Nr. 35/2010 vom 02.09.2010

Im Rahmen der Tradition

Von Yves Wegelin

Iran ist anders. Anders als das Drohbild, das die hiesigen Medien davon zeichnen. Aber auch anders als das romantisierende Bild, das sich manche WestlerInnen vom Land machen, die zum ersten Mal durch Teherans Strassen spazieren und die Wärme und Freundlichkeit der iranischen Bevölkerung erleben.

Das ist die Botschaft, die Antonia Bertschinger und Werner van Gent in ihrem gemeinsamen Buch vermitteln. Bertschinger war bis 2007 für zwei Jahre Beraterin für Menschenrechtsfragen auf der Schweizer Botschaft in Teheran. Van Gent schreibt seit Jahrzehnten als Auslandskorrespondent, darunter auch für die WOZ.

In «Iran ist anders» geht es unter anderem um Geschichte. Etwa um das Great Game – das Grosse Spiel –, in dem der Iran bis weit ins 20. Jahrhundert hinein zwischen dem britischen Empire und dem russischen Reich regelrecht zerrieben wurde. Oder um Reza Chan, den Schah von Persien, der nach dem Vorbild von Türkeigründer Mustafa Kemal «Atatürk» in den zwanziger und dreissiger Jahren des letzten Jahrhunderts sein Land zu modernisieren versuchte, indem er den Islam aus dem öffentlichen Leben verbannte.

Doch auch die Gegenwart kommt nicht zu kurz: Skizziert wird die Perspektivlosigkeit der Jugend, die persische Dichtung oder die gesellschaftliche Stellung der Frau: Vor allem hier zeichnen die AutorInnen ein Bild jenseits plakativer Vorstellungen wie jener säkularer, westlich orientierter Frauenrechtlerinnen, die sich gegen eine religiöse Männerwelt zur Wehr setzen. Das Kopftuch, so die AutorInnen, sei «für die iranischen Feministinnen und Aktivistinnen des beginnenden 21. Jahrhunderts überhaupt kein Thema». Trotz rigorosem Kopftuchzwang, der im Iran seit der islamischen Revolution (1979) herrscht.

Irans Frauenbewegung kämpfe in einem «traditionellen Rahmen». Nicht das Recht zur individuellen Entfaltung werde gefordert, sondern eine Besserstellung der Frau innerhalb des traditionellen Familienrechts. Die Frauenrechtlerinnen, so die AutorInnen, achten darauf, den Rahmen der religiösen Verfassung nicht zu verlassen – um der staatlichen Repression zu entgehen und um durch den verfassungsrechtlichen Grundsatz der Gleichheit (vor Gott) ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen.

Damit vermeiden sie auch die Gefahr, dass «die Millionen einfacher oder traditionell orientierter iranischer Frauen» den Frauenbewegungen die Gefolgschaft verweigern. Denn diese Frauen seien «konservativ-religiös» und hielten von «Schleierlosigkeit und allein lebenden Töchtern nicht viel».

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