Nr. 52/2009 vom 24.12.2009

Krambambuli

Von Martina Süess

Die Novelle ist nur wenige Seiten lang und vielleicht auch deshalb eine der beliebtesten Tiergeschichten der deutschsprachigen Literatur. Sicher ist sie eine der besten. Die österreichische Autorin Marie von Ebner-Eschenbach veröffentlichte «Krambambuli» 1883 in einem Band, der unter dem Titel «Dorf- und Schlossgeschichten» Erzählungen versammelt, die sich mit den gesellschaftlichen Spannungen der Zeit beschäftigen. Auch die Hundenovelle lässt sich als metaphorisch verpackte Sozialkritik lesen. Dass sie aber vor allem eine Liebesgeschichte ist, verraten die ersten Sätze: «Vorliebe empfindet der Mensch für allerlei Dinge und Wesen. Liebe, die echte, unvergängliche, die lernt er – wenn überhaupt – nur einmal kennen. So wenigstens meint der Herr Revierjäger Hopp.»

Hopps grosse Liebe heisst Krambambuli, ein wunderschöner, reinrassiger Hund, den er einem Landstreicher, Wilderer und Säufer im Tausch gegen Schnaps abknöpft. Hopp muss dem treuen Hund den alten Herrn zuerst aus dem Sinn prügeln, doch nachdem sich das Tier unterworfen hat, werden die beiden ein unzertrennliches Paar.

Es kommt, wie es kommen muss: Eines Tages taucht der Wilderer unter äusserst unangenehmen Umständen wieder auf. Die Liebesgeschichte wird zur Ménage-à-trois und beinahe zum Krimi. Ein Mord geschieht, und eine Spur führt Krambambuli zum Täter und damit zur Gegenüberstellung der zwei Männer. Während des tödlichen Duells erreicht Krambambulis Loyalitätsdilemma seinen Höhepunkt. Sein hündisches Wesen bringt das Prinzip von Gut und Böse, Recht und Unrecht, Gesetz und Verbrechen, das die zwei Jäger verkörpern, durcheinander. Seine Treue macht ihn zum Verräter, seine Liebe wird zur tödlichen Gefahr. Wer wann wie stirbt, sei hier nicht verraten. Ob es sich bei Hopps Gefühl tatsächlich um Liebe handelt, sei dahingestellt.

«Krambambuli» handelt vor allem davon, was uns am Hund so fasziniert: seine amoralische Anhänglichkeit, seine ausweglose Abhängigkeit und seine absolute Loyalität jenseits von Gut und Böse.

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