Nr. 45/2008 vom 06.11.2008

Den Export trifft es zuerst

Die Finanzkrise ist in der Realwirtschaft angelangt. Fast täglich gibt es in der Schweiz Meldungen über Entlassungen und Kurzarbeit. Sind sie Vorboten einer drohenden Deflation?

Von Carlos Hanimann

Die Wirtschaftsnachrichten lesen sich zurzeit wie ein Wetterbericht – düstere Wolken, viel Nebel und Mutmassungen über das nächste Gewitter. Fast täglich erscheinen Berichte über Entlassungen oder Kurzarbeit. Im solothurnischen Riedholz werden 339 ArbeiterInnen der Zellstofffabrik Attisholz-Borregaard entlassen (vgl. WOZ Nr. 41/08), die Werbevermittlerin Publigroupe entlässt 250 ihrer 3000 Beschäftigten, die Industrieunternehmen Rieter, Sultex und OC Oerlikon melden Kurzarbeit an.

Serge Gaillard, Chef der Direktion Arbeit im Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco), warnt, die Zahl der Erwerbslosen werde im nächsten Jahr von heute knapp 100 000 auf einen Jahresdurchschnitt von rund 120 000 Erwerbslosen ansteigen, sollte das Wachstum unter ein Prozent fallen. Geht man davon aus, dass es Anfang Jahr etwa 105 000 sein werden, wird die Zahl bis Ende 2009 auf rund 140 000 steigen.

Lange rumpelte es auf den internationalen Finanzmärkten, Blasen platzten, Aktienpreise purzelten. Doch die USA, die Immobilienkrise, die Finanzkrise (vom UBS-Debakel abgesehen) – das alles war für die Schweiz ziemlich weit weg. Den Auftragsbüchern der exportierenden Unternehmen konnte man jedoch bereits im Frühjahr entnehmen, dass die Bestellungseingänge zurückgingen. Zwar war die Auftragslage noch immer auf einem sehr hohen Niveau, die Schweiz hatte von der guten Konjunktur profitiert – doch seither bauen die Unternehmen angestaute Bestellungsbestände fortlaufend ab.

Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbundes (SGB), hatte bereits vor einigen Wochen darauf hingewiesen, dass vor allem die auf Export ausgerichteten Unternehmen etwa in der Textil- oder der Maschinenindustrie in Schwierigkeiten kommen. Er bestätigt die Prognosen des Seco: «In den letzten Monaten haben die Arbeitslosenzahlen stagniert, doch nun werden sie ansteigen. Problematisch ist vor allem der Exportbereich. Hier gibt es auch die ersten Meldungen von Kurzarbeit.» Obwohl die internationale Finanzkrise vor allem den Exportsektor in Mitleidenschaft zieht, relativiert Lampart, sei nicht der ganze Sektor betroffen, der immerhin etwas mehr als die Hälfte des Schweizer Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet. Es gebe auch Unternehmen, etwa in der Chemie- oder Maschinenindustrie, die weiterhin gut dastünden.

Erst Kurzarbeit, dann Arbeitslosigkeit? Wie unsicher die Lage auf dem Arbeitsmarkt ist, dürfte am 27. November klar werden, wenn die Beschäftigungsstatistiken mit den genauen Zahlen für das dritte Quartal publiziert werden.

Die Zahl der Aufträge geht zurück, die Unsicherheit am Arbeitsplatz wächst, grosse Investitionen werden der schlechten Konjunktur wegen verschoben. Lässt nun die Nachfrage nach? Senken Unternehmen die Preise? Hängen bald in allen Schaufenstern «Sale! Sale! Sale!»-Plakate? Ein solches Szenario liesse die KonsumentInnen weiter zuwarten: Wer kauft schon heute, was morgen billiger ist? Dann könnte ein Teufelskreis entstehen (wie in Japan in den neunziger Jahren): Das allgemeine Preisniveau sinkt, die Unternehmensgewinne gehen zurück, die Wirtschaft schrumpft. Diese volkswirtschaftliche Abwärtsspirale hat einen Namen: Deflation. In den USA scheint eine echte Deflationsgefahr zu bestehen. Der Ökonomieprofessor Nouriel Rubini von der New York University, der mit seinen pessimistischen Prognosen in diesem Jahr mehr recht hatte als andere, sprach jedenfalls bereits vor einem Monat das Wort aus, das niemand hören will.

Die Schweiz geriet letztmals 1996, mit 250 000 Erwerbslosen, an den Rand einer Deflation. Dass der rasante Anstieg der Arbeitslosenzahl Vorbote einer drohenden Deflation sein könnte, glauben aber weder Lampart noch Gaillard. Gegenüber der WOZ sagt Gaillard: «Wir haben keine Immobilienkrise und keine Kreditkrise wie in den USA. Die Unternehmen erhalten weiterhin Kredite von den Banken.» Es sei nicht das erste Mal, dass die Zahl der Arbeitslosen so stark zunimmt. Im Rahmen der konjunkturellen Abschwächung sei der Anstieg der Erwerbslosigkeit nicht aussergewöhnlich. Der Konsum bleibe aber, etwa wegen sinkender Erdölpreise, weiter stabil. Auch Lampart sieht keine Deflationsgefahr: «Wir sind noch nicht am Limit, der Weg zu einer Deflation ist noch sehr weit.»

Wenn Ihnen der unabhängige und kritische Journalismus der WOZ etwas wert ist, können Sie uns gerne spontan finanziell unterstützen:

Überweisung

PC-Konto 87-39737-0
BIC POFICHBEXXX
IBAN CH04 0900 0000 8703 9737 0
Verwendungszweck Spende woz.ch