Nr. 50/2010 vom 16.12.2010

Gegen das Machbarkeitsdenken

Von Bettina Dyttrich

«Darf ich denn nicht einfach schwanger sein?» Die Frau, die das fragt, gezeichnet von der Cartoonistin Anna Hartmann, spricht wohl vielen werdenden Müttern aus dem Herzen. Ultraschalluntersuchungen gehören heute zur Routine – doch was tun, wenn auf den Bildern nicht alles aussieht wie erhofft? Wenn es Anzeichen gibt, dass das Kind behindert sein könnte? Ist frau dann verpflichtet, das genauer abzuklären, oder hat sie das Recht, es gar nicht wissen zu wollen?

Von solchen Fragen handelt das Buch «Auswählen oder annehmen?», aus dem der erwähnte Cartoon stammt. Es stellt die verschiedenen Methoden der Pränataldiagnostik vor (dazu gehört auch der Ultraschall), erläutert die rechtliche Lage und geht auf die Diskussionen um die Präimplantationsdiagnostik ein. Diese Untersuchungen des in vitro erzeugten Embryos, bevor er in eine Gebärmutter eingepflanzt wird, sind in der Schweiz verboten – aber wie lange noch?

Das Buch, herausgegeben von Insieme (Vereinigung der Elternvereine für Menschen mit einer geistigen Behinderung), lässt alle Beteiligten zu Wort kommen: ÄrztInnen und andere Fachleute, Behinderte und ihre Eltern. Es informiert umfassend, ergreift jedoch Partei gegen das Machbarkeitsdenken: «Es gibt keine Garantie für ein gesundes und nicht behindertes Kind.» Trotzdem verharmlost es nie die Schwierigkeiten, die Eltern Behinderter meistern müssen. So beschreibt Martina Pärli, die Mutter einer Tochter mit offenem Rücken und Wasserkopf, ihren anstrengenden Alltag: «Das Schwierigste ist die ständige Einengung durch den minutengenau vorbestimmten Tagesablauf. Immer organisierend, immer vorausplanend, für mich wie später für Laura, sieben Tage in der Woche, ein Leben lang.» Doch sie wirkt keine Spur verzweifelt: «Wir sind alle selbstständiger geworden, mutiger, gelassener und eine Spur ehrlicher.»

Zum Glück gibt es so engagierte Eltern. Doch letztlich geht es um Politik: «Die politischen Instanzen sind aufgefordert, den Menschen mit einer Behinderung und ihren Familien gute Lebensbedingungen zu sichern», schreibt Insieme. Das ist in einer Zeit der IV-Revisionen auf Kosten der Schwächsten eine radikale Forderung.

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