Nr. 36/2011 vom 08.09.2011

Das geschieht dem Klov ganz recht!

Politische Wörter, deren Gewalt offensichtlich ist, schleichen sich in Freundeskreise und Elternhäuser ein. Es ist mehr als poetisch, sie auf den Kopf zu stellen, schreibt die Schriftstellerin Dorothee Elmiger.

Von Dorothee Elmiger

Über die Wörter schreibt der jüdische Schriftsteller Victor Klemperer zur Zeit des Nationalsozialismus: «Sie werden unbemerkt verschluckt; sie scheinen keine Wirkung zu tun – und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.»

Damit das gesagt wird, was nicht ungesagt bleiben darf, hat sich die «Schweizerzeit» auf die Fahne geschrieben, und dass jetzt und noch immer Schweizerzeit herrsche, das wird mir auf Schritt und Tritt deutlich gesagt, in den Voralpen und im Mittelland, an den Gleisen, den Ausfahrten, den Haltestellen sind die Fahnen immer schon gehisst, ganz gleich wie schnell die Züge fahren, sind die Plakate immer schon da. Als Frau, immerhin, bin ich meist nicht mitgemeint, denn: Nur Männer sind Schweizer oder: Nur Schweizer sind Männer, und: Schweizer wählen SVP.

Des Körpers beraubt

Bekanntlich haben es sich die stolzen Schweizer FahnenschwingerInnen zur Aufgabe gemacht, stets und ständig die Grenzen des Sagbaren zu überschreiten und jeder ethisch verbindlichen Rechtschreibung im mehrfachen Sinn eine Absage zu erteilen. Dabei berufen sie sich auf die Meinungsfreiheit als Grundrecht jeder demokratisch verfassten Gesellschaft, als TabubrecherInnen mit hehren Zielen recken sie die Lanzen, die Armbrüste tapfer in die Schweizerluft, verletzen aber mit ihrem Sprachgebrauch, mit ihren Sätzen und Sprüchen selbst gerade jene demokratischen Grundsätze, auf die sie sich berufen. Die Verantwortung für das eigene Vokabular – unbedingte Ergänzung zur Meinungsfreiheit – wird nicht wahrgenommen. Die Beständigkeit, mit der dies seit langem und mit unverminderter Vehemenz auch in diesem Wahljahr geschieht, hat den Wörtern dieser FähnlischweizerInnen eine weitreichende und gefährliche Nachhaltigkeit verliehen, sie wurden längst unbemerkt verschluckt und tauchen an anderer Stelle wieder auf:

Gemeine Räuber werden im «Tages-Anzeiger» unter der Überschrift Beide Männer sprachen «Balkan-Deutsch» gesucht, mit Die Roma passen sich ihrem Umfeld hervorragend an, wird im gleichen Blatt eine CVP-Politikerin zitiert. Gesprochen wird überall von Dublin-Fällen, Illegalen und Auszuschaffenden, die mir auf sonderbare Weise ihres Körpers beraubt zu sein scheinen, während im Gegensatz dazu die Billigen Polinnen, denen die «Rundschau» einen Beitrag widmete und die eigentlich schlechtbezahlte Pflegerinnen aus Polen waren, noch über ihre (allerdings käuflichen, allerdings fast ganz wertlosen) Körper verfügten und die kriminellen Nigerianer sogar über einen Kragen, an den es ihnen laut «Tagesschau» bald gehen sollte. Ich hörte vor allem immer vom Volkswillen und seiner Geringschätzung reden, von dem mysteriösen Volk sowieso und überall, von Wellen, von Strömen und Gewittern, die über ebendieses Volk hereinbrächen, hereinbrechen würden, bald, bald, pass auf, Confoederatio Helvetica!

Ich habe meinen Pass verloren

Dass diese Sätze und Wörter die Türen zu bedenklichen, ja gefährlichen Räumen öffnen, wurde längst und immer wieder festgestellt. 1987 schrieb Kurt Marti von der «Verwandlung von Flüchtlingen in Asylanten», die die Aufmerksamkeit weg von den Gründen der Flucht lenke, und er sucht in seinen Wörterbüchern nach dem Verb ausschaffen, erfolglos. «Und die Tat? Geht aus dem Wort hervor», schreibt er.

Dass ausgeschafft wird, scheint heute beschlossene Sache zu sein. Ausschaffen – aber wie? fragt die «Arena» nur noch. Das Verb hat jede Fragwürdigkeit verloren, obwohl ihm die Gewalt, die es bedeutet, ins Gesicht geschrieben steht: seine Verwandtschaft zu weg- und abschaffen, deren Nähe wiederum zu beseitigen ebenso wie die Bewegung, die das Verb vor das innere Auge zeichnet: Aus- oder weggeschafft kann ein Mensch nur dann werden, wenn er nicht fähig ist, sich selbst zu bewegen – weil er sich weigert, weil er unfähig ist, weil gefesselt oder tot. Das Wort beschreibt die Macht der einen über die anderen. Ich schaffe aus, er schafft aus, wir schaffen sie aus. So schrieb die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz im Jahr 2000: «Im Satzmuster Subjekt/Prädikat/Objekt bin ich schon mit der Fortschreibung des Zufügens beschäftigt. (...) Die Grammatik legt den Blick fest. Ist Ansicht. Und so vergewissert sich der Text der Komplizenschaft im Subjekt dem Objekt gegenüber. (...) Die Grammatik zwingt uns den Tätern zu. Und. Überleben wird im Sprechen entschieden. Weiterhin. So.»

Auch der oft angerufene Volkswille und die Warnung, die Schweiz müsse sich wappnen, führen in kriegerische Zusammenhänge: «wappnen, Verb. Mit einer Rüstung, einer Waffe versehen, ausrüsten, seit dem 12. Jahrh. auftretende (...) Nebenform zu waffnen», steht im Wörterbuch.

Die Wörter, die Sätze zeigen unverhohlen, was sie meinen – sie wären leicht zu lesen und zu entlarven. Aber das stete Rütteln an den Grenzen des Artikulierbaren, das unaufhörliche, das wüste Herausposaunen einer Handvoll simpler Sätze, gebastelt aus einem beschränkten Vokabular, das Beharren auf der Verknüpfung bestimmter Begriffe verschiebt langsam den öffentlichen, den eigenen Sprachgebrauch: Ich gewöhne mich an diese Wörter, diese Grammatik, die den Blick festlegt. Ich vergesse dem Volk entgegenzurufen: Aber ich kann die Schweizer Hymne gar nicht singen, aber ich spreche selbst keinen reinen Dialekt, und ich stottere sowieso, ich habe meinen Schweizer Pass verloren, bin noch nie zum Rütli übergesetzt, ich habe keinen Sinn für Landschaft, und vor Kühen fürchte ich mich, ich habe schon einmal eine Straftat begangen, bin also kriminell. Ich vergesse zu sagen: Dieses Volk gibt es nicht!, oder: So ein Volk darf es überhaupt nicht geben!, und sage stattdessen höchstens: Die andern sollen doch auch dazugehören dürfen, zu uns, dem Volk.

Die Wörter aus dem politischen Text, die zum Verzweifeln oft wiederholten Sprüche finden ihren Weg in das Vokabular des Alltags, sie schleichen sich ein in Lehrerzimmer, in Beizen und Lesesäle, in lokale Räume, Freundeskreise, Elternhäuser. Allein durch ihre stete Anwesenheit werden sie vertraut und vertrauter, es wird übersehen und vergessen, wie unhaltbar und skandalös sie sind. «Die Grammatik legt den Blick fest. Ist Ansicht.»

Wir wollen es anders sagen

Diese Verzahnung der Vokabulare macht umgekehrt aber auch die Bearbeitung, die Beleuchtung der Sprache durch die Einzelnen möglich: Die Freiheit der Wahl einer je eigenen Sprache ist ein demokratisches Gut, Entscheidungen können im lokalen, im alltäglichen Raum getroffen werden, so wie im Ort meiner Kindheit schon früh und täglich die Entscheidung getroffen werden konnte, das Wort Jugo zu verwenden oder eben nicht, die Wörter huere Jugo stets zusammen auszusprechen oder herauszufinden, dass Jugo nichts anderes als «Süd» bedeutete.

In ihrem Essay «Wo vom Krieg gesprochen wird, da ist Krieg. I.» schrieb Marlene Streeruwitz: «Jeder Text, den ich schreibe, richtet sich gegen alles, was Krieg vorbereitet, möglich macht, was Krieg ist. Jeder Text, den ich schreibe, ist gegen Überwältigung. Aber noch nie hat einer oder eine, die Krieg führen, einen Text von mir gelesen und danach aufgeschrien, nie wieder etwas mit Krieg zu tun haben zu wollen. (...) So bleibt mir nur der Akt einer poetischen Entfernung von diesem Wort Krieg mit seinem gesamten symbolischen Kapital. (...) und ich werde zur Bannung dieses Begriffs dieses Wort von nun an von hinten lesen. Der Text lautet dann: Wo von Gierk gesprochen wird, da ist Gierk.»

In diesem Sinn haben auch Jugendliche in den französischen Banlieues ein eigentlich poetisches Verfahren angewendet und die Sprache Verlan erfunden, die die Silben der Wörter von hinten nach vorne spricht: Aus der métro wurde le tromé, aus bizarre wurde zarbi. Verlan scheint – wie Streeruwitz’ Gierk – auf den ersten Blick dazu bestimmt zu sein, stets Vorschlag oder Behauptung zu bleiben, zwar eine Reflexion des Sprachgebrauchs zu leisten, aber als rein theatrale Geste wirkungslos zu bleiben. In Wahrheit hat sich Verlan aber über die Banlieus hinaus verbreitet, haben die BewohnerInnen der Banlieues und in der Folge Jugendliche in ganz Frankreich ihre Wörter umgedreht, um zu sagen: Wir haben darüber nachgedacht, und wir wollen es anders sagen.

Dieses poetische Verfahren, das die Wörter auf den Kopf stellt, um sie genau zu betrachten, wappnet niemanden und überwältigt nicht, anders als das Schweizerdeutsch kann sich Verlan auf keinen Gründungsmythos, keine Herkunft berufen, diese Sprache ist weder geheim noch exklusiv, aber sie kann vielleicht ein Erkennungszeichen sein. «Richtige Demokratie ist ja ein je neu zu überlegender Zustand und kann immer nur provisorisch erreicht werden. (...) Richtige Demokratie benötigte eine je neue Sprache, die die je neuen Konstellationen zu reflektieren vermag», schreibt Marlene Streeruwitz. Dass das Wort Volk in seiner Umkehrung dabei zu einem seltsamen Klov verkommt, geschieht ihm ganz recht.

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