Nr. 16/2019 vom 18.04.2019

Die couragierte Spionin

Von Daniela Janser

«Der Unterschied zwischen uns ist sehr klar. Das meiste, was ich im Dienst für unsere Sache getan und erlitten habe, geschah in der Öffentlichkeit. Auch habe ich auf meinem Weg stets viel Unterstützung erfahren. Du hingegen hast dich im Versteckten abgemüht.» Mit diesen bewegten Worten wandte sich der Abolitionist und Schriftsteller Frederick Douglass am 29. August 1868 in einem Brief an die Gesuchte. Sie hatte ihn gebeten, eine Empfehlung für ein Büchlein zu schreiben, das man über ihr Leben herausbringen wollte. Douglass verfasste eine veritable Hymne und betonte auch, dass er ihre symbolische Unterstützung eigentlich sehr viel nötiger habe als umgekehrt.

Die Episode ist symptomatisch. Das Leben der vermutlich um 1822 als Sklavin Geborenen ist uns – abseits von einer Handvoll Zitate – nur aus zweiter Hand überliefert. Weil sie unterdessen nicht nur als nationale Heldin und Freiheitskämpferin gefeiert ist, sondern auch in zahlreichen Bilderbüchern verewigt wurde, wäre dieses Rätsel für die meisten US-AmerikanerInnen eine kinderleichte Übung. In New York City gibt es gerade mal fünf Statuen zu Ehren von berühmten Frauen, der Gesuchten ist eine von ihnen gewidmet. Vor ein paar Jahren gab es auch eine Diskussion darüber, ob man das Konterfei der tiefreligiösen Sklavenbefreierin auf die 20-Dollar-Note drucken sollte. Doch bis heute prangt dort der Kopf des siebten US-Präsidenten Andrew Jackson, der auf seinen Plantagen SklavInnen ausbeutete.

Nach ihrer eigenen Flucht aus der Sklaverei 1849 unternahm sie als «conductor» der legendären «Underground Railroad» zahlreiche gefährliche Rettungsmissionen zurück in den Süden, um Familienmitglieder und viele weitere SklavInnen zu befreien. Im Bürgerkrieg war sie als Spionin und Krankenschwester im Einsatz und leitete als erste Frau überhaupt sogar selbst militärische Einsätze. Nach dem Krieg engagierte sie sich in der Sufragettenbewegung und war mit zahlreichen weiteren progressiven Geistern der Zeit vernetzt.

Wer ist die unerbittliche Kämpferin, die in jungen Jahren durch ein Wurfgeschoss, das einem anderen galt, schwer am Kopf verwundet wurde, lange mit den schweren Spätfolgen dieser Verletzung zu kämpfen hatte und trotzdem über neunzig Jahre alt wurde?

Wir fragten nach der Sklavenbefreierin und politischen Aktivistin Harriet Tubman, die als Araminta Ross in die Sklaverei geboren worden war, ziemlich sicher am 29.  Januar 1822. Nachdem sie selbst aus dem Bundesstaat Maryland nach Philadelphia geflohen war, führte sie nicht nur Hunderte von SklavInnen in die Freiheit, sondern leitete während des Bürgerkriegs auch militärische Überfälle auf Materiallager der Konföderierten. Am 10.  März 1913 starb sie in Auburn, New York, in einem Altersheim für AfroamerikanerInnen, das sie selber mitbegründet hatte.

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