Nr. 46/2009 vom 12.11.2009

So reich und doch so arm

Sklavenhandel und Kolonialismus haben sich tief ins kollektive Gedächtnis der Bevölkerung des Südens gegraben, schreibt Jean Ziegler. Nun müsse der Westen die Verantwortung dafür übernehmen.

Von Daniel Stern

Jean Ziegler ist ein weitgereister Mann. Als Uno-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung hat er sich in den letzten Jahren nicht nur ausgiebig auf dem diplomatischen Parkett bewegt, sondern auch die elendesten Dörfer und Slums dieses Planeten besucht.

Sein neues Buch «Der Hass auf den Westen» basiert auf diesen Reiseerfahrungen. Ziegler stellt fest, dass sich die Staaten des Südens nicht länger die Menschenrechtspredigten des Westens anhören wollen, während dieser oft genug gegen die eigenen Prinzipien verstösst. «Der Hass auf den Westen, diese unausrottbare Leidenschaft», schreibt Ziegler, «beherrscht heute eine Mehrheit der Völker in der südlichen Hemisphäre.» Das habe Folgen: Im Menschenrechtsrat etwa würden DiplomatInnen aus Entwicklungsländern die Kritik des Westens am sudanesischen Diktator Omar al-Baschir als «unerträglichen Angriff auf die Völker der südlichen Hemisphäre» empfinden. Diese Solidarisierung mit einem mutmasslichen Völkermörder verhindere, dass genügend Uno-Blauhelmtruppen die Bevölkerung in Darfur schützen könnten.

Zwei Gründe für den Hass

Ziegler macht für den Hass auf den Westen zwei Gründe verantwortlich. Der erste bezieht sich auf die Vergangenheit. Der Sklavenhandel und die kolonialen Eroberungen hätten sich tief im kollektiven Gedächtnis des Südens eingegraben. Dieses Gedächtnis folge «Rhythmen, die kein analytischer Verstand vollständig erklären kann», schreibt er. Die Theorie vom kollektiven Gedächtnis stammt vom französischen Soziologen Maurice Halbwachs, der 1945 im KZ Buchenwald ermordet wurde. Zentrale Erfahrungen einer Gruppe oder Nation, so Halbwachs, werden von Generation zu Generation weitergegeben. Allerdings könne das Kollektiv traumatische Erinnerungen vorübergehend ins Unterbewusstsein verdrängen. «Erst nach einer langen Reifungszeit», schreibt Jean Ziegler, «verwandelt sich der erlebte Schrecken in einen Analysegegenstand.»

Die Länder des Südens fordern heute Wiedergutmachung und Reue für die vergangenen Verbrechen. Bezugnehmend auf die Theorie der «ursprünglichen Kapitalakkumulation» von Karl Marx, stellt Ziegler fest, dass der Westen nicht zuletzt gerade wegen der von ihm begangenen Verbrechen – Sklaverei, Ausbeutung in den Kolonien – sich wirtschaftlich überhaupt so stark entfalten konnte.

Den zweiten Grund für den Hass auf den Westen ortet Ziegler in der Unterdrückung des Südens durch die gegenwärtige globalisierte Ordnung. Der Internationale Währungsfonds und die Weltbank mit ihren Auflagen bei der Kreditvergabe, die multinationalen Konzerne mit ihren Raubzügen auf die Ressourcen sowie die neoliberale Ideologie seien «das letzte und bei weitem mörderischste der Unterdrückungssysteme, die [...] vom Westen errichtet wurden».

So wird die Armut zementiert

Ziegler spart nicht mit Beispielen: Er stellt fest, dass die USA ihre BaumwollproduzentInnen mit fünf Milliarden US-Dollar subventionieren und damit afrikanische BaumwollbäuerInnen in den Ruin treiben. Er prangert an, dass heute in Afrika auf jedem Markt «die afrikanische Hausfrau» europäisches Geflügel, Obst und Gemüse «für die Hälfte oder ein Drittel des Preises kaufen kann, den die entsprechenden einheimischen Produkte kosten». Die westliche Dumpingpolitik verhindere die Entwicklung des Südens und zementiere die Armut. Und internationale Abkommen wie die der Welthandelsorganisation WTO lassen den Staaten keinen Spielraum mehr: Sie dürfen einheimische Unternehmen nicht mehr bevorzugen – also das nicht tun, was früher im Westen die Industrialisierung stark begünstigte.

Ein eigenes Kapitel widmet Ziegler Nigeria, «der Fabrik des Hasses». Der achtgrösste Erdölproduzent der Welt ist eigentlich «unermesslich reich», gehört aber zu den zwanzig ärmsten Ländern der Welt. Die internationalen Erdölkonzerne bedienen sich schamlos am Reichtum des Landes, so Ziegler, bestechen die Machthaber und werden von der westlichen Politik dabei gedeckt.

Ziegler sieht auch positive Entwicklungen: So habe Bolivien mit der Wahl von Evo Morales zum Staatspräsidenten seinen Stolz wiedergewonnen. Morales hat 2006 die Öl- und Gasfelder, die Pumpstationen und Fördereinrichtungen besetzen lassen. Ziel war die «Wiederherstellung der energiewirtschaftlichen Souveränität». Hilfe erhielt der bolivianische Staat von Norwegen. So, lobt Ziegler, sollte sich der Westen verhalten: Norwegische ExpertInnen lieferten der bolivianischen Regierung die Berechnungsgrundlagen, um die Wirtschaftlichkeit der Öl- und Gasvorkommen des Landes abschätzen zu können. Aufgrund dieser Grundlagen handelte Bolivien mit den internationalen Energiekonzernen neue Verträge aus.

In Anlehnung an Rousseau

Jean Ziegler sieht im Aufbau von wirklich souveränen Nationalstaaten in den Ländern des Südens die Chance, «den Hass in eine Kraft der Gerechtigkeit, des Fortschritts, der Freiheit und des Rechts zu verwandeln». In Anlehnung an Jean-Jacques Rousseau fordert er einen «planetarischen Gesellschaftsvertrag», der auch den Westen in die Pflicht nehmen würde.

Auch wenn Ziegler in seinem Buch ab und an etwas nebulös wirkt, die Einstellung bestimmter Bevölkerungsteile stark verallgemeinert und als Position «der Völker» hinstellt, bringt er doch entscheidende Gegensätze unserer Zeit auf den Punkt. Und sein Plädoyer für eine «gerechte Verteilung der Güter, des gemeinsamen Schutzes von Luft, Wasser, Erde und der für das Überleben aller Menschen erforderlichen Nahrung» tönt zwar pathetisch, ist aber halt dennoch so dringend wie nie zuvor.

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