Nr. 16/2019 vom 18.04.2019

Ein Bild und tausend Worte

Auch nach der Absetzung von Langzeitherrscher Umar al-Baschir werden die Grossproteste im Sudan wohl weitergehen. Dass mit der jungen Aktivistin Alaa Salah eine Frau zur Ikone des Widerstands wurde, ist dabei alles andere als ein Zufall.

Von Raphael Albisser

Das strahlend weisse Kleid, der mahnend erhobene Zeigefinger, der glänzende goldene Ohrschmuck, die gebannte Menschenmenge vor dem dunstigen Abendhimmel Khartums: Das Foto von Alaa Salah, das die Fotografin Lana Haroun am 8.  April schoss, wurde über Nacht zum Sinnbild des sudanesischen Volksaufstands. KünstlerInnen griffen es innert Kürze auf, es wurde in zahllosen Variationen auf Social Media geteilt und auf Häuserwände gesprayt. Als drei Tage später bekannt wurde, dass Präsident Umar al-Baschir vom Militär abgesetzt und festgenommen worden war, wirkte es fast, als hätte die 22-jährige Studentin den Präsidenten mit ihrem eindringlichen Auftritt im Alleingang gestürzt.

Freilich war es aber die Armeespitze, die Baschir nach fast dreissig Jahren an der Macht aus dem Amt beförderte. Militäreinheiten besetzten Brücken und das staatliche Fernsehen. Unter den Protestierenden, die seit Dezember im ganzen Land auf die Strasse gehen, kam nur für kurze Zeit Feststimmung auf. Als sich am Abend des Putsches mit General Ahmed Awad Ibn Auf der Kopf des neu installierten Militärrats in einer TV-Ansprache an die Menschen wandte, wurde schnell klar, dass die Forderung nach einer demokratisch gewählten Regierung vorerst nicht erfüllt wird. Der Ausnahmezustand und die Ausgangssperre sollten weiterhin gelten, der Militärrat das Land während einer Übergangszeit von voraussichtlich zwei Jahren regieren. Mit Ibn Auf kam ein enger Vertrauter Baschirs, und obendrein eine Schlüsselfigur des Bürgerkriegs in Darfur, an die Macht.

Dass er bereits tags darauf von General Abdel Fattah Burhan verdrängt wurde, ändert nichts an der Tatsache, dass das Ziel der Protestbewegung vorerst in weiter Ferne bleibt. Man werde weiterhin grosse Strassenproteste organisieren, liess die Sudanese Professionals Association (SPA) umgehend verlauten. Der Verbund aus fünfzehn Gewerkschaften steht an der organisatorischen Spitze der landesweiten Protestbewegung.

Von den Parteien auf die Strasse

Das ikonografische Bild von Alaa Salah wird seine Dringlichkeit also vorerst behalten. Es steht für so vieles, was die aktuellen Proteste ausmacht – zuallererst dafür, dass sie von den Sudanesinnen angetrieben werden. Zu sehen ist dies auf Videos, die online trotz Zensurversuchen zuhauf die Runde machen: etwa jenem von zwei Frauen, die unter dem Applaus von PassantInnen mitten auf einer breiten Strasse eine Spoken-Word-Performance hinlegen. Oder dem Video einer Frau mit Strohhut, die einen Protestzug mit vielen jungen Männern anführt, die auf ihren rhythmischen Sprechgesang immer wieder laut mit «Thawra!» (Revolution) antworten. Oft sind es auch Frauen, die die Verpflegung der Protestierenden organisieren und Verwundete verarzten. Sie würden siebzig Prozent der Demonstrierenden ausmachen, schätzt die BBC.

Das weisse Kleid, das Salah auf dem Foto trägt, steht derweil für eine lange Tradition des Widerstands der Frauen: Schon im Kampf gegen die britische Kolonialherrschaft sowie später bei erfolgreichen Aktionen des gewaltfreien zivilen Ungehorsams gegen die Militärregimes 1964 und 1985 spielten die Sudanesinnen eine wichtige Rolle. Mit dem Beginn der islamistischen und arabisch-nationalistischen Herrschaft von Umar al-Baschir 1989 wurden die Frauen im Sudan gesellschaftlich wie politisch noch stärker marginalisiert und unterdrückt als zuvor. Ihr Widerstand verschob sich damit vermehrt aus den politischen Parteien in die Gesellschaft, wo er nun ironischerweise zu neuer Durchschlagskraft fand.

Spätestens seit Anfang März ein Video vom Campus der Ahfad-Frauenuniversität in Khartum im Internet kursierte, auf dem Dutzende Frauen in traditionellen weissen Arbeiterinnenroben musizieren, wurde das Kleidungsstück zum Protestsymbol. Als «Kandake» werden die weiss gekleideten Frauen jetzt fast schon ehrfürchtig bezeichnet: Der Begriff ist eine Bezugnahme auf das vorchristliche Reich von Kusch. Kandake hiessen damals die nubischen Königinnen und Königsmütter.

Standhaft und geeint

Die Proteste im Sudan werden nicht zuletzt deshalb weitergehen, weil die SudanesInnen seit der Unabhängigkeit im Jahr 1956 schon viele Erfahrungen mit verschiedenen Militärregierungen gemacht haben. Die Befürchtung, das Land mit seiner Bevölkerung von vierzig Millionen könnte erneut in eine Zeit der bewaffneten Konflikte schlittern, ist nicht unberechtigt. Bis heute gibt es Rebellengruppen und Milizen, die von einer anhaltenden Instabilität profitieren würden.

Ermutigend ist deshalb vor allem die Einigkeit, die unter der Führung des Gewerkschaftsbunds SPA relativ glaubwürdig beschworen wird. Die Organisation ist parteipolitisch unabhängig und präsentiert sich dezidiert unideologisch. Versuche des Regimes, AktivistInnen der ethnisch motivierten Gewalt zu bezichtigen, liefen bislang weitgehend ins Leere. So bleibt vor allem abzuwarten, welche Selbsterhaltungsstrategie der Militärrat nun wählt, wenn die Proteste weitergehen. In einer Regierung, die alle politischen Kräfte beinhalte, habe auch die Armee einen Platz, liess jedenfalls eine Sprecherin der SPA verlauten.

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