Auf grünen Füssen: Gehe wie auf Eiern!

Nr. 23 –

Wandern gilt als umweltschonend. Aber ist es das wirklich? Und wovon hängt das ab? Ein verregnetes Wochenende im Tessin mit der Genossenschaft Weitwandern.

Es ist kein guter Frühling für Murmeltiere. Das Gras auf Salei sieht aus wie ihr Fell: kurz, braun und zerzaust. Noch kein grüner Halm ist zu sehen, nur einzelne Krokusse blühen zwischen Schneeflecken und Pflotschpfützen. Es nieselt sanft. Zwölf TeilnehmerInnen und zwei Leiter der Genossenschaft Weitwandern sind an diesem Freitagmittag mit der Seilbahn hier heraufgefahren, auf den sanften Bergrücken zwischen Vergeletto- und Onsernonetal. Über das hinterste Onsernonetal wollen sie ins Centovalli hinüberwandern und am Sonntagnachmittag in Intragna ankommen.

Die Wetterprognose ist schlecht, sehr schlecht. Die geplante Besteigung des Pilone (2191 m) hat keinen Sinn. Nicht nur wegen des Nieselregens - es hat vor allem noch viel zu viel Schnee. Schon oberhalb der Salei-Hütte liegt er knietief. Hintereinander stapfen die vierzehn voran. Zuvorderst Leiter Stephan Zürcher, zuhinterst Koleiter Silvan Minnig. Immer wieder bricht jemand ein und versinkt bis zum Knie, manchmal sogar bis zur Hüfte. Kahle Lärchen ragen aus dem nassen Schnee. Die Sicht reicht nur einige Meter weit. Irgendwo ruft ein verirrter Kuckuck. Silvan Minnig zeigt den Hintersten die Schneegruben, die sich Birkhühner gegraben haben.

Auf dem kleinen Pass oberhalb des Salei-Sees mahnt Zürcher zur Vorsicht beim Abstieg, besonders dort, wo Felsen aus dem Schnee ragen. «Gehen wie auf Eiern», empfiehlt Silvan Minnig. Das kurze Wegstück über den Pass, normalerweise eine gute halbe Stunde, dauert im Schnee zwei Stunden.

Pyrenäensüchtig

Die Geschichte der Genossenschaft Weitwandern begann in den Pyrenäen. Die Brüder Markus und Stephan Zürcher durchwanderten sie 1985 der Länge nach - nicht auf dem üblichen Weitwanderweg, sondern auf der Hochroute, möglichst dem Kamm entlang. Dreissig-Kilo-Rucksäcke schleppten sie, um möglichst lange oben bleiben zu können. Hütten gab es damals erst wenige.

«Die Erlebnisse von dieser Tour wirken bis heute nach», sagt Stephan Zürcher. Die Pyrenäen haben Zürchers nie mehr losgelassen. Auch Vater Daniel Zürcher, der im Onsernonetal dabei ist, schwärmt: «Das Licht ist einfach anders. Viel schöner als in den Alpen.» Bald begannen Stephan und Markus Pyrenäen-Touren für eine Bergsteigerschule zu organisieren. Sie merkten, dass ihnen diese Arbeit gefiel, und gründeten die Genossenschaft Weitwandern. 1994 kam das erste Weitwandern-Programm mit zwölf Touren heraus.

Heute bietet Weitwandern ein vielfältiges Programm an. Im Sommer mehrtägige Touren, vor allem in den Schweizer Alpen: von der Leventina ins Verzascatal oder vom Simplon auf die Furka. Oft geht es auch über die Grenze, nach Italien in die Ossolatäler, an die Amalfiküste oder ins französische Zentralmassiv. Im Winter bietet Weitwandern eine grosse Auswahl an Schneeschuhtouren. Dazu kommen einige Hochtouren- und Gletscherangebote und eine Spezialität: Trekking in Marokko, Anreise mit Zug und Fähre. Alle LeiterInnen sind GenossenschafterInnen und organisieren ihre Touren grösstenteils selbst. Markus Zürcher führt das Büro.

Endlich lässt die Gruppe die letzten Schneeflecken hinter sich. Jetzt geht es steil nach Spruga hinunter, in den Frühling hinein. Rosa Felsenprimeln kündigen im winterbraunen Lärchenwald den Mai an. Dann kommen die ersten Enziane, die Lärchen werden von Buchen mit jungen, fast neongrünen Blättern abgelöst. Auf dem Maiensäss darunter wartet eine neugierige Ziegenherde.

Spruga, das hinterste Dorf des Onsernonetals, ist an den Steilhang gebaut. Die grossen Häuser mit den überdachten Balkonen haben auf der Talseite zwei oder drei Geschosse mehr als auf der Bergseite. 1944, als die deutsche Armee das italienische Ossolatal stürmte, flüchteten Hunderte von Partisanen und ZivilistInnen über die nahe Grenze hierher. Sie wurden freundlich empfangen. Später wurde das Onsernonetal zum Zufluchtsort für Intellektuelle und Hippies. Einige sind heute noch da: Im Dorfladen von Spruga gibt es Bioprodukte, Wollsocken und handgewobene Hemden zu kaufen.

Was heisst umweltfreundlicher Wandertourismus? An diesem Abend beginnen einige TeilnehmerInnen und Stephan Zürcher über das Thema zu diskutieren. Weitwandern legt grossen Wert auf ökologische Kriterien: Anreise möglichst mit öffentlichen Verkehrsmitteln, keine Flugreisen, jede Route wird nur einmal im Jahr begangen. Und die LeiterInnen informieren die Gäste über umweltgerechtes Verhalten, vor allem auf Wintertouren.

«Hier in der Region wird mehr gewandert als vor einigen Jahren», sagt Stephan Zürcher. «Wirklich allein ist man nirgends mehr.» Mit immer mehr technischen Hilfsmitteln, immer perfekterer Hightechkleidung komme man auch bald überall hin, gibt Kurt Hostettler aus Zürich zu bedenken.

Aber warum eigentlich die Sehnsucht, überall in den hintersten Winkel vorzudringen? Warum nicht einmal ein Gebiet ungestört lassen? Vor allem im Winter ist seit dem Schneeschuhboom kaum noch eine Ecke ungestört. Stephan Zürcher weist auf den Wintersportkodex des Schweizerischen Alpenclubs hin, den Weitwandern mit erarbeitet und unterschrieben hat. Damit verpflichtet sich die Genossenschaft unter anderem, Wildschongebiete nicht zu betreten, nicht quer durch den Wald zu gehen und die Dämmerung zu meiden. Touren in Kleingruppen seien auch umweltfreundlicher, als wenn jeder allein irgendwohin gehe, meint Zürcher. «Aber ihr müsst euch bewusst sein», sagt Kurt Hostettler, «dass ihr den Leuten den Weg in abgelegene Gebiete öffnet. Ich hätte mich zum Beispiel bisher nicht allein über den Pass von heute getraut. Aber jetzt würde ich dort wieder durchgehen.»

Endlich regenresistent

Am nächsten Morgen nieselt es wieder. Die Gruppe hat im ehemaligen Schulhaus von Spruga übernachtet. Schon am Abend hat Stephan Zürcher erklärt, warum auch die zweite Gipfelbesteigung ins Wasser fallen wird. Die Tour auf den Pizzo Ruscada (2004) wäre bei diesen Verhältnissen zu streng und gefährlich. Schnell käme es im weichen Schnee zu Fussverletzungen - und bei diesem Wetter könnte kein Rega-Helikopter landen.

So machen die TeilnehmerInnen zuerst einen Morgenspaziergang zu den Bagni di Craveggia, einem verfallenen Thermalbad gleich hinter der italienischen Grenze. Auf dem Weg wird der Regen immer heftiger. Die Stimmung ist gedrückt, ein Paar hat keine Lust mehr und macht sich auf den Weg nach Hause.

Die anderen fahren mit dem Postauto nach Mosogno. Von hier sind es nur gut drei Stunden bis zum Tagesziel, den Monti di Comino. Kaum sind alle losgewandert, scheint die Krise überwunden. Es regnet zwar pausenlos - mal schwächer, mal heftiger, wie es nur südlich des Gotthards regnen kann. Aber die Temperatur ist angenehm, der alte, steingepflasterte Weg hinunter zum Isorno ist schön, und Regen ist auch nur Wasser.

Nach der Brücke geht es steil aufwärts durch den Buchenwald. Wolkenschwaden hängen zwischen den Bäumen, und überall tropft es. Stephan Zürcher geht wieder zuvorderst, bleibt hin und wieder stehen und macht auf einen Feuersalamander oder ein Spechtloch aufmerksam. Vor allem aber bremst er, damit die Wandernden nicht zu schnell losstürmen und nachher erschöpft sind. Silvan Minnig achtet am Schluss der Kolonne darauf, dass niemand zurückbleibt, und erkundigt sich nach allfälligen Beschwerden.

Endlich kündigt ein weisses Leuchten zwischen den Bäumen den Pass an. Abrupt wird das Gelände flacher, die Bäume weichen zurück. Königsblau strahlen Enziane auf braunem Sumpfgras, kontrastiert vom hellgrünen Buchenlaub. Im Bergrestaurant brennt das Chemineefeuer, es gibt Torta di Pane, und niemand schimpft mehr über das Wetter.

«Genau darum verschieben wir Touren nur im Notfall», sagt Stephan Zürcher. «Häufig erinnern sich die Leute sogar viel länger an eine Tour, wenn das Wetter nicht perfekt war.» Aber was macht die Genossenschaft im Winter, wenn es nicht genug Schnee hat? «Wenn möglich in eine höher gelegene Region ausweichen.» Manchmal ist das nicht möglich, zum Beispiel am Silvester 06/07, als Zürcher im Waadtländer Jura eine Schneeschuhtour leiten sollte und weit und breit keine Flocke in Sicht war. «Ich stellte den Leuten frei, statt der Schneeschuhtour eine Wanderung zu machen. Oder absagen und Geld zurück. Alle kamen mit, und ausgerechnet auf dieser Tour sahen wir einen Luchs.»

Was unterscheidet Weitwandern von konventionellen Anbietern wie etwa Baumeler? «Wir achten sehr genau darauf, dass wir in kleinen Familienbetrieben übernachten, lokal einkaufen, dass das Geld in den Dörfern bleibt. Unsere Gruppen haben höchstens sechzehn Personen, und ab der elften leiten wir zu zweit.» Und es gibt keinen Gepäcktransport: Alle tragen ihre Sachen selber. Lernen, zu reduzieren und während der Tour mit wenig auszukommen, sei ein Teil des Erlebnisses, findet Zürcher. «Die Leute sollen sich miteinander, mit der Landschaft und den Orten auseinandersetzen, nicht damit, was sie heute Abend anziehen.»

Klimaschutz und UBS

Die Tessinerin Maria Luisa Politta aus Muri bei Bern ist überzeugt vom Weitwandern-Konzept. Bei Baumeler sei es zu komfortabel, das Programm zu überfüllt. Auch sie hat schon einen Luchs gesehen. Es ist überhaupt erstaunlich, wer hier schon alles einen Luchs gesehen hat. Vielleicht hängt es damit zusammen, dass so viele keinen Fernseher haben.

Am Sonntagmorgen bekommt der undurchdringliche Wolkendeckel über dem Centovalli einige Löcher. Das Dorf Rasa wird sichtbar, das am Gegenhang auf einem Bergrücken sitzt, darüber das schroffe Massiv des Gridone. Es nieselt noch ein bisschen, aber das beeindruckt niemanden mehr. Schon fast euphorisch macht sich die Gruppe auf den Abstieg nach Intragna. Inzwischen kennen sich alle, diskutieren angeregt über Klimaschutz, die UBS, vergangene und zukünftige Wanderungen. Bettina Scott aus Romanshorn möchte in die Pyrenäen. Die siebenstündige Ruscada-Wanderung sollte ein Test sein dafür. Jetzt hat das nicht geklappt. Aber Daniel Zürcher, der trotz eines künstlichen Hüftgelenks noch in die Pyrenäen geht, hat sie überzeugt, dass sie das schon schaffe.


www.weitwandern.ch