Nr. 32/2009 vom 06.08.2009

Kasimir und Karoline

Von Martina Süess

«Zurückhaltend, aber mit einer Haltung» werden die Hörspiele beim Niesen-Verlag nach eigener Aussage interpretiert. Die Haltung des Schauspielers Ulrich Beseler, der in der neusten Produktion Ödön von Horváths Stück «Kasimir und Karoline» liest, ist cool. Mit lakonischer Distanz und gerade genug Anteilnahme leiht er den Figuren, die sich zwischen abgedroschenen Floskeln, billiger Anmache und groben Kränkungen auf dem Münchner Oktoberfest tummeln, seine Stimme.

«Wenn es dem Manne schlecht geht, dann hängt das wertvolle Weib nur noch intensiver an ihm», philosophiert Karoline hochtrabend daher, doch Kasimirs miese Laune, mit der er ihr die Freude am Fest verdirbt, treibt sie bald in die Arme eines anderen. Oder ist es die Tatsache, dass Kasimir seit gestern arbeitslos ist, was Karoline im Lauf des Abends dazu verleitet, sich auf diverse Herren einzulassen, die mehr materielle Sicherheit versprechen als der «abgebaute» Chauffeur?

Horváth hat das Stück unter dem Eindruck der Weltwirtschaftskrise von 1929 geschrieben. In Anbetracht der jetzigen Finanzkrise stellt sich die Frage, wie aktuell seine Analyse ist. Kasimirs ökonomische Impotenz scheint sein gesamtes Leben zu zerstören, und ausgerechnet die Liebe, von der wir so gern glauben wollen, dass sie nichts mit Geld zu tun hat, scheint als Erstes daran zu zerbrechen. «Und die Liebe höret nimmer auf», lautet das Motto, das der Komödie mit trauriger Ironie vorangestellt wird und sich als romantische Plattitüde erweist.

Die für Horváth typische Gratwanderung zwischen deprimierenden Abgründen und grotesker Komik wird von Beseler mühelos gemeistert. Besonders gelungen sind die Musik- und Toncollagen, die Ursula Frauchiger sparsam, aber treffsicher einsetzt. Aus Originaltönen vom Oktoberfest, Leierkastenklängen und sentimentalen Volksliedern entsteht eine bizarre Rummelplatzatmosphäre, aus der das lieb- und hoffnungslose Agieren der ProtagonistInnen umso schmerzhafter hervorsticht.

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