Nr. 16/2019 vom 18.04.2019

Notre Aufsichtsperson

Ruedi Widmer wird vom heiligen Ernst übermannt

Von Ruedi Widmer

Ich begann diese Kolumne im EC Cisalpino von Milano nach Zürich, es ist Montag, 15. April:

«Hinter mir ein Wochenende in Milano mit Frau und FreundInnen. Campari, Regen, Risotto, Duomo. Und die hervorragende Ausstellung ‹Broken Nature› in der Triennale: Es geht um Klimawandel, Überlebenslösungen, Selbsthilfe, künstliche Intelligenz. Themen, die zur Diskussion mit den Mitreisenden einladen. Wenn diese jedoch in Schwung kommt, stechen augenblicklich die scharfen Blicke des Aufsichtspersonals zu. Sofort schweigt man wieder und tuschelt, wie früher in der Schule, versteckt weiter. Die heilige Ruhe, die in Museen herrscht, ist die Ruhe, die aus den unbedeutend gewordenen Kirchen gekommen ist; und weil Ruhe nicht verhallen kann, muss sie sich anderswo ausbreiten. Es ist nicht die Ruhe der Einkehr, sondern die Ruhe der unterdrückten Kritik, die Voraussetzung für die Huldigung (der Kunst) ist. Ich bin keiner Aufsichtsperson persönlich böse, denn alle erfüllen nur ihre Aufgabe. Ich kann mir ausmalen, wie viel versicherungstechnische Verantwortung auf ihnen lastet; wie die Angst, einen Spinner übersehen zu haben, bevor die Säure spritzt oder die Leinwand geschlitzt ist, so wie es der Künstler Lucio Fontana legal machte. Ich hatte mehrmals unerfreuliche Erlebnisse mit MuseumswächterInnen. Einmal wurde ich angegangen, weil ich meine Kinder dabeihatte …»

Und plötzlich kommt die Meldung der brennenden Notre-Dame. Gefolgt von seichten Quasimodo- und Katholikenwitzen auf Facebook. Und moralischer Kritik an der medialen Berichterstattung. Meine schönwettrige Kolumnenschreiberei ist augenblicklich irrelevant. Ich breche den Text ab.

Und verliere meine Spott- und Hohnfähigkeiten – wie ein vom Gegner mit einer Strahlenwaffe ausgeschalteter Witzsuperheld. Ich schliesse mich dem geschockten Weltöffentlichkeitsmainstream an. Bis spät in die Nacht schlage ich mich mit angesehenen Atheistinnen, Moralaposteln, Kunstfeindinnen, Sprücheklopfern und Ignorantinnen, teilweise aus den eigenen Reihen, weil ich den Verlust von Notre-Dame bedauere. Herrje, eine gotische Kathedrale ist nicht Ratzinger; sie missbraucht keine Kinder und ist nicht verantwortlich für die Kreuzzüge. Ihre Zerstörung ist auch nicht wichtiger als der Krieg im Jemen. Man darf Witze darüber machen, aber sie müssen schon sehr, sehr gut sein.

Bei menschlichem Leid, in Myanmar, im Jemen oder in Syrien, sei die Anteilnahme nie so gross wie jetzt in Paris, schlägt es mir entgegen. Nun, die meisten von uns waren halt schon in Paris und die wenigsten im Jemen. Wenn man moralisch richtig fühlen würde, dürfte man überhaupt nichts bedauern, denn es ist immer irgendwo etwas Schlimmeres. Am wenigsten dürfte man persönliche Sorgen haben, denn andere haben immer irgendwo grössere Sorgen. Und man darf ja auch zwei Sachen bedauerlich finden. Das Gespenst des Whataboutism geht auch bei vielen Linken um. Selbst wenn, wie jemand auf Facebook anmerkte, ein damals teilweise heruntergekommenes Gotteshaus wie Notre-Dame im 18. Jahrhundert in romantischem, aber (im Gegensatz zur Berliner Stadtschlossrekonstruktion) durchaus konstruktiv fachmännischem Effort historisierend auf «Mittelalter» getrimmt wurde (vom damals gefeierten «Restaurator» Eugène Viollet-le-Duc): Notre-Dame ist immer noch ein Gebäude, das mindestens 250 Jahre alt ist, mit erheblich vielen 800-jährigen Teilen. Also eine respektable alte Dame. Und Kathedralen waren schon immer ewige Baustellen.

Ich kann mich um Menschen sorgen, aber auch um Bauwerke, was mir einige übel nehmen.

Jetzt schätze ich Aufsichtspersonen wieder. Hätte es doch einige mehr davon gehabt am Abend des 15.  April im Dachstock von Notre-Dame de Paris.

Ruedi Widmer gibt den heiligen Ernst circa am 18./19.  April wieder ab, versprochen.

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