Nr. 16/2019 vom 18.04.2019

Einem geschenkten Gaul …

Ruth Wysseier gibt Monsieur Schnegg an Frankreich zurück

Von Ruth Wysseier

Warum müssen wir im Kanton Bern am 19.  Mai darüber abstimmen, ob wir das schäbigste, schärfste und unsozialste Sozialhilfegesetz im Land haben wollen? Weil unser Gesundheits- und Fürsorgedirektor ein gläubiger Christ ist.

Pierre Alain Schnegg, SVP-Regierungsrat, will den Grundbedarf der Sozialhilfe kürzen und Leuten, die nicht spuren, die Unterstützung vorenthalten. Zu unterscheiden zwischen guten Armen, die der Barmherzigkeit würdig sind, und schlechten, die korrigiert werden müssen, wird wieder beliebt. Monsieur Schnegg ist da nicht allein, seine Niedertracht inspiriert andere. Redaktor Lucien Scherrer beklagte im Januar in der «Neuen Zürcher Zeitung», dass die Gemeinden den Leuten, die von der Sozialhilfe leben, die Zahnarztkosten bezahlen müssen, auch denen, die ihre Zähne nicht gut genug putzen. Redaktorin Claudia Blumer plädierte letztes Jahr im «Tages-Anzeiger» dafür, die Hilfe so zu kürzen, dass eine Teilnahme am Sozialleben nicht mehr möglich ist. Sie würde nur Wohnen, Essen und medizinische Versorgung bezahlen.

Wer falsch abgebogen ist, muss manchmal ein ganzes Stück zurückgehen, um den richtigen Weg wieder zu finden. Im Fall Schnegg müssen wir über 200 Jahre zurückspulen, um das Übel an der Wurzel zu packen. Monsieur Schnegg lebt im bernjurassischen Dorf Champoz, das der Wiener Kongress bei der Neuordnung Europas 1815 Bern geschenkt hat. Die Schweiz musste damals das Veltlin endgültig aufgeben und bekam stattdessen das ehemalige Fürstbistum Basel und – darin verpackt wie die Laus im Pelz – Champoz. Ein schlechter Deal, der neu verhandelt werden muss. Wie viel besser würde das Dorf doch zum französischen Département Mont-Terrible (!) passen, zu dem es davor gehörte.

Lange war es ruhig um Champoz. Die Leute bestellten die Felder, melkten die Kühe, lernten in der Schule, wie man Subventionsanträge ausfüllt, besuchten den Gottesdienst und wählten die SVP. Und das nicht zu knapp: Bei den letzten Nationalratswahlen holte die SVP dort 63,8 Prozent Stimmen (in Herrliberg nur 38,08).

Monsieur Schnegg beruft sich auf seine christliche Grundhaltung, die er in der evangelikalen Freikirche Gemeinde für Christus auslebt. In einem Gespräch mit dem christlichen Webportal Livenet erklärte er vor zwei Jahren: «Ich habe durch meinen Glauben an Gott eine lebendige Hoffnung. Meine Zukunft wird das ewige Leben bei Gott sein.» Wer eine solch langfristige Perspektive hat, muss sich kein Gewissen machen, dass er das Leben von Bedürftigen im Diesseits zur Hölle macht.

Einem geschenkten Gaul sollte man eben doch ins Maul schauen. Nicht nur Troja, auch dem Kanton Bern wäre dadurch wohl einiges erspart geblieben. Zum Beispiel Pierre Alain Schnegg. Geben wir doch Monsieur Schnegg an Frankreich zurück. Sollte er dort als Escargot in der Pfanne enden, kann er das ewige Leben umso länger geniessen.

Ruth Wysseier ist Winzerin am Bielersee. Sie wird für den Volksvorschlag und gegen die Sozialhilfegesetzrevision stimmen.

Auf stadtgespräch.derbund.ch kann man eine fundierte Debatte zum Abstimmungsthema Sozialhilfe nachlesen.

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