Nr. 25/2018 vom 21.06.2018

Ein Beat wie ein Zungenschlag

Der Musikstil Gqom hat von Durbans Townships aus Südafrika erobert. Mehr Punk als Disco, ist die Clubmusik längst im Norden und Westen angelangt. Ein Tanz durch die Metropole am Indischen Ozean.

Von Bjørn Schaeffner, Durban

«Gqom bricht immer Regeln. Es macht, was du machen willst. Es ist frei»: An einer Gqom-Party in Inanda, nordwestlich von Durban. Foto: Madelene Cronjé, Mail & Guardian

Stillstehen ist nicht. Es braucht zünftig Selbstbeherrschung, um sich vom Drängen dieses Sounds, von diesen frenetischen Kicks nicht in Bewegung setzen zu lassen. Halb vier Uhr nachmittags an einem Freitag im März. Das «Nessas» ist halb Club, halb Taverne. Eine Metalltreppe geht es hoch, durch ein Spalier von Gästen, an zwei Türstehern vorbei, und schon empfängt einen der Sog der Bässe. Gqom!

In der lokalen Sprache Zulu steht das Wort für das Geräusch, das entsteht, wenn ein schwerer Stein auf einen Holzboden prallt. Gqom bedeutet «Lärm», aber auch «Trommelschlag». Die Aussprache des Wortes will gelernt sein: Die ersten beiden Buchstaben werden mit einem Schnalzen der Zunge aus dem Mund geklickt. Fast wie ein Trommelschlag. Als wären wir alle TrommlerInnen.

Gqom ist ein Phänomen. Entstanden ist der Clubstil in den Townships in und um Durban. Die Rhythmen von Gqom klingen mal gebrochener, mal geradliniger, sind aber immer auf Anschlag. In diesem Sound brodelt eine urige Energie. Gqom ist so intensiv wie die Wellen, die sich an der South Beach mit einem Grollen aufbäumen und in einem Rauschen zerbersten.

In Durban geht ein anderer Puls als in Kapstadt und Johannesburg, den kulturellen und wirtschaftlichen Metropolen des Landes. Aber wie der Rest Südafrikas ist auch die Stadt am Indischen Ozean mit Vergangenheitsbewältigung beschäftigt. Erst im Februar ist der neue Präsident Cyril Ramaphosa ins Amt gewählt worden. Er gilt als der grosse Hoffnungsträger, der jetzt mit den korrupten Parteibossen des African National Congress (ANC) aufräumen soll. Fast ein Vierteljahrhundert nach dem Ende der Apartheid unterscheiden sich in Südafrika die Alltagsrealitäten immer noch stark. Die Häuser der Mittelschicht sind umzäunt, Restaurants mit gemischtem Publikum bilden die Ausnahme. Im Stadtzentrum von Durban hält sich nachts kaum ein Weisser auf, geschweige denn gehen Weisse in den Clubs hier tanzen.

Die Faust trifft nur halb

Und im «Nessas», im Gewirr und Gewusel des Stadtkerns von Isipingo, ein paar Kilometer südlich von Durban, sind wir weit weg von den gestylten und durchoptimierten Clubkulturwelten Europas. Das Bier wird einem von einer vergitterten Theke gereicht. Diejenigen, die nicht tanzen, sitzen auf langen Bänken über grossen Flaschen. Ich bin unterwegs mit Griffit Vigo, einem der talentiertesten Gqom-Produzenten seiner Generation. Für Griffit Vigo ist das «Nessas» ein Wohnzimmer, ein Ort, wo sich die Gemeinschaft versammelt. Hier hat er seine ersten DJ-Sets gespielt: «Also los, sagte ich mir irgendwann. Und ich brachte mir dann alles selber bei.» Vigo trägt ein weisses T-Shirt und eine rote Kappa-Trainerhose. Er sieht aus wie ein junger Jeff Mills, der Technopionier aus Detroit. Von Jeff Mills hat er noch nie gehört. Und von Detroit Techno auch nicht.

Ein älterer Mann in weissem Hemd und grauer Hose ist einer der leidenschaftlichsten Tänzer im «Nessas». Der Mann lacht, dreht sich im Kreis, reckt die Arme in der Höhe, eine Zigarette zwischen den Fingern, die ihm immer wieder auf den Boden fällt. Draussen auf dem Geländer spielt sich dann diese Szene ab: Der ältere Mann versucht, einem anderen Besucher einen Geldschein aus der Hemdtasche zu fischen. Das Manöver misslingt, eine Faust fliegt in Richtung seines Gesichts, trifft aber nur halb. Der Senior verschwindet über die Treppe. Augenblicke zuvor hatte Griffit Vigo ihn noch an seine Brust gedrückt.

Es dröhnt im Schlafzimmer

Für junge ProduzentInnen wie den 22-jährigen Griffit Vigo öffnet Gqom ein Fenster auf ein besseres Leben. Stundenlang feilt Vigo daheim an seinen Produktionen. In einem kleinen Zimmer in Isipingo dreht er an Spuren, arrangiert Soundklötzchen, experimentiert auf seinem Keyboard. Am Anfang ist da nur ein trockener Beat, ein Dröhnen kommt hinzu, später ein Stimmfetzen, ein forderndes «Ya, ya, ya!» Vigo spürt in der Enge seines Schlafzimmer das auf, was einen Gqom-Track ausmacht. Die Reduktion aufs Wesentliche. Ein Groove, der aus nur einer Note besteht und sich ständig wiederholt, im Schnitt sechs Minuten lang.

Gqom erzählt auch eine Art digitales Ermächtigungsmärchen: Günstige Handys, erschwinglicher Internetzugang und die sozialen Medien haben den Zugang zu Musik auf dem afrikanischen Kontinent demokratisiert. Auf einer einfach zu bedienenden Software wie Fruity Loops produzieren junge KünstlerInnen wie Griffit Vigo ihre Tracks. Über Whatsapp-Gruppen oder auf der Plattform KasiMP3 machen sie die Musik zugänglich. Damit sie am nächsten Wochenende im Club gespielt wird. Oder damit andere Gqom-ProduzentInnen selbst Hand anlegen, um einem Track mehr Wumms oder mehr Knackigkeit zu verleihen. In Durban wird ständig ausprobiert und dazugelernt. Mit den Mitteln, die halt zur Verfügung stehen.

Viele der jungen Gqom-ProduzentInnen arbeiten darum auch mit denselben Bausteinen, sie schöpfen aus demselben Klangreservoir. Wo die Grenze zwischen dem Original und der Kopie verläuft, ist in der Welt von Gqom manchmal schwierig zu sagen. Und die Durbaner Szene beschäftigt in diesen Tagen ein angeblicher Ideenklau: Das bekannte Duo Distruction Boyz soll schamlos abgekupfert haben. Bei DJ Lag, dem Wegbereiter des Gqom.

Vor bald zehn Jahren schickte sich Lwazi Asanda Gwala an, aus einer Fusion von Hip-Hop, House, lokalen Zulu-Rhythmen und viel Bass einen neuen Clubstil zu entwickeln. Am Anfang hatte der Gqom-Pionier nicht einmal das Ziel, in der Nachbarschaft bekannt zu werden. Er konnte sich nicht vorstellen, dass das jemanden wirklich interessieren würde. Der Rest ist Geschichte. Gqom wurde populär. DJ Lag war der erste Gqom-Künstler, der «overseas» spielte. Und das hört man immer wieder in Durban: Die jungen DJs und ProduzentInnen wollen overseas spielen, in England, Japan, Australien, genau wie DJ Lag.

Vollmond über dem Club 101

Freitag um Mitternacht. Auf der Terrasse des Club 101 im Stadtzentrum von Durban haben sich gut 600 TänzerInnen eingefunden. Lichterketten, Flatscreens, Tische mit Shishapfeifen. Ein honiggelber Vollmond hängt am Himmel. Aus den Boxen peitscht ein strammer Beat. Der DJ legt auf einer Tribüne auf. Dazu schlägt ein MC immer wieder aufs Wellblech. Gqom!

Ein Tanzwettbewerb ist im Gang. Der Siegerin und dem Sieger winkt je eine Flasche Wodka. Um die TeilnehmerInnen bildet sich ein Kreis. Typisch Durban. «Das ist hier so üblich», lacht Ben Myster und nimmt einen Schluck Bier. «Wir konzentrieren uns aufs Tanzen, auf die Tänzerinnen und Tänzer. Nicht wie bei euch in Europa, wo alle in Richtung DJ schauen.» Ben betreibt eine Plattform für DJ-Mixe, er ist ein Förderer der lokalen Gqom-Szene.

Die Party im Club 101 funktioniert nach eigenen Regeln. Abseits der Routinen, mit denen DJs im Norden und Westen die Clubs bespielen, die sich von Berlin bis Melbourne kaum unterscheiden. Die Stimmung ist ausgelassen, von einer ungezähmten Geschmeidigkeit: Die Menschen berühren sich und tänzeln doch ständig aneinander vorbei. Und immer wieder geht es zum Bhenga: einem federnden Tanz, bei dem die TänzerInnen in die Knie gehen und fast wie im Hip-Hop drauflosbreaken.

Es sind kurze Sets, die gespielt werden, sie dauern eine gute Stunde. Dann wechselt der Groove. Die Monotonie der zügig getakteten Trommelgrooves weicht einer Langsamkeit, die Musik wird vielfältiger. Ein Mix, der keine Hierarchien kennt, allem seinen eigenen Platz lässt. Als DJ müsse man vielseitig unterwegs sein, ein breites Repertoire haben, sagt Njabulo Madonsela, wie Ben Myster mit bürgerlichem Namen heisst. «In Durban sind wir verwöhnt. Der Wettbewerb ist gross, es gibt viele gute DJs. Es hat schon fast zu viel Talent hier.»

Und wie sieht es mit Drogen aus? Qoh – der lokale Name für Ecstasy – soll hier als Teilchenbeschleuniger gewirkt haben, ähnlich wie Pillen bei der Verbreitung von Ravemusik in Europa ein Faktor waren. Frühe Gqom-Tracks hiessen «Mercedes Song» und «Mitsubishi Song», inspiriert von den Ecstasy-Sorten, auf denen die Logos von Automarken eingestempelt sind. Aber im Club 101 merkt man in dieser Nacht wenig von einer MDMA-getränkten Stimmung. Als wir den Club verlassen, stolpert ein langbeiniger Tänzer Richtung Ausgang, übergibt sich zweimal hintereinander im Laufen und stolpert weiter, als wäre nichts geschehen.

Und da wäre die Geschichte mit den Taxis, den Minibussen, denen man überall in Afrika begegnet. Diese Vehikel für das kollektive Mitfahren haben Gqom unters Volk gebracht. In ihnen wurden die Gqom-Tapes auf dem Weg zur Arbeit gespielt und am Wochenende im Ausgang. Als wir einmal ein Taxi nehmen, spielt der Fahrer ein paar Gqom-Stücke. Extra für uns und darum wohl auch ein bisschen zu laut. Ein Mitfahrer beklagt sich, aber der Fahrer hört ihn nicht.

Als Mitteleuropäer staunt man: Wer sich in den Taxis oder via Uber durch Durban bewegt, dem wird fast ausschliesslich Qualitätsclubmusik serviert. Ganz im Unterschied zum üblichen Retortenelektro, der einem in unseren Taxis auf die Nerven geht. Neben Gqom läuft House, bald langsamer, bald elegisch schwebend. Warum hört man hier nur so viel anständig klingende Clubmusik? Der englische Autor Matthew Collin hat eine Erklärung dafür. Südafrika sei eine veritable «House Nation». Hier habe sich die Clubmusik des Undergrounds flächendeckend etabliert. Und heute funktioniert Südafrika wie ein popmusikalisches Ökosystem, das gerade punkto Clubkultur seine hauptsächlichen Inspirationen aus dem eigenen Land bezieht.

House, aber drastisch gedrosselt

Das war nicht immer so. Anfang der Neunziger machten DJs den Housesound aus Chicago und New York populär. Houseplatten waren damals in Südafrika kaum erhältlich und darum umso begehrter. Aus dem Mangel machten ProduzentInnen eine Tugend: Sie schufen mit Kwaito eine eigene, südafrikanische Variante von House, indem sie das Tempo drastisch drosselten. Als 1994 das Ende der Apartheid kam, wurde Kwaito für die Jugend zum Soundtrack der eben errungenen Freiheiten. Auf sogenannten Freedom Parties, wo Kwaito gespielt wurde, durften sich die Schwarzen austoben, nach Jahren der eingeschränkten Bewegungsfreiheit in den Townships. Aus Grassroots wurde Mainstream.

Als der US-amerikanische DJ Lil Louie Vega Ende der neunziger Jahre nach Südafrika reiste, konnte er kaum glauben, dass er in einem Stadion vor 20 000 Menschen spielte. Kwaito transportierte in Südafrika eine Befreiungsbotschaft. Zwar wurde der Sound von der Popindustrie bald einmal vereinnahmt – aber das Freiheitsgefühl, das die Clubkultur in Südafrika einst verströmte, schwingt auch im zeitgenössischen Gqom noch mit.

DJ Makatshana träumt von Schnee

Samstagnachmittag auf der Terrasse des «Joe Cool’s» an der South Beach. Die Wolken hängen tief und anthrazitfarben über den Wellen, die mit Wucht an den Strand branden. SurferInnen tummeln sich im Spiel mit den Wogen. Vis-à-vis sitzt Mthokozisi Goodman Mbonambi alias DJ Makatshana. Auch er möchte unbedingt in Europa auflegen. Overseas. Vor allem aber will er in die Schweiz reisen. Er möchte sich im Schnee wälzen, ihn zwischen seinen Händen zerreiben. Makatshana, der sich auch Blaq Shandis nennt, hat eine Platte aufgenommen: die «Switzerland EP», ein Stück darauf heisst «Zürich». DJ Makatshana, einer von vielen, die gerade dabei sind, ihre Stimme im kulturellen Gespräch der Globalisierung zu artikulieren.

Gqom findet Gehör im Norden und im Westen, wo die traditionellen Rezepturen von House und Techno immer abgedroschener klingen. Musik aus dem Globalen Süden und dem Fernen Osten boomt. Es sind vor allem in Europa und den USA beheimatete Labels, die Zugang zu diesen Kulturen bieten, wie zum Beispiel das Label Gqom Oh! des in London lebenden Italieners Francesco Cucchi alias Nan Kolè. Die Absichten dieser kleinen Labels sind in aller Regel gut, sie würdigen die Arbeit der KünstlerInnen und entlöhnen sie fair. Nan Kolè nennen sie in der Durbaner Szene «malumz»: Onkel. Er hat viel dazu beigetragen, Gqom international bekannt zu machen.

Trotzdem müssen Fragen gestellt werden: Warum werden Gqom-Platten in Europa und nicht in Durban gepresst? Ist das angemessen, wenn diese Musik aus den Townships über eine Streamingplattform wie Boiler Room in die Stuben der Welt gestreamt wird? Und warum zum Kuckuck interessiert dieser so ungestüme Ghettotechsound in Europa vor allem eine anspruchsvolle HörerInnenschaft, die zum Beispiel ein Avantgarde-Clubfestival wie das Unsound in Krakau frequentiert?

Demgegenüber stehen dann diese jungen KünstlerInnen, für die es einem Ritterschlag gleichkommt, wenn sie in Südafrika an einem von Red Bull gesponserten Event auflegen dürfen. Das muss kein Widerspruch sein, aber multinationale Unternehmen wie Red Bull oder MTV haben die Gqom-Landschaft in Südafrika längst durchgepflügt. Ben Myster erzählt, dass MTV eine Sendung namens «Gqom Friday» ins Leben gerufen habe – der Name eine offensichtliche Kopie seines erfolgreichen Podcasts «Gqom Fridays». Mysters Versuche, mit MTV ins Gespräch zu kommen, blieben erfolglos.

Weltclubmusik ist längst ein globales Business und keine romantische Projektion mehr. Und was zählt, ist nicht mehr nur das, was in den Townships von Durban passiert. Trotzdem ist Gqom für die jungen KünstlerInnen, die im wirtschaftlich und sozial gebeutelten Südafrika wenig Zukunftschancen haben, ein Sehnsuchtsort. Für die jungen SüdafrikanerInnen ist Gqom eine Form, ihre Wahrheit auszudrücken. Sie sind die KonstrukteurInnen einer eigenen postkolonialen Perspektive. Für sie ist diese Musik Hoffnung auf ein besseres Leben. Gqom!

Nur fünf Minuten!

Sonntagmittag in den grünen Hügeln der Township Newlands West im Nordwesten von Durban. «Gqom macht mich happy», erklärt Sbonelo Resto mit heiserer Stimme. Resto ist der charismatische Anführer der TLC Fam. Silberzähne glänzen, wenn er lacht. Und er lacht oft. «Als ich Gqom das erste Mal hörte, wusste ich: Das muss ich lernen. Das ist mein Leben.» Wir stehen vor seinem Häuschen, einen Steinwurf entfernt vom Umgeni River.

Aus dem Innern windet sich eine Gqom-Schlaufe. Restos Partner Magic sitzt am Computer. Er brauche nur fünf Minuten, um einen Track fertig zu machen. Only five minutes! Zwei Vokalisten intonieren eine Art Zulu-Mantra: «Amazi! Umrezi! Amazi! Umrezi!» Wellblech bebt, erzeugt vom Druck des Basses, den Magic aus den Boxen schickt. «Es gibt viel Konkurrenz, aber das ist mir egal, ich mache das, was mir mein Herz sagt. Ich möchte die Menschen glücklich machen. Sie sollen tanzen!», sagt Magic und schüttelt seine Rastalocken im Takt. Bald soll das erste Album der TLC Fam erscheinen.

Die Stimme der Opposition

Wir schlendern die Strasse hoch, den Umuclesi Close. Ein Taxi hält, der Fahrer ruft uns zur Begrüssung zu: «Number one!» In der Taverne öffnet Resto eine Bierflasche mit den Zähnen, Fleisch landet zischend auf dem Grill. Magic legt auf. Es ist der Beginn einer Grillparty, einer Shisanyama, bei der auch getanzt wird. Zur Begrüssung geben sich die Freunde der TLC Fam einen Handshake, ziehen die Hand den Armen entlang zurück und stupsen sich zuletzt an den Schultern. Irgendwann stösst dann noch ein Folksänger mit Gitarre dazu. Er spielt ein melancholisches Lied im Maskandi-Stil. Auf der Tanzfläche drehen dazu metallische Grooves. Ben Myster zwinkert mir zu: «Gqom bricht immer Regeln. Es macht, was du machen willst. Es ist frei.»

Gqom hätte wohl nirgendwo anders auf der Welt als in Südafrika passieren können. Gqom ist mehr Punk als Disco, es gehorcht der Do-it-yourself-Devise einer jungen Generation. Sicher ist es ein Ventil für jugendliche Energie, aber vor allen Dingen macht es Dinge möglich. Gqom ist das Echo einer kollektiven Ästhetik, die Karte einer Gemeinschaft. Gqom!

Montagmorgen. Ein Uber fährt mich in den reichen Norden von Durban. Beim lokalen Sender Gagasi FM treffe ich DJ Le Soul, eine bekannte Moderatorin. Sie hat eine halbe Stunde Verspätung und strahlt mich an, als wir uns die Hände schütteln. «Gqom hat unser Leben nicht besser gemacht, aber es hat dazu geführt, dass es sich leichter anfühlt.» Sie erzählt von «Duduzane’s Father», einem Gqom-Stück des Medizinstudenten Thabo Moagi, der darin den Oppositionspolitiker Julius Malema sampelte. Der Hintergrund: Malema weigerte sich im Parlament, den damaligen ANC-Präsidenten Jacob Zuma als Präsidenten anzusprechen. Stattdessen nannte er ihn spöttisch «Duduzane’s Father», in Anspielung auf die korrupten Geschäfte, die Zumas Sohn Duduzane mit dem Gupta-Clan abgeschlossen hatte. Letzten Herbst ist die Nummer in Südafrika durch die sozialen Medien gegangen. Viral.

«Gqom ist eine Bewegung, die den Menschen Hoffnung gegeben hat, die unter schwierigen Bedingungen leben», intoniert DJ Le Soul in ihrer Radiostimme. «Jeder wird bei Gqom seinen Groove finden, einen, der dich die ganze Nacht tanzen lässt. Ob mit oder ohne Drogen. Ich hoffe, diese Kultur ist wirklich hier, um zu bleiben. Wir möchten, dass sie sehr, sehr lange bleibt.» Und so rettet Gqom vielleicht nicht gleich das ganze Land. Aber immerhin das nächste Wochenende.

Dieser Artikel wurde ermöglicht durch den Recherchierfonds des Fördervereins ProWOZ. Dieser Fonds unterstützt Recherchen und Reportagen, die die finanziellen Möglichkeiten der WOZ übersteigen. Er speist sich aus Spenden der WOZ-LeserInnen.

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