Nr. 20/2019 vom 16.05.2019

Schiessen statt hüten?

Im Nationalrat haben sich die WolfsgegnerInnen durchgesetzt. Ihre Strategien werden die Probleme mit dem Wolf nicht lösen – im Gegenteil.

Von Bettina Dyttrich

Wenn es um den Wolf geht, gibt es nicht nur zwei Lager, sondern drei: jene, die ihn verteufeln. Jene, die ihn verklären. Und jene, die Lösungen suchen.

Die dritte Gruppe sorgt selten für Schlagzeilen – sie arbeitet. Zu ihr gehören Institutionen wie die Fachstelle Herdenschutz, das Grossraubtiermonitoring Kora und vor allem viele Schafhalter und Hirtinnen, die versuchen, ein Nebeneinander von Wolf und Nutztierhaltung zu ermöglichen. Die Herausforderungen sind gross: In Frankreich nimmt die Zahl der Wölfe laufend zu, und ein Teil der Jungtiere wird weiterhin in die Schweiz einwandern.

Manche WolfsbefürworterInnen stellen die Situation sehr simpel dar: «Ihr müsst eben Herdenschutzhunde halten, dann ist das Problem gelöst.» So einfach ist es aber nicht. Auch abgesehen davon, dass die Haltung der grossen weissen Hunde anspruchsvoll ist und sich WanderInnen von ihnen bedroht fühlen: Wenn sich die Wölfe Richtung Mittelland ausbreiten, wird der Schutz der Nutztiere vermutlich noch viel aufwendiger. Viele Weiden unter der Waldgrenze lassen sich schlecht schützen. Im Calandagebiet, wo zwei Rudel leben, funktioniert der Herdenschutz zwar gut – unter anderem weil die Wölfe dort viele Hirsche zum Jagen haben. Das heisst aber nicht, dass es woanders auch so sein muss. Wölfe lernen dazu und tricksen auch HirtInnen und Hunde aus, das zeigen die Erfahrungen in Frankreich. Manchmal sind Abschüsse nötig, wie Daniel Mettler von der Fachstelle Herdenschutz betont: «Wenn ein Wolf zum Beispiel lernt, über Zäune zu springen, sollte er möglichst schnell weg» (siehe WOZ Nr. 1/2018). Mit diesem pragmatischen Vorgehen hat die Schweiz bisher verhindert, dass die Situation eskaliert wie in Frankreich.

Doch vielen Schafhaltern und Vertreterinnen der Bergkantone genügt das nicht: Sie würden den Wolf lieber wieder ganz loswerden. Leider ist ihnen der Nationalrat in der Revision des Jagdgesetzes letzte Woche gefolgt. Bisher muss das Bundesamt für Umwelt (Bafu) der Wolfsregulierung zustimmen, wenn es um mehr als um Abschüsse von einzelnen Tieren geht. Neu sollen die Kantone allein entscheiden, das Bafu wird lediglich angehört. Doch ein kluges Wolfsmanagement ist unmöglich, wenn jeder Kanton eine andere Strategie fährt. Und die Regulierung geschützter Tierarten wird «zunehmend (lokal-)politischen Druckversuchen ausgeliefert sein», wie die Umweltverbände WWF, Pro Natura und Birdlife schreiben.

Ausserdem hat der Nationalrat den Gesetzestext abgeändert. Regulierungen seien zulässig, wenn sie erforderlich seien für «die Verhütung von grossem Schaden oder einer konkreten Gefährdung von Menschen, die durch zumutbare Schutzmassnahmen nicht erreicht werden kann», hiess es im Entwurf des Bundesrats. Der Nationalrat hat sowohl den grossen Schaden als auch die Schutzmassnahmen gestrichen. Das sind keine rhetorischen Änderungen: Es ist ein Affront gegenüber all jenen, die sich für den Herdenschutz engagiert haben. Warum noch HirtInnen bezahlen und teure Zäune aufstellen, wenn man sowieso schiessen darf? «Die Konflikte rund um den Umgang mit geschützten Arten dürften künftig durch das neue Gesetz nicht ab-, sondern massiv zunehmen», schreiben die Umweltverbände. Ausserdem ist es ganz und gar nicht einfach, einen Wolf zu erlegen – was die Frustration weiter anheizen könnte.

Die Umweltverbände werden wohl das Referendum ergreifen. Damit haben sich die WolfsgegnerInnen selbst ins Bein geschossen. Denn dieses Referendum werden sie wahrscheinlich verlieren. Und der Kollateralschaden wird eine Polarisierung sein, die der Sache nicht guttut. Unter den SchafhalterInnen wird sie jenen Auftrieb geben, die von einer Wiederausrottung des Wolfs träumen. Auf der Seite der UmweltschützerInnen wird es für jene, die den Wolf nicht idealisieren, sondern auch Verständnis für die Sorgen der TierhalterInnen haben, nicht einfacher.

Es gibt keine einfachen Lösungen. Not täten eine Weiterentwicklung der bisherigen pragmatischen Praxis und mehr Austausch zwischen den Lagern, um der Polarisierung entgegenzuwirken. Das revidierte Jagdgesetz führt leider zum Gegenteil.

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