Nr. 06/2012 vom 09.02.2012

Mit der Gurkensaat schon nach zwei Jahren ins Defizit

Nach vielen Kontroversen, die den Ruf der Firma ramponierten, zeigt sich Syngenta India gegenüber der Kritik aufgeschlossen – und hat einige ihrer verheerendsten Projekte zurückgezogen. Aber noch hält die Firma keineswegs alles, was ihre Eigenwerbung verspricht. Nach wie vor haben die Interessen der AktionärInnen Priorität.

Von Joseph Keve, Bombay

«Ich bin wahrscheinlich süchtig nach Syngenta», sagt Dineshbhai Patel, «vor allem das Saatgut der Tomatensorte Abhinav und die Pestizide haben es mir angetan.» Der 42-Jährige aus dem Dorf Kata im Norden des indischen Bundesstaats Gujarat ist kein normaler Bauer. Während jeden Tag Tausende von BäuerInnen die Landwirtschaft verlassen, hat Dineshbhai Patel seinen Job in einer städtischen Molkerei aufgegeben.

Er komme ganz gut zurande, erzählt Patel: «Seit sieben Jahren kaufe ich Saatgut von Syngenta. Es produziert robuste Pflanzen und feste Früchte, die ich nach der Ernte für ein paar Tage lagern kann.» Das erlaube ihm, die Tomaten sogar an Händler in Ahmedabad und Bombay zu verkaufen, wo sie einen guten Preis erzielen. Auch mit dem Syngenta-Insektizid Polo (Wirkstoff: Diafenthiuron) sei er zufrieden.

Nur zwei Umstände kritisiert Dineshbhai Patel: «Die Preise von Syngenta sind viel zu hoch, ein normaler Bauer kann sich schlichtweg nicht leisten, damit zu arbeiten.» 500 Gramm Diafenthiuron kosten Patel 1685 Rupien, umgerechnet fast 32 Franken. Ausserdem ist das Insektizid «viel zu stark. Es löscht alles Leben in der näheren Umgebung aus.» Die Schmetterlinge, die Bienen, sogar die kleinen Vögel seien verschwunden. «Aber dafür ist vielleicht nicht allein Syngenta verantwortlich.»

Auch Parshottambhai Pradhubhai Patel ist ein wohlhabender Bauer. Schon seine Vorfahren hatten in dem kleinen Dorf Narshinghpur in Gujarat Landwirtschaft betrieben. Auf zehn Hektaren fruchtbaren Lands baut der 51-Jährige Gemüse, Baumwolle, Kreuzkümmel, Senfpflanzen und Erdnüsse an – und versuchte es dann mit Wassermelonen. «Ein Freund hat mir vor drei Jahren Syngentas Hybridmelone Sugarbaby empfohlen, und ich bin entzückt.» Nur die Preise seien viel zu hoch. Ganz so begeistert ist seine Frau allerdings nicht. «Wir haben über Generationen hinweg unser eigenes Saatgut gepflegt, unsere eigenen Methoden der Schädlingsbekämpfung entwickelt und selbst noch gewusst, wie man richtig und nachhaltig düngt», sagt sie. «Jetzt aber hängen wir vom Markt ab und vergiften so langsam unsere Felder und unser Leben.»

«Wackere Schritte»

Wer es sich – wie die beiden Patels in Nordgujarat – leisten kann, scheint zumindest ökonomisch recht zufrieden zu sein mit den Produkten, die Syngenta India im bevölkerungsreichsten Staat der Welt vertreibt. Aber hat sich damit auch das schlechte Image verbessert, das sich der Konzern in den vergangenen Jahren in Indien erwirtschaftet hat?

Zumindest die Eigendarstellung der Firma klingt mittlerweile besser als auch schon. Man habe sich der «nachhaltigen Landwirtschaft» verpflichtet und «wackere Schritte» unternommen, «um die indische Landwirtschaft anzuheben», etwa durch «Weiterbildung der Erzeuger, die es diesen erlaubt, die täglichen Ungewissheiten zu bestehen» – so ist es in den Syngenta-Broschüren und -Berichten zu lesen. Dank einer «hundertprozentigen Anerkennung als verantwortungsbewusstes Unternehmen» sei der Marktanteil von Syngenta in Indien «in weniger als zwei Jahren von 18 auf über 24 Prozent gestiegen» (Jahresbericht der Syngenta Foundation India 2010–2011). In Indien verkauft das Unternehmen – mit Sitz in Pune (Bundesstaat Maharashtra) – vor allem Saatgut, Düngemittel und Pestizide.

Und doch hat der Ruf von Syngenta India erneut Schaden genommen. Anfang Dezember vergangenen Jahres verurteilte das Permanente Tribunal der Völker an seiner 37. Sitzung in Bangalore (Bundesstaat Karnataka) das Geschäftsgebaren von sechs Agrochemiekonzernen, darunter auch Syngenta. Diese Unternehmen würden durch den rücksichtslosen Einsatz von Pestiziden systematisch Menschenrechte verletzen, befand das unabhängige Tribunal, das seit 1979 an verschiedenen Orten tagt, «ihre Produkte zerstören die Umwelt». Auch wenn Syngenta India nicht mehr das Herbizid Paraquat verkauft – dieser Schlussfolgerung würde selbst der sonst recht zufriedene Dineshbhai Patel zustimmen.

Genpiraterie und Gentech

Schon 2002, kurz nach der Gründung von Syngenta India, war das Unternehmen in Verruf geraten. Damals hatte die Firma versucht, der Indira-Gandhi-Agraruniversität in Raipur im Bundesstaat Chhattisgarh über 20 000 Germplasmen abzuluchsen. Diese Keimgewebe hatten kleine FarmerInnen im Auftrag des renommierten indischen Reisforschers R. H. Richaria über Jahrzehnte hinweg gesammelt. In geheimen Treffen versprach Syngenta der Universitätsleitung eine «angemessene Entschädigung» für die Informationen. Kritische AgrarwissenschaftlerInnen reagierten umgehend: «Man darf doch das Wissen, das sich die Menschen über Generationen hinweg angeeignet haben und das dank öffentlicher Gelder gesammelt wurde, nicht einfach an ein profitorientiertes Privatunternehmen weiterreichen», argumentierten sie.

Der Widerspruch der WissenschaftlerInnen wäre vielleicht ungehört verhallt, wenn nicht die Bevölkerung protestiert hätte: Kaum war die Übereinkunft zwischen Syngenta India und der Universitätsführung bekannt geworden, kam es überall in Chhattisgarh zu Märschen, Kundgebungen und Sit-ins. Selbst in Kleinstädten und Dörfern wurden Hunderte verhaftet, doch die Demonstrationen hielten an – bis die Universität (auch auf Druck der Regierung von Chhattisgarh) nachgab und den Vorvertrag kündigte.

Nicht weniger umstritten waren die Patentanträge, die Syngenta für genetisch manipuliertes Saatgut gestellt hat. Vor allem im biotechnisch fabrizierten «Goldenen Reis» hat die Firma über Jahre hinweg grosses Potenzial gesehen. Dieser «Wunderreis» wurde von den Agrarkonzernen als probates Mittel gegen den weit verbreiteten Vitamin-A-Mangel verkauft. Indische ErnährungsspezialistInnen hatten zwar schnell herausgefunden, dass ein Kind neun Kilogramm dieses Reises pro Tag essen müsste, um seinen Vitamin-A-Bedarf zu decken (ein paar Karotten oder Yamwurzeln würden genügen).

Einhaltung von Mindeststandards

Trotzdem behauptete Syngenta in Indien lange Zeit, dass jeder Monat Verzögerung bei der Markteinführung 50 000 Kinder erblinden lasse. Und beantragte 2004 beim EU-Patentamt, in den USA und bei der Weltorganisation für geistiges Eigentum (Wipo) in Genf ein Patent für eine in den Syngenta-Labors entwickelte Sorte. Auch dagegen protestierten indische WissenschaftlerInnen. Mit dem 323-seitigen Patentantrag Nr. WO03 000 904 A2/3 habe Syngenta nicht nur Ansprüche auf die Gene der Reispflanze erhoben, die die Blütenentwicklung und den Aufbau der Reispflanze regulieren, sondern auch das geistige Eigentum auf viele weitere zentrale Gensequenzen von wichtigen Hauptnahrungsmitteln für sich reklamiert. Der Widerstand griff um sich, erreichte schnell internationale Dimensionen, Syngenta zog den Patentantrag zurück.

Dank dieser Opposition sind in Indien derzeit Experimente mit dem «Goldenen Reis» nur in einzelnen Labors erlaubt. Aber wer weiss: Syngenta werde auch künftig Patentanträge stellen, hatte ein Firmensprecher auf die internationale Kritik 2005 geantwortet: «Unsere Shareholder danken es uns nicht, wenn wir solche Chancen ausser Acht lassen.»

Diese Shareholder mit ihrem Renditeinteresse sind immer noch da. Doch die Konzernleitung, aufgeschreckt durch das negative Firmenimage, achtet vermehrt auf die Einhaltung von Mindeststandards. Alarmiert durch einen Bericht, demzufolge Syngenta auf seinen Baumwollsaatgutfarmen in Andra Pradesh Kinderarbeit (vor allem von Mädchen) tolerierte, hat das Unternehmen 2004 die Fair Labour Association (London) mit der Überwachung der Arbeitsverhältnisse beauftragt. Seither sind Kinderarbeitsfälle nicht mehr bekannt geworden – was vielleicht auch an dem Umstand lag, dass der Konzern 2005 sein Baumwollgeschäft in Indien verkaufte.

Ist also alles gut? «Wenn alles stimmt, was die Firma in ihrer Werbung verspricht, wäre ich der Erste, der für eine Übergabe des indischen Landwirtschaftsministeriums an Syngenta plädierte», sagt ein erboster Balchand Patil. Der 61-jährige Bauer und studierte Agrarökonom im Thane-Distrikt (Maharashtra) hat mit Syngenta-Gurkensaatgut schlechte Erfahrungen gemacht. Einem Rat von Syngenta-Vertretern folgend hatte er einen Teil seiner Reisfelder aufgeschüttet und Gurken gesät. Der Ertrag blieb jedoch weit unter den Erwartungen, zudem brach der Preis ein. Zwei Jahre lang versuchte er es weiter, vergebens. Nun muss er die Erde auf diesen Feldern wieder abtragen.

Aus dem Englischen von Pit Wuhrer.

Siehe auch das WOZ-Dossier zur Gentechnologie.