes Geschwafel. Ob in Istanbul oder Berlin, Erzeren nähert sich den Gesellschaften vom Rande her und zerlegt sie in die Vielheit ihrer Biografien. Der schwule Künstler im kurdischen Arbeiter- und Bauern-Klub muss in Istanbul ebenso Hindernisse aus dem Weg räumen wie die bekennende Lesbe im Einwanderermilieu von Berlin Kreuzberg oder die deutsche Behinderte in der deutschen Schule. Es sind oftmals sehr harte Lebensläufe, die Erzeren schildert, ähnlich jenen, die Fatih Akin in seinem preisgekrönten Film «Gegen die Wand» zeigt. Akin und Erzeren sprechen von der biografischen Ausnahme als gesellschaftlicher Regel, auch wenn sie dafür ästhetisch zu unterschiedlichen Mitteln greifen.

Der Erzähler Erzeren nimmt sich weit zurück und ist sparsam in seinen Kommentierungen. Er bringt die gesellschaftlichen «Abweichler» zum Reden und gibt deren subjektive Sicht wieder. Bestürzend sind die Erfahrungen, die viele EinwandererInnen mit deutscher «Leitkultur» und «Patriotismus» machten. Samira, Mutter Deutsche, Vater Syrer, wuchs relativ integriert im westdeutschen Wolfsburg auf. Mit sechzehn beschloss sie, Kopftuch zu tragen. Der Umzug ihrer Familie ins ostdeutsche Neukarow geriet dann zum Fiasko. In der Schule wurde sie von Lehrern ignoriert, von SchülerInnen beschimpft. Ihr Bruder wurde tätlich attackiert. Die Familie floh schliesslich nach Berlin Kreuzberg.

Wie ihm aber ausgerechnet dort, in Berlin Kreuzberg, die Wohnung von nazistischen Nachbarn angezündet wurde, berichtet Ercan in einem anderen Porträt Erzerens. Ercan kam als politischer Flüchtling 1982 in die Bundesrepublik. Seine Versuche, in der deutschen Linken Fuss zu fassen, waren vergeblich. Liebesbeziehungen waren ebenfalls schwierig, auf die Ausländerbehörde ging es anfangs im Fünfzehntagerhythmus (und das wie auch heute noch zumeist ohne Termin, um fünf Uhr morgens vor der Behörde in der Schlange anstehen, irgendwann eine Nummer ziehen usw.).

Er brachte es bei Siemens bis zum Vorarbeiter. Heute jobbt er als Sozialarbeiter, lebt mit Frau und Kind. Ob ers in Deutschland geschafft hat? Schwierige Frage. Als ihm 1990 die Wohnung in Berlin angezündet wurde, habe sich die Polizei desinteressiert gezeigt. Die Ermittlungen seien nach sechs Monaten ohne Ergebnis eingestellt worden. «Ich habe hier gelernt, dass man nicht in diese Gesellschaft gehört.» Es gäbe eine Hand voll Freunde, die ihn nicht als Türken, sondern als Ercan sehen, seine «kleine Insel des Glücks».

Ein kleines Meisterwerk ist Erzerens Recherche in der deutschen Gemeinde von Alanya. Die 120 000 EinwohnerInnen zählende Stadt an der türkischen Mittelmeerküste wurde in den letzten Jahren zum Anziehungspunkt deutscher AuswandererInnen. Über 7000 Deutsche sind dort als EigentümerInnen von Immobilien im Grundbuch ausgewiesen. Sie kamen wegen des angenehmen Klimas und der besseren materiellen Möglichkeiten hierher, aus Neugier, Zufall, Liebe. Von einer deutschen ArbeiterInnenpension lebt es sich in Alanya nicht schlecht, umgekehrt hat der Ort vom relativen Wohlstand der Zugezogenen profitiert. Besonders auffallende Konflikte gebe es keine, sagt der Bürgermeister.

Willi, Wirt des «Coco-Beach», lässt sich das Eisbein (die Schweinshaxe) von einem Dortmunder Stammkunden aus Deutschland mitbringen. Zusammen mit Lebensgefährtin Conny versorgt Willi die deutschen TürkInnen in Alanya mit einer Parallelkultur, an der die türkischen TürkInnen offenbar keinen grösseren Anstoss nehmen. Im «Coco-Beach» geht es an der Pyjamaparty hoch her. «Der Sänger will die Gäste in Stimmung bringen: 'Arme hoch, Beine ausstrecken. Los! Los! Los! Zickezackezickezacke.'» Erzeren berichtet dieses ohne Spott und Dünkel.

Alanya und die Türkei sind keine heile Welt. Und Erzeren will ausdrücklich keinen Nationenvergleich anstellen. Die westeuropäischen Freunde der Integrationsdebatte könnten sich allerdings schon einmal fragen, warum die Autos von dauerhaft in der Türkei lebenden AusländerInnen - sie sind an der Nummernfolge MA im Kennzeichen zu erkennen - nicht «abgefackelt» werden, wie dies in manchen Regionen Nord- und Westeuropas unter anderen Vorzeichen ziemlich sicher geschehen würde. «Eisbein in Alanya» ist eine deftige Haxe für Gemütseuropäerinnen und Überzeugungschristen, aber auch für solche, die es nicht werden wollen.

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