Nr. 32/2005 vom 11.08.2005

Der erfolgreichste Libero als Kunstwerk

Die Lebensgeschichte des deutschen Nationalhelden wird zu seinem sechzigsten Geburtstag - und passend zur Fussballweltmeisterschaft 2006 - neu geschrieben.

Von René Martens

Muss man eine Franz-Beckenbauer-Biografie lesen? Reicht es nicht zu wissen, dass er als Spieler brillant und als Trainer erfolgreich war, aber heute, als Franzdampf in allen Gassen der Medien- und Werbewelt und nicht zuletzt als schillerndster Pate der Fussballindustrie, meistens nervt? Ausserdem gibt es ja rund ein Dutzend Bücher über den erfolgreichsten deutschen Fussballer. Ein Kollege sagte neulich: «Ich habe in meinem alten Kinderzimmer allein drei Beckenbauer-Biografien stehen.» Die erste Autobiografie erschien bereits im Herbst 1966 (Honorar für den Star: 50 000 Mark), obwohl der damals noch im Mittelfeld des FC Bayern Regie führende Beckenbauer gerade erst 21 Jahre alt war, andererseits immerhin schon an einer Weltmeisterschaft gespielt und zwei Söhne gezeugt hatte. Der Trend, Biografien über Menschen auf den Markt zu bringen, über die es naturgemäss noch kaum etwas zu erzählen gibt, ist also keineswegs ein Auswuchs der heutigen Mediengesellschaft.

Vor allem die frühen Biografien - 1975 liegen bereits sechs vor - vermitteln ein wenig reales Bild ihres Helden, jedenfalls sagt einer von Beckenbauers Söhnen heute: «Die sind ja wie Romane geschrieben.» Der Protagonist selbst hat einige davon nicht einmal gelesen. Torsten Körner beschreitet in seinem Buch «Franz Beckenbauer. Der freie Mann» jetzt einen Weg, der in der deutschsprachigen Fussballliteratur selten ist: Ihm gelingt es, den Aufstieg seines Protagonisten in kulturelle und gesellschaftliche Entwicklungen einzubetten. Helmut Böttiger ist 1994 ein ähnliches Vorhaben mit «Günter Netzer. Manager und Rebell» völlig missglückt, weil der Autor das fussballerische Wirken seines Helden masslos überinterpretierte.

Ein grosses Missverständnis

Anlass für die Veröffentlichung von «Der freie Mann» ist der sechzigste Geburtstag des Protagonisten im September, aber es passt auch bestens, dass im nächsten Jahr die Fussballweltmeisterschaft in Deutschland stattfindet, die, so geht die Legende, Beckenbauer ins Land geholt hat. Kurz nach Erscheinen baute eine Buchladenkette einen Turm aus Körners Büchern und setzte das tapsige WM-Maskottchen Goleo oben drauf. «Der freie Mann» als WM-Merchandising-Artikel, sozusagen. Ein grosses Missverständnis, zumal Körner betont, dass die Republik ihre WM beileibe nicht allein ihrem Kaiser verdankt, sondern auch dessen sportpolitisch mit allen Wassern gewaschenen Vasallen Fedor Radmann, dem Kanzler, dem Auswärtigen Amt und DaimlerChrysler, um nur wenige zu nennen.

Körner, der unter anderem eine Biografie des Schauspielers Heinz Rühmann verfasst hat, wollte keine autorisierte Biografie schreiben, sondern «aus der Halbdistanz»: kritisch, aber in Kooperation mit dem Protagonisten. Was für Rühmann gilt, gelte auch für Beckenbauer, sagt er: «Man kann voraussetzen, dass das Publikum die Biografie in groben Zügen kennt, und deshalb andere Geschichten erzählen.»

Auf jene Buchpassagen, in denen Beckenbauer nicht besonders gut wegkommt, habe dieser «souverän» reagiert, sagt Körner. Das könnte auch daran liegen, dass der Autor seiner Figur bei aller Kritik stets mit Respekt begegnet, manchmal sogar mit Verständnis: «Seine flexible Fröhlichkeit, sein Giesinger (Stadtteil von München, d. Red.) Phlegma, seine weissbiergrundierte Lebenslässigkeit gepaart mit seinem weltdörflich erworbenen Charme machen ihn zu einem Deutschen, vor dem man nicht davonlaufen muss. Vor ihm gibt es kein Entkommen, aber umgekehrt gilt das auch: Er entkommt uns nicht. Es ist nicht seine Schuld, dass wir so an ihm hängen, aber dass alle Welt an ihm zerrt, sollte uns zu denken geben, was uns der Fussball alles ersetzen soll.»

Der Undeutsche

Hat der deutsche Nationalheld wirklich so wenig Deutsches an sich? Das klingt auch dort an, wo Körner beschreibt, wie Beckenbauer bei den Mitgliedern des Fifa-Exekutivkomitees für den WM-Austragungsort Deutschland warb: «Seine Eroberungslust kam so undeutsch, so defensiv, freundlich und zivil daher.» Walter Jens hatte schon vor dreissig Jahren in der Illustrierten «Stern» behauptet, Beckenbauer habe «mit dem, was man sich gemeinhin unter einem Deutschen vorstellt, diesem Kraftmenschen, Fanatiker und einzigen Schaffer, wenig gemein. Er ist kühl, salopp, undiszipliniert, ironisch, selbstironisch sogar». Viele Deutsche, vor denen man, um Körners Formulierung aufzugreifen, unbedingt davonlaufen muss, geniessen nichtsdestotrotz die Nähe des vermeintlich undeutschen Heros, umschmeicheln ihn sogar - sei es Innenminister Otto Schily, Kanzler Gerhard Schröder oder dessen einstiger Gegenkandidat Edmund Stoiber.

Körner gibt Anlass zur Spekulation, ob sich Beckenbauer gewisse positive Eigenschaften in seiner sportlich besten Zeit angeeignet hat. Weist der Autor doch darauf hin, dass sein «freier Mann» diese in einem vergleichsweise intellektuellen Umfeld erlebte: Die Bayern-Elf der frühen Siebziger galt als Abituriententruppe, und so erinnert Körner beispielsweise an einen Spieler namens Edgar Schneider, «der später Sozialpädagogik studierte und heute auf dem Jugendamt in Pforzheim arbeitet». Es kursierte sogar das - offensichtlich falsche - Gerücht, einige Spieler hätten sich während des Trainings auf Latein unterhalten, was Beckenbauer ziemlich gefuchst habe. So gesehen war der FC Bayern der SC Freiburg der siebziger Jahre (den Spielern des unlängst mal wieder abgestiegenen Klubs aus dem Breisgau haftete Ende des vergangenen Jahrzehnts ein intellektuelles Image an).

Bei seinen Recherchen hat Körner, wie er selbst sagt, «das Naheliegende bewusst vernachlässigt»: Er hat zum Beispiel Beckenbauers erste Ehefrau Brigitte und die spätere Lebensgefährtin Diane Sandmann getroffen, den Kontakt zur aktuellen Gattin und ihrer unmittelbaren Vorgängerin aber nicht gesucht - über die weiss man dank «Bunte» und «Gala» schon zu viel. Insgesamt forschte Körner zweieinhalb Jahre in Beckenbauers Vergangenheit: Er traf die Mutter des Stars, ehemalige Lehrer sowie alte Freunde, die dem Kaiser aus dem Blickfeld geraten waren. Auf einer Pressekonferenz lobte Beckenbauer deshalb, der Autor habe ihm ein Stück seiner Kindheit wieder geschenkt.

Die Medienfigur

Körner, der als Teenager besonders gelungene Aktionen Beckenbauers auf einem Zettel notierte, verfolgt einen im weiteren Sinne feuilletonistischen Ansatz: Sein Buch ist gespickt mit Zitaten aus der Literatur. «Mir gefällt seine Unachtsamkeit, seine Selbstmassstäblichkeit, seine öffentliche Schlamperei, die wahrscheinlich keine Schlamperei ist, sondern Heftigkeit und Ichbezogenheit und Weltvergessenheit» - dieses Zitat aus Wilhelm Genazinos Roman «Der Fleck, die Jacke, die Zimmer, der Schmerz» hat Körner beispielsweise einem Kapitel vorangestellt, und der Satz ist so mehrbödig wie die gesamte Biografie. Dieses Stilmittel wirkt in keiner Phase manieriert, was bemerkenswert ist angesichts des Brimboriums, das - Stichwort: WM-Kulturprogramm - in Deutschland derzeit einige hochkulturelle Dummbeutel rund um den Fussball veranstalten.

Ein zentrales Thema in «Der freie Mann» ist die Rolle, die die Medien in Franz Beckenbauers Erfolgsgeschichte gespielt haben. Wie haben sie ihn geprägt, und wie hat er sie ge- und benutzt? Körner zitiert Ingrid Kolb, die langjährige Leiterin der Gruner-und-Jahr-Journalistenschule: «Man könnte ihn, denke ich, auf der nächsten Documenta in Kassel ausstellen. Kein Kunstwerk würde besser vermitteln, was der ständige Umgang mit den Medien bei einem Menschen anrichtet, der sich ihnen so willig überlässt.» Und beim Wiedersehen des gefloppten Films «Libero» (1973), in dem Beckenbauer sich selbst spielt, fällt dem Autor auf: «Der erste und bisher einzige Spielfilm, in dem Franz Beckenbauer mitwirkt, ist ein eigentümliches Dokument, denn es schickt den Menschen Beckenbauer als Filmhelden in eine erfundene Welt, die doch seiner eigenen Lebenswirklichkeit sehr nahe kommen soll. Der Protagonist meistert diesen Grenzgang zwischen Dokumentation und Fiktion so, als ob sein eigenes, echtes Leben selbst schon Züge des Erfundenen trüge, als ob sich Beckenbauer schon damit abgefunden hätte, sein Leben lang in einem Film auftreten zu müssen.»

Beckenbauers Entwicklung zur Medienfigur ist nicht zu trennen von den Veränderungen auf dem Münchener Zeitungsmarkt in den Jahren 1968/69: Zuerst bekommt die «Abendzeitung», bis dato Monopolist auf dem Boulevard-Sektor, durch die «tz» Konkurrenz, dann startet die «Bild»-Zeitung eine Regionalausgabe. Die Intimisierung des Fussballs beginnt, und der junge Womanizer im Bayern-Trikot erweist sich als das ideale Objekt - der Auftakt zu einer, wie Körner es nennt, «Liaison» mit «Bild», ohne die Beckenbauer nicht hätte werden können, was er wurde. Bis heute hat er für zwei «Bild»-Journalisten als Trauzeuge fungiert, beim Sohn eines anderen als Taufpate. Zwischen den Weltmeisterschaftsturnieren 1966 und 1970 verändert sich auch seine Position im deutschen Fussballmachtgefüge: Als die DFB-Auswahl 1970 zur WM nach Mexiko fliegt, ist Gattin Brigitte mit dabei - als einzige Ehefrau eines Spielers.

«Erfolg ist wie ein scheues Reh. Erfolg ist etwas Unerklärliches» - das hat Franz Beckenbauer bei einem seiner sehr zahlreichen Ausflüge ins Blumige zu verstehen gegeben. Torsten Körner zeigt, dass es sehr wohl Erklärungen gibt. Beckenbauer habe zum «langlebigsten Erfolgsgaranten seit 1945» unter anderem deshalb werden können, weil er einen «Wunsch-Aufsteiger» verkörpere, einen «Aufsteiger-Typen, der kein Parvenü ist, der nicht nach Schweiss riecht, sich nicht die Hemdsärmel hochkrempelt», vielmehr alles «anstrengungslos» erreicht. In dieser Geschichte gibt es, wie Körners Buch zeigt, allerdings auch Brüche. «Wenn man sich mehr um ihn bemüht hätte, wäre er heute noch Rekordnationalspieler», meint der Autor. Franz Beckenbauers Karriere im Trikot der Ländermannschaft ging relativ früh zu Ende - 1977, im Alter von 32 Jahren. Der Kapitän der Nationalelf wechselte damals zu Cosmos New York, und das empfand der Deutsche Fussballbund als Vaterlandsverrat. Angesichts des Heiligenstatus, den Beckenbauer heute geniesst, kann man sich das kaum noch vorstellen.

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