Nr. 38/2006 vom 21.09.2006

Die Eigensinnige

Von Brigitte Matern

«Das ist nichts für meiner Mutter Tochter», pflegte sie zu sagen, wenn ihr etwas nicht passte. Dann konnte sie auch hart und verletzend sein. Die 1906 bei Hannover geborene Jüdin war von klein auf eigensinnig und «erschreckend intelligent», wie ihre Mutter notierte. Mit 14 las sie bereits Kant, mit 17 studierte sie Theologie und Philosophie und begann ein Verhältnis mit einem ihrer Lehrer, der etliche Jahre älter und verheiratet war (und später der NSDAP beitrat). Das heraufziehende «Dritte Reich», dessen Folgen sie früher erkannte als andere, politisierte die hochbegabte junge Frau. Sie begann Marx und Engels zu lesen und kommunistische Flüchtlinge zu verstecken. Dann musste sie selbst ihre Koffer packen.

Über die Tschechoslowakei und die Schweiz gelangte sie nach Frankreich, wo sie einige Monate interniert war. 1941 schliesslich emigrierte sie in die USA, wo sie die ungewohnte politische Freiheit genoss, dann aber auch «gesellschaftliche Knechtschaft» diagnostizierte. Ihre Erfahrungen im «Dritten Reich» hatten sie misstrauisch gegenüber dem, wie sie sagte, korruptionsanfälligen akademischen Betrieb gemacht. Dennoch nahm sie 1953 eine Professur in New York an. Zuvor hatte sie eine Analyse über den Nationalsozialismus geschrieben, die die Welt aufhorchen liess. Von da an war die Rosa-Luxemburg-Anhängerin, die zeitlebens kein öffentliches Gesicht sein wollte, eine gefragte Vortragsreisende. Als unorthodoxe Wissenschaftlerin und Journalistin, die keinen Standpunkt haben, sondern nur verstehen wollte, eckte sie überall an, vor allem als sie das Böse als banal entlarvte.

Wie heisst die hochpolitische «Missionarin der deutschen Literatur und Philosophie», die über Theodor W. Adorno sagte: «Der kommt uns nicht ins Haus!»?

Wir fragten nach Hannah Arendt. 1951 erschien ihr Buch «Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft», 1961 «Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht über die Banalität des Bösen». Der Lehrer, in den sie sich verliebte, war der Philosoph Martin Heidegger.
Die Werke der politischen Theo­retikerin gaben der sich formierenden neuen Linken wichtige Denk­anstösse.

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