Nr. 10/2012 vom 08.03.2012

Ruedi Widmer schlägt der Schweiz einen Kurswechsel vor

Das Bankgeheimnis fällt und mit ihm ein Grossteil der Finanzindustrie. Doch wie soll es mit der Schweiz weitergehen?

Abgesehen von den drei bis vier Glencore-Herren aus dem Kanton Zug besitzt die Schweiz keinerlei Rohstoffe. Sie ist zwar steinreich, aber Steine bringen halt nicht viel Geld. Der einzige Rohstoff der Schweiz ist die direkte Demokratie. 

Der «Weltrat» – ein Winterthurer Eat-Tank, dem auch der Autor angehört –, der sich alle zwei Wochen im «Santa Lucia» trifft, um ungezwungen und unter partieller Ausblendung der Realität politische Studien zu betreiben, hat unter dem Einfluss von Pizza Napoli einen Ausweg für die Schweiz und Europa erarbeitet.

Die Gemeinde, besser noch der Bezirk, das ist die Zelle, aus der auch Europa bestehen muss. Die Schweiz sollte die direkte Demokratie im Franchising an andere europäische Länder verkaufen. Der Weg führt natürlich nicht über die Hauptstädte und die Regierungen, sondern, vergleichbar mit der Diskretion der ehemaligen Finanzindustrie, bilateral durch die Hintertür, direkt zu den Leuten, in die Kommunen und Gemeinden. Heerscharen verschwiegener Schweizer strömen mit Aktenköfferchen in die europäischen Provinzen aus und preisen in Gemeindehäusern und Schulaulen unsere Demokratie an (Starterkit auf Gemeindeebene ab 699 900 Franken; alleine Deutschland hat 11 252 Gemeinden, die Schweiz verdient so fast acht Milliarden Franken).

Die europäische Bevölkerung lechzt nach direkter Demokratie, und die Schweiz hat bei ihr diesbezüglich einen sehr guten Ruf. Im Gegensatz dazu wird unser Land in den europäischen Hauptstädten nicht geschätzt. Es wird bald noch weniger geschätzt werden, denn was wir vorschlagen, ist Unterwanderung, Anstachelung zum Ungehorsam.

Aus der Schweiz heraus würde so ein «Europa der Direkten Demokratie» (EDD) entstehen. Die Schweiz muss nicht der EU beitreten, die EU nicht der Schweiz, die EU wird umgangen, sie wird einfach ignoriert. Und vor allem: Ein Europa der direkten Demokratie beflügelt die Fantasie, es weckt Gefühle in den Leuten, die sie bei der EU nie hatten, Begeisterung, Freude, Lebenssinn! In einem EDD funktioniert selbst die Währungsunion.

Auch bei uns müsste der Export unseres Systems ins Ausland positive Gefühle wecken. Bei Europhilen und EuroskeptikerInnen gleichermassen. Selbst die SVP könnte offiziell nicht dagegen antreten, befürwortet sie doch die direkte Demokratie zumindest in ihrer Propaganda. Inoffiziell wäre sie natürlich dagegen, denn ohne Drohkulisse EU kann die «Ess Vou Pee» (Caspar Baader) nicht überleben.

Der Weg zum EDD oder dem «Geeinten und Glücklichen Europa» (GGE) führt nicht über die vergammelte Hauptstadt Brüssel. Die smarten Schweizer Demokratieagenten reisen mit ihren Powerpoint-Shows nach Turin, nach Lüttich, nach Brünn, nach Krakau, nach Glasgow, nach Dortmund, nach Marseille: Dort wohnen die Leute, die Europa vereinigen können, nicht in Rom, in Brüssel, in Prag, in Warschau, in London, in Berlin, in Paris.

Die Menschenmassen und PolitikerInnen aus der Provinz und den Vorstädten tragen die teuer von der Schweiz erworbene direkte Demokratie dann in ihre Hauptstädte. Wird sich die EU, werden sich Berlin und Paris wehren? Nein. Dazu fehlt schlichtweg die Zeit, und die Regierungen sind insgeheim froh, die EU nicht mehr retten zu müssen. Merkel, Sarkozy, Cameron und die EU werden innert Kürze abdanken. Die Schweiz aber verdient mit dem Franchisesystem gutes Weissgeld. Der Fortbestand unserer Volkswirtschaft ist damit gesichert.

Ruedi Widmer ist Cartoonist 
und lebt in Winterthur.

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