Nr. 37/2017 vom 14.09.2017

Schreiben Sie «man» in einem Artikel?

Wie Anna Rosenwasser, die neue Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz, damit umgeht, vorübergehend nicht journalistisch arbeiten zu können. Und weshalb ihr Kopf kürzlich mit Schnaps gefüllt war.

Von Benjamin von Wyl (Interview) und Ursula Häne (Foto)

Anna Rosenwasser: «Ich habe eine Ahnung von queeren Themen und einen persönlichen Bezug. Das wirkt sich auf die Genauigkeit in der Sprache aus.»

WOZ: Anna Rosenwasser, ist es eine Befreiung, nicht mehr als Journalistin zu arbeiten?
Anna Rosenwasser: Im Gegenteil! Erst als ich die Stelle angenommen hatte, wurde mir diese Konsequenz bewusst. Aber sobald ich mich damit abgefunden habe, bleibt mir vielleicht etwas mehr Ruhe als bisher. Die Journalistinnen und Journalisten in meinem Umfeld überarbeiten sich konstant. Es heisst entweder «Sorry, ich kann doch nicht kommen, muss arbeiten!» oder «Sorry, ich bin saumässig kaputt».

Woran liegt das?
Vielleicht ist es Selbstausbeutung. Aber vielleicht sind wir auch von der Angst getrieben, keine Aufträge mehr zu bekommen. Man nutzt in diesem Beruf Gelegenheiten, deshalb erzieht man sich eine Art «fear of missing out» im Beruf an, die Angst, etwas zu verpassen. Man brennt einerseits für sein Thema und braucht andererseits Aufträge. Vor ein paar Wochen teilte ich den «Schaffhauser Nachrichten» mit, dass ich ein Jahr lang nicht mehr für sie arbeiten kann. Und dann kam die Anfrage, ob ich einen Beitrag über intersexuelle Sportlerinnen und Sportler schreiben würde. Mein erster Impuls war: Die Gelegenheit muss ich nutzen.

Sie haben viele LGBT-Themen in diesem nicht unbedingt als progressiv bekannten Medium gebracht. Haben Sie diese Artikel aus aktivistischem Antrieb geschrieben?
Ich habe eine Ahnung von queeren Themen und einen persönlichen Bezug. Das wirkt sich auf die Genauigkeit in der Sprache aus.

Arbeitet man nicht unsauber, wenn man Journalismus mit Aktivismus vermengt?
Für mich ist die Grenze fliessend. Objektivität ist sowieso kein realistischer Anspruch. Den professionellen Zugang erlangt man durch die Einsicht, dass es keine Objektivität gibt. Meine Subjektivität im LGBT-Bereich hat meine Arbeit verbessert. Während meiner neun Jahre im Journalismus habe ich es trotzdem als gesund empfunden, auch über Themen zu schreiben, denen ich negativ oder ohne Vorwissen begegnet bin. Man muss sich auf diejenigen einlassen, die man ohne journalistischen Auftrag einfach ablehnen würde. Kürzlich war ich für einen Artikel in einer Schnapsbrennerei. Ich trinke sogar im Ausgang nur Tee, aber in dem Moment war mein Kopf gefüllt mit: Schnaps.

Jetzt sind Sie zumindest vorübergehend Exjournalistin, sprechen aber euphorisch über diese Arbeit. Ist Journalismus eine Sucht?
Journalismus sorgt dafür, dass ich mich selbst als Gesprächspartnerin zurücknehme, dass ich an neue Themen rangeführt werde – mir wird nie langweilig! Darum gehe ich davon aus, dass ich immer Journalistin bleiben werde. Auch weil ich niemals Kinder haben will und keinen höheren Lebensstandard als meinen jetzigen anstrebe. Wenn man an die angekündigten Sparmassnahmen bei Ringier und Tamedia denkt, muss man schon dankbar sein, wenn man den jetzigen Lebensstandard halten kann.

Das ist doch das Gemeine an Leidenschaft: Sie führt dazu, dass man unfaire Arbeitsbedingungen akzeptiert …
Ich habe in den letzten Jahren nur noch gratis gearbeitet, wenn der aktivistische Aspekt überwogen hat. Zum Beispiel bei der Zeitschrift «Milchbüechli» als Lektorin.

Als Journalistin muss man je nach Medium auch Kompromisse eingehen …
Kompromisse muss man keine eingehen, aber man muss vereinfachen. Je nach Medium kann man den Stil differenzieren oder die eigene Haltung stärker herausarbeiten. Aber auch in privaten Gesprächen muss ich zum Beispiel die Fülle an Genderlabels dem Wissensstand meines Gegenübers anpassen.

Schreiben Sie «man» in einem Artikel?
Ich habe mir sagen lassen, dass es etymologisch nicht von «Mann» abstamme. Ich glaube auch nicht, dass das zu einer geringeren Sichtbarkeit von Frauen beiträgt, anders wie etwa bei «meine Freunde» oder «Ärzte». Beim «Milchbüechli» schreiben wir konsequent «mensch» statt «man». Es ist ein verspielter Ansatz, aber ich halte ihn nicht für nötig.

Mögen Sie lieber das Sternchen oder die Unterstriche, den Gendergap?
Das Sternchen schliesst alle mit ein. Es ist ästhetisch und sinnvoll.

Und was, wenn ein Medium weder Binnen-I noch Gendergap noch Sternchen erlaubt? Schreiben Sie dann «Journalisten»?
Ich erwähne beide, um meine Sprache wenigstens ein bisschen inklusiv zu halten.

Der Mediensektor ist männerdominiert. Und auch die Chefredaktionen fast aller grossen Zeitungen sind mit Männern besetzt.
Wenn Roger Schawinski wieder mal behauptet, dass er keine interessante Gesprächspartnerin finde, ist das purer Sexismus. Journalistinnen müssen für ihre Sichtbarkeit kämpfen. Und die Männer müssen sich hinterfragen, warum sie die bevorzugen, die ihnen ähnlich sind. Darum finde ich das Prinzip von Quotenfrauen wichtig. Frauen benötigen Repräsentation, deshalb ist es richtig, dass man eine Frau in die Sendung nimmt, weil sie eine Frau ist.

Anna Rosenwasser (27) hatte sich aus Spass immer bieder angezogen, wenn die «Schaffhauser Nachrichten» sie zu evangelikalen Freikirchen schickten. Als Aktivistin ebenso wie als Journalistin möchte sie ihre Tätigkeiten so gestalten, dass sie auch lustvoll sind. Manchmal brauche es dafür Glitzer und manchmal eine freikirchenkonforme Verkleidung.

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